Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 19 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 9. Nr. 19. FeniUeton. Jer verkaufte Sohn. Von Babette Fried, Prag. Das Gleichgewicht in der kleinen, frommen Gemeinde zn 'P. war gestört. Die Wage der öffentlichen Meinung neigte sich bald.anf diese, bald ans jene Seile. Die Spannung war aufs Aenßerste gestiegen. So konnte es länger nicht bleiben. Einer von beiden mußte nachgeben, sollte nicht alles zn Grunde gehen. Wer aber? Der eine sagte: Ich bin der mit Stimmeneinhelligkeit gewählte Borsteher dieser Gemeinde, entstamme der ältesten Familie derselben, welche bei der großen Gesere Thein (der Austreibung der Juden aus der sndböhmischeu Stadt Moldauthein) sich hier angesiedelt hatte, und durch ihren Einfluß es dnrchgesetzt. daß sich viele andere heimatslose Familienväter unter dem Schutze der stets geldbedürftigen Schloßherrschast hier niederlassen durften — und er? Er ist Fremder, bezahlter Angestellter. Wenn ihm daraus von Leuten, welche eine Aussöhnung zwischen dem weltlichen und geistigen Oberhaupte der Gemeinde ehrlich anstrebten, erwidert wurde, der Hinweis auf die Verdienste seiner längst hingegangenen Ahnen sei ein lächerliches Schns ans Konros/) wie der Volksmnnd sagt, entgegnete er gereizt: Und icb. leiste ich denn gar nichts? Bin ich doch der größte Baal Schont) in der Gemeinde, kaufe ich doch in Schul alle Mizrvos zusammen, und wenn ich zur Thora gerufen werde, so schnödere^) ich so viel wie alle anderen Ausgerusenen zusammen. Warum also soll ich unterkriechen? Ich habe es wahrhaftig nicht notwendig. Sein Gegner aber antwortete dem, Vermittler in seiner bescheidenen Weise: Nicht meine Person hat der Vorsteher beleidigt, sondern das 'Wort Gottes, das ich ihm vorgehalteu habe. Ueber eine persönliche Beleidigung wäre ich achtlos vorbeigegangen. aber in diesem Falle bin. ich es meinem Stande schuldig, mich nicht zu erniedrigen, und keinen Schritt znrückznweichen. So standen die Sachen. '■ Während die beiden Führer der Gemeinde schmollten und keiner den ersten Schritt zur Versöhnung machen wollte, war im Gemeindeleben eine um so bedenklichere Stagnation eingetreten als die Jomim Noroim. die hohen Feiertage so zu sagen vor der Tür standen, und man gewöhnt war, daß Rabbiner und 'Vorsteher alles einträchtig miteinander besprachen, so z. B. wann die einzelnen Gebete beginnen sollen, wem von den Herren, welche ans. diese Ehre reflektieren, die einzelnen Testlos anvertrant werden sollen, wer Schosar blasen soll, welche Slichos gesagt werden nsw. Die Veranlassung zu diesem Zerwürfnisse war ja im Grunde -eine so geringfügige, so ganz private, welche weder die beiden Streitenden selbst, noch weniger die Gemeinde selbst als solche angiug. Es war ja allen herzlich gleichgiltig, ob Salme Backs zweiter Sohn auch studieren gehe, oder ob er seinem Vater behilflich werde, am- Erew Schabbos und Jomtov die knusprigen Barches im Gemeindebackofen zn backen, das Schalit zn setzeil und vor Ostern die Mazos zn backen. Nur. der Rabbiner in seiner weitgehenden Menschenliebe fand es unverzeihlich und grausam, daß solch begabter Junge, wie Salme Backs Kobi bei dieser Arbeit geistig zu Grunde gehe, anstatt wie sein älterer Bruder Markus anss Gymnasium zn gehen und dort zu studieren. Rabbiner Ahronson sah bereits im Geiste den talentierten Jungen die Kanzel in der Synagoge einer großen Gemeinde besteigen und mit eindringlichen Worten die Grundsätze und Lehren unserer erhabenen Religion einer begeisterten Gemeinde versündigen. Was an ihm lag, daß Kobi Weiß dieses Ziel erreiche, das tat er auch. Er gab ihm — natürlich unentgeltlich — Unterx) Verdienst der läugstbegrabeuen Väter. a) Knltuslastenträger. 3) Abschnitt ans der Mischna, Heiligung des göttlichen Namens nach gepflogenem Talmudstudium. richt in Bibel und Talmud, bereitete ihn vor, die damals vorgeschriebene Prüfung aus der vierten Hauptschulklasse abznlegeu. Die großen Fortschritte, welche klein Kohi in den religiösen und profanen Wissenschaften machte, lohnten reichlich die ausgewandte Mühe, Als es aber dazu kam einen Entschluß zu fassen, stieß der Rabbiner auf ein unerwartetes Hindernis. Der Vater des Knaben, Salme Back selber, sträubte sich dagegen, daß auch sein zweiter Sohn studieren sollte. Er behauptete, daß für einen Menschen in seinen Verhältnissen e i n Student gerade Luxus und kostspielig genug ist. Sein zweiter Sohn möge ihm im Handwerk Helsen, er sei schon zu alt dazu, um sich für zwei Studenten zn plagen. Erst als sich der Rabbiner erbot, bei der Gemeinde eiire ausgiebige Unterstützung zn Studienzwecken für Kobi zn erwirken, gab der Bäcker, und das nur zögernd und unter so manchem Vorbehalte, seine Einwilligung. Befriedigt über diesen Erfolg begab sich Rabbi Ahronson in die Wohnung des Gemeindevorstehers, um ihm den Fall vorzutragen.. Aber da kam er schön an. Der Vorsteher schrie wie wütend: „Wo steht geschrieben, daß Salme Back zwei studierte Söhne habe. Genug, daß ihm die Gemeinde das einträgliche Amt eines Gemeindebäckers verliehen, ist sie seinem Markus behilflich, daß er ins Gymnasium gehe, und jetzt soll auch noch der andere studieren? Das muß nicht sein!" Ahronson war über diese Hartherzigkeit ganz entrüstet, äußerte das wohl in gar zn offener Weise. Ein Wort gab das andere, es fielen zwischen den zwei befreundeten Männern einige ganz und gar unparlamentarische Ausdrücke, kurz und gut, zwischen Rabbiner und Vorsteher war das Tischtuch entzweigeschnitten. Jeder von den beiden mochte wohl die Stunde vertraulicher Aussprache znrückersehnt, und gerne die Hand zur Versöhnung reichen, aber den ersten Schritt znr Versöhnung machen, dazu konnte sich keiner von ihnen entschließen. So war der erste Selichostag gekommen. Mit Anbritch des Tages hatte der Rabbiner sein Lager verlassen, um in das nahe Bethans zu gehen. Er langte daselbst als einer der ersten an, lernte einen Perek Mischnajis, um den Gottesdienst mit einem Rabonim-Kadisch beginnen zu können. Allmählich füllte sich das kleine aber trauliche Bethans. Jeder nahm still seinen Platz ein. den Nachbar nur durch ein Händeschütteln oder gar nur ein leichtes Kopfnicken begrüßend. Der erste der Selichostage hatte alle Herzen in feierliche Stimmung versetzt. Trotzdem schon von Beginn des Monates Ellnl an. der Schall des Schosar das Herannahen der ernsten, bedeutungsvollen Feste verkündet hatte, so schien sich doch erst heute eine weihevolle Stimmung der Beterschar bemächtigt zn haben. Bald war das Gotteshaus gefüllt. Nur e i n Platz war leer geblieben — der des Vorstehers. Zwar wurde das Ausbleiben des frommen Mannes von allen Anwesenden bemerkt, aber niemanden hatte es mit gleicher Unruhe erfüllt, wie den Rabbiner, der unverwandt auf den ihm gegenüberliegenden leeren Sitz hinblickte, als erwartete er, dort plötzlich die Gestalt des einstigen Freundes und nunmehrigen Gegners anftauchen zn sehen. Die alte Freundschaft regte sich gar bedenklich in dem Herzen des gutmütigen Mannes und entfachte daselbst eine Sorge wegen des Ausbleibens des Vorstehers vom heutigen Gottesdienste, den er niemals zuvor versäumt hatte. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Ost und West. Heft 5. Mai 1912. 12. Jahrgang. Inhalt: Die Inden und die deutschen Universitäten, Dr. med. Th.odor Zlociü'. Revue der Ereignisse : Amerikanisch-jüdische Sorgen. Jüdische Emigrarionspolitik, Homernle und die Inden, Schamlosigkeit vor dem Tode. Illustrationen zn Rußlands Judenpoliiik im letzten Monat. Unser Frühling, Julius Goldberg. Simson in der bildenden Kunst (mit 12 Illustrationen), Karl Schwarz. Eine Geschichtslüge über Leopold Zunz, Prof. Dr. Kalischer. Der Taube (Schluß), David Bergelsohn. Die neueste Erfindung eines jüdischen Hosmusikers (mit 2 Illustrationen). Landesrabb. Dr. Silberstein. Literarische Rundschau. Mitteilungen a n s dem deutschen B u c e a ii der Alliance Israölite Universelle: Aufruf des Pariser Central-Konntös der A. I. U. für die marokkanischen Glaubensgenossen. Die Juden von Fez. Notiz: Breslau. Theater, Felix Stößinger. Inserate.