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Die Wahrheit · 1912-05-24 · Heft 20 (24.5.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 20 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheil Nr. 20. Seite 6. jüdischen Zeitungen und schriftlichen Bericht des.Delegierten des Kultnsvorstandes, Herrn Dr. Heinrich Schreiber, über den Verlauf der erwähnten Generalversammlung. Der Präsident teilt unter Bezugnahme aus die vorhandenen Akten den Sachverhalt' in der seit langem schwebenden Frage der Bestellung eines Rabbiners für die Brigittenau mit. Nach Kenntnisnahme des Berichtes des Präsidenten versichert die Versammlung einhellig den Präsidenten des vollsten Vertrauens und gibt ihrer Meinung Ausdruck, daß es dein Herrn Präsidenten, dem so oft und gerade in letzter Zeit die glückliche Lösung schwieriger, für die Gemeinde hochbedenteuder Fragen zu danken ist, gelingen werde, auch diese Angelegenheit unter Wahrung des als richtig erkannten Standpunktes der Gemeinde zu einem befriedigenden Abschluß zu führen. ' * * In Angelegenheit der Brigittenauer Rabbinersrage, welche in der Sitzung des Vorstandes der Wiener israel. Kultusgemeinde vom 12. Mai d. I. in Behandlung stand, hat Präsident Dr. Alfred Stern zur Klärung der Sachlage das Folgende erklärt: Er habe in keiner der vielfachen Besprechungen mit den Vorstandsmitgliedern des Brigittenauer Tempelvereiues ein bindendes Versprechen bezüglich der Lösung dieser Frage gegeben, so wie er überhaupt mit Rücksicht ans das Bestimmungsrecht des Kultusvorstandes niemals bindende Versprechen geben kann und gibt. Er habe auch in diesem Falle, wie immer in solchen Fällen, lediglich die Zusage gemacht, die eine oder andere Anregung dem Vorstande der Knltusgemeinde mit oder ohne Befürwortung zu unterbreiten. Die Wiener Knltusgemeinde zählt heute 15 Gemeinderabbiuer und diese Zahl wird nach Besetzung des Rabbiner- Postens in der Leopoldstadt auf 16 steigen. In der Sache selbst steht der Präsident in Uebereinstimmung mit dem Kultusvorstande nach wie vor auf dem Standpunkte, daß eine Vermehrung der gegenwärtigen Zahl der Wiener Gemeinderabbiner sowohl in Interesse des Ansehens der Gemeinderabbiner selbst, wie auch in Interesse der Knltnsgemeinde hinlanzuhalten sei. Hingegen hat sich das Tnruus-Rabbinat bisher immer auf das beste bewährt und es liegt kein Grund vor, von diesem Modus abznweichen. Dieses Turnnsrabbinat besteht darin, daß zwei Bethausvereine gemeinsam einen Gemeinderabbiner und einen Substituten bestellen, daß turnusmäßig an Samstagen und Feiertagen die Herren in den beiden Bethäusern wechselweise fungieren, Trauungen jedoch nur von dem Gemeinderabbiner geschlossen werden dürfen. Der Substitut, der als Mittelschulprofessor seine Existenz findet, genießt eine Aufbesserung seiner Bezüge infolge seiner den Gemeinderabbiner substituierenden Tätigkeit. Die Erfüllung des Wunsches des Brigittenauer Tempelvereines. einen eigenen Rabbiner für sich allein zu besitzen, würde den ersten Schritt zur Schaffung eines neuen Gemeiuderabbinates bedeuten und würde die Wünsche anderer Bezirke, die nicht znrückstehen wollen, wachrufen, Wünsche, die dann nicht mehr unberücksichtigt bleiben könnten. Israelitische Alliau; fu Wie». Die für Mittwoch, den 15. d. M. eiuberufene Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" ging nicht in die Verhandlung der Tagesordnung ein. sondern gestaltete sich bloß zu einer Trauerkundgebung für den verstorbenen Präsidenten David Ritter v. G u t m a n n. Vizepräsident Dr. Adolf Stern eröffnete die Versammlung mit folgender Ansprache: „Mit tief schmerzlicher Ergriffenheit eröffne ich heute die rechtzeitig eiuberufene und so zahlreich besuchte 39. Generalversammlung der Israel. Allianz zu Wien, denn der Mann, der als einer der Gründer der Allianz in dem in Ihren Händen befindlichen Jahresberichte erscheint, der während der 39 Jahre ihres Bestehens im Vorstande derselben, seit 23 Jahren als ihr Präsident fungierte, David Ritter v. Gntmann, liegt auf der Bahre. Und von 27 Gründern der Allianz im Jahre 1873, welche auf die Zahl von 5 zu Beginn dieser Woche zusammengeschmolzen war, sind heute, nur mehr 4 am Leben. Der in Ihren Händen befindliche, reichhaltige Tätigkeitsbericht über das abgelaufeue Vereinsjahr gibt Ihnen Zeugnis von der umfassenden Tätigkeit unseres dahingeschiedenen Präsidenteu, denn nicht ein einziger Zweig, nicht eine einzige Gruppe in allen unseren Leistungen wurden ohne seinen maßgebenden Einfluß, ohne seine Mitwirkung, zumeist auch über seine Initiative geschaffen und kultiviert. Die Schule erfreute sich seiner besonderen Patronanz. Welche Schwierigkeiten den Schulgründungen in Galizien entgegenstanden und wie er den Schwierigkeiten gerade auf diesem Gebiete zu begegnen wußte, das konnten nur die Wenigen beurteilen, die Gelegenheit hatten, mit ihm zu arbeiten. Der Abwehr gegen Gewaltmaßregeln, deren Opfer unsere Glaubensbrüder sind, galt seine unausgesetzte, rastlose Tätigkeit. Ich selbst weiß aus eigener Erfahrung, wie oft er bei den Gewaltigen dieser Erde vorsprach, um dort Schutz zu suchen fürfeine Glaubensbrüder. Wie oft hatte ich ihn auf diesen Wegen begleitet und wie öfter noch hat er einer raschen Eingebung feines Herzens folgend, allein solche Wege gemacht. Wenn ein Staatsmann, insbesonders aus jenen Staaten, welche in der Verfolgung unserer Glaubensbrüder eine besonders rühmliche, ihrem Lande förderliche Tat sahen, in unsere Stadt kam und David Ritter v. Gut mann hievon erfuhr, so geschah es sicher, daß er, wenn möglich, noch zur selben Stunde bei diesem Manne erschien, um ihm das traurige Los unserer Brüder in beweglichen Worten zu schildern, ihm die auch für jenen Staat hieraus entspringende Schädigung, die wirtschaftlichen Nachteile, die Einbuße an Ehre imb Vertrauen vorzuhalten. In letzterer Zeit, als wieder einmal die schaudvolle Ritualmordlüge in einer neuerlichen Ansiage in dem Kiewer Prozeß gegen den armen Juden Beiliß anftauchte, stand auch er in der Reihe der Kämpfer .gegen diese lügenhafte, abergläubische, schaudvolle Anklage. In Oesterreich durch die Allianz, in Deutschland durch den Hilfsverein der deutschen Inden, in Frankreich und England wurden flammende Proteste gegen die Blntmordbeschuldignng erhoben, Proteste, die von hunderten Männern, von den ersten Staatsmännern unserer Zeit, von Bischöfen und Erzbischöfen verschiedener christlicher Kirchen unterzeichnet wurden. Und so schwebt es mir vor, daß ich im Sinne des Dahingeschiedenen handle, als ich - gegen die Behauptung, die ein russischer Würdenträger in einer in der „Times" veröffentlichten Zuschrift aufstellte, in welcher er von einer angeblich jüdischen Sekte sprach, die solche scheußliche Morde verübe, entschiedenst Stellung nahm und ganz offen in einer Zuschrift, welche gerade heute die hier aufliegende Nummer der „Times" bringt, erklärte, daß es eine solche Sekte nicht gibt und nie gegeben habe, daß wir zur russischen Justiz kein Vertrauen haben, daß in jenem Prozesse die Spuren der wahren Mörder absichtlich nicht verfolgt werden, daß durch von der Regierung patronisierten Blätter eine Judenhetze inszeniert wird re. rc. Gewiß hätte er dieser Publikation seine volle Zustimmung gegeben. So innig war der Name des Dahingeschiedenen mit der Allianz verknüpft, daß wir uns dieselbe ohne seinen Namen nicht denken konnten, daß wir uns mit dem Gedanken trugen, mit dem im nächsten Jahre zu feiernden 40jährigen Bestände der Allianz auch ihn gebührend zu feiern. Ein unersorschliches Geschick hat es zu unser Aller tiefer Trauer anders beschlossen, und wir beklagen heute den Verlust eines unserer Besten, eines in hervorragender Stellung unermüdlich tätigen, führenden Glaubensbruders. Ich ersuche den Herrn Sekretär, die eing'elanfenen Telegramme bekannt "zu geben. (Sekretär Dr. Kaminka verliest die Telegramme der Alliance israelite •universelle in Paris, welche mit ihrer Vertretung beim Leichenbegängnisse den Präsidenten Dr. Adolf Stern betraut, ferner, die Telegramme des Hilfsvereines der deutschen Juden in Berlin, der.Prager Filiale der Allianz, des Präsidenten der Prager Kultnsgemeinde Herrn Dr. Alois Rosenbacher rc.)

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