Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 20 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 20. Die Wahrheit Sette 7. Allenthalben ist die Trauer groß über den schweren Verlust, Den unsere Bereinigung, die Allianz, den unsere Kultusgemeinde Wien, den die gesamte Jndenschast erlitten hat. Es entspricht wohl dem Empfinden aller Anwesenden, daß -wir heute in schmerzlicher Erinnerung an den ausgezeichneten Mann, dessen irdische Hülle aus der Bahre ruht, in eine weitere Beratung, in eine Erledigung unserer Tagesordnung nicht ein- -gehen, sondern die heutige Sitzung mit dieser Trauerkundgebung, von welcher wir auch den Familienangehörigen des Dahingeschiedenen Kenntnis geben werden, schließen". Die Versammlung, welche die Rede des Präsidenten znm ..Zeichen der Trauer stehend angehört hat, stimmt einhellig zu. Die ewigen Wahrheiten der Thora. Das edelste und vorzüglichste Geschöpf in der Natur ist unstreitig der mit höheren Geistesgaben geschmückte Mensch, wenn er die ihm von der Vorsehung verliehenen Fähigkeiten 'sorgfältig zn verwerten und von der Bahn der Tugend, Moral und Sittlichkeit nie abznlenken versteht, wenn er überhaupt die Willenskraft besitzt, sich selbst zn beherrschen, jede Leidenschaft zu bekämpfen. Solch ein heldenmütiger Mensch kann den höchsten Gipfel der Gottähnlichkeit erklimmen, Großes hiernieden schaffen, äußerst wohltätig im Kreise der menschlichen Gesellschaft wirken und sich die Unsterblichkeit erringen. „Wenn ich das schöne prachtvolle, imposante Weltgebände, das du ins Dasein gerufen, betrachte und bewundere, denke ich, wie sehr geschützt wird der Mensch doch von dir. da du ihn in jeder Beziehung besonders bevorzugt und begnadet hast; du hast ihn ja den Engeln wenig machgesetzt und mit Ehre und Ruhm geschmückt; du läßt ihn Pas ganze Reich der Natur beherrschen, alles in dieser herrlichen Welt hast dn ihm zur Verfügung gestellt, die Lustfliege und die Tiere im Meer, er bahnt sich Straßen durch die Meere. 'Ewiger unser Herr! wie mächtig ist dein Name auf der ganzen Erde!" (Ps. 8). Der schwache Mensch aber, der nicht die Willenskraft besitzt sich selber zu beherrschen, zu veredeln und zu vervollkommnen, sandern sich vielmehr von der Leidenschaft beherrschen läßt, und daher sich der Erde, ihren Freuden und Ergötzlichkeiten in die Arme wirft und jedes höhere Ideal vornehm belächelt und bespöttelt, sinkt allmählich znm wilden Tiere hinab, schrickt vor keinem Laster und Verbrechen zurück und kann, wenn er nicht rechtzeitig, gleich der wilden Bestie dingfest gemacht wird, der menschlichen Gesellschaft sehr gefährlich werden. Gleich bei der Schöpfung, so bemerken unsere Weisen, chat Gott, der Herr, mit Himmel und Erde also gesprochen: Ihr seid von mir nur bedingungsweise geschaffen worden, die Bedingung, von der euer Fortbestand abhängt, ist, daß Israel die Thora, deren menschenerfrenenden, menschenbeglückenden 'Lehren die Grundsänlen bilden, ans welchen die sittliche Weltordnung beruht, bereitwilligst annimmt und sich verpflichtet, dieselben in der Welt zu verbreiten; verweigert aber Israel deren Annahme, so sollet ihr in Trümmer und das Toliu 'wabohu, das vor euch da war, tritt an euere Stelle, denn eine entgötterte Welt, die die Offenbarung leugnet, die biblischen Gesetze der Menschenliebe, Menschenverbrüderung mißachtet, hat keine Existenzberechtigung. Drei Tage vor der Offenbarung am Sinai erhielt Moses folgenden göttlichen Auftrag: „So sollst du dem Hause Jakobs sagen und den Kindern Israels verkünden: Ihr habt gesehen, was ich den Mizrajim getan, ich hahe euch auf Adlersflügeln getragen, ich habe euch zu mir gebracht. Und nun, wenn ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund Hochhalten werdet, so sollt ihr von mir besonders bevorzugt nnd mit einer hohen Mission betraut werden, ki li kol koorez, denn mir gehört ja die ganze Erde, ich bin ja kein Nationalgott, sondern der Schöpfer des Weltalls, der Vater aller Menschen, der Lenker aller Geschicke und wünsche daher, daß alle Menschenkinder mit den ethischen Lehren, wie mit den Gesetzen der Humanität meiner Thora vertraut gemacht werden. Ihr sollt mir daher sein eiu Reich von P r i e ft e r n, ein heiliges Volk." (II. M. 19). Das heißt mir anderen Worten, jeder Jiraelite soll durch sein Leben und Streben, Wirken und Schaffen, Tun und Lassen einem Priester, einem würdigen gewissenhaften Lehrer gleichen, der bestrebt und bemüht ist die herrlichen Lehren der Religion, nicht nur durch Worte, sondern auch durch die Tat in die Oeffeutlichkeit zu verbreiten. In der Mechilta zu Jelro heißt es: Als Gott der Herr am Sinai sich offenbarte und das Weltall durch die Gotlesstimme erschüttert war, da gerieten die Fürsten der Erde in Angst, Furcht, Bangen und Grauen bemächtigten sich ihrer und in ihrer Verzweiflung eilten sie zitternd zu Bileam, dem heidnischen Propheten und riefen aus: „Wird denn wieder eine neue Sintflut hereiubrecheu und uns alle vernichten?" „Was fällt euch bei", entgegnete der Prophet der Heiden. „Gott der Herr hat doch längst geschworen, daß nie wieder Fluten die Welt zu Grunde richten sollen". „Vielleicht aber werden Feuersglnten die Welt verzehren?" „O, fürchtet nicht," ries Bileam ihnen tröstend zu, „Gott der Herr verleiht bloß Israel die Thora, eine Lehre, die „08“ „Sieg" wird, die unter allen Umstünden siegen wird, siegen muß, und zwar die großen ewigen Wahrheiten, die sie enthält, durch die unvergleichlich schönen mustergiltigen Gesetze der allgemeinen Menschenliebe, die die mächtigste Säule der sittlichen Weltordnnng bilden". Befriedigt und beruhigt verließen die Fürsten den heidnischen Propheten, und kehrten in ihre Heimat zurück. Und in der Tat genügt ein Blick in die Vergangenheit, um uns zu überzeugen, daß in Zeiten, da die Thora, das sogenannte „Alte Testament" auch in nicht jüdischen Kreisen hochgehalten nnd ihre humanen Gesetze wie: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", „Liebe den Fremden wie dich selbst" u. s. w. respektiert worden, es beu Regierungen nicht schwer fiel, Gesetz und Recht zn handhaben, füe die Ansrechterhaltung der öffentlichen Rnhe, Ordnung nnd Sicherheit Sorge zu tragen; in Zeiten aber, wo fanatische Dunkelmänner, angeblich „zur Ehre Gottes," tatsächlich aber um ihre eigene Macht zu vergrößern, ihre Herrsch- und Habsucht zn befriedigen, das „Alte Testament" mißachteten und fälschten, es als eine Religion des Hasses nnd der Verfolgnngssucht brandmarkten und die Bekenner dieser Religion, die sich um ihres Glaubens Willen mit der Krone des Märtyrertums schmückten, verlänmdeten, verdächtigten und verunglimpften, um sie den Mißhandlungen des Pöbels preisgeben zu können; in Zeiten, wo diejenigen, die berufen gewesen wären, „die Religion der Liebe" zn lehren, sich erkühnten den Judenhaß — jetzt Antisemitismus genannt — iu Wort und Schrift zu verbreiten, der sittlichen Weltordnung Gefahr drohte, in ihren Grundfesten erschüttert zu werden; denn die Geister, die jenen frommen (?) Lehren wachgernsen, ließen sich nicht mehr bannen. Der Judenhaß, der Dezennien lang in Tages-, Wochen- und Monatsblättern, in dickleibigen Werken, wie in Broschüren, in öffentlichen Ratsversammlnngen, wie in den der Lust und Freude gewidmeten Lokalen gelehrt uud gepredigt wurde, um das alte Judentum, das Jahrtausende lang, selbst einer Welt in Waffen zu trotzen vermochte, vernichten zu können, hat riesige Fortschritte gemacht und sich bis zum allgemeinen Menschen Hatz entwickelt. Alle Mittel, die angewandt wurden, ihn zu lokalisieren, blieben fruchtlos. Die Bestie in diesen M e n s ch e n h a s s e r n hatte sich bald in ihrer wahren Gestalt gezeigt, und so kam es, daß ans der einen Seite Pogroms veranstaltet wurden und aus der anderen Seite die Apachen sich durch ihre Kunstwerke bewundern ließen und einen neuen Glauben zu verbreiten sich bemühen, Anarchie genannt. Das sind die Früchte, die der wachgerufene und sorgfältig gezüchtete Menschenhaß gezeitigt. A m i t a i. Fnnst nnd Moses. In der literarischen Rundschau des „Berliner Tageblatt" referiert der ehemalige Direktor des Wiener Burgtheaters, Paul Schlenther, über einen Vortrag: „Einwirkungen der