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Die Wahrheit · 1912-05-17 · Heft 19 (17.5.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 19 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 19. worden sind. Die letzteren plädirten in erster Reihe für Abschaffung des Oberrabbinats und forderten, falls dieses nicht erreichbar, zum mindesten, daß der zu wählende Chiefrabbi ein Mann von zweifellos orthodoxer Gesinnung und hervorragender Gelehrsamkeit sein soll. Delegiertenlag der Kultusgemeiudeu von Niederösterreich nud den Alpenländern. Am 9. d. M. fand über Einladung des Präsidenten des „Aügem. österr. Israel. Bundes" Dr. Alfred Stern im Sitzungsfaale der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eine Versammlung der Delegierten der Kultusgemeinden von Niederösterreich, Oberösterreich und den Alpenländeru statt. Der Zweck dieser Delegierten-Versammlung war die Gründung eines Gemeindeverbandes, der genannten Kronläuder. In der Versammlung waren anwesend: Wien: Dr. Alfred Stern, Präses, Dr. Gustav Kohn, k. k. Landesschulrat, Dr. M. Güdemaun, Oberrabbiner, Dr. Arnold Ascher, kais. Rat, Anton Schneider, Baden, Bernhard Biller, kais. Rat. Graz. Leopold Rosenbaum, Gr.-Enzersdorf, Hermann Erber, Klosterneuburg- Tulln. Otto Anspitz, Krems, Benedikt Schwager, Linz, Ludwig Abeles, Mistelbach. Ignatz Bslai, Mödling, Simon Löwy, Neuukirchen, Theodor König ans Retz für Kultusgemeinde Oberhollabrunn, Josef Greipel und Wilhelm Jelinek, Stockerau, Albert Leicht, St-Pölteu, Friedrich Weißkopf. Wr.-Neustadt, Wilhelm Pappenheim. Wien. Ferner: Kultusgemeinde Hohenems und Salzburg. Nachdem der Präsident den Zweck der Versammlung unter allgemeiner Zustimmung anseinandergesetzt und den Delegierten der einzelnen Kuftnsgemeinden die Notwendigkeit der zu.schaffenden Organisation betont hatte, wurden die Statuten des Verbandes angenommen. Ueber eine Anfrage des Delegierten der Mödlinger Kultusgemeinde, Herrn Bslai betreffend ein anläßlich der letzten Wiener Gemeinderatswahlen von christlichsoziaker Seite verbreitetes Pamphlet über eine Rede eines angeblichen englischen Rabbiners, namens Retcliffe, gibt der Vorsitzende Dr. Alfred Stern folgende Erklärung ab: „Einen Rabbiner namens Readcliffe oder Retcliffe hat es weder in England, noch anderswo jemals gegeben. Die von der Wiener antisemitischen Bezirkspresse in verhetzerischer Absicht anläßlich der Wahlen veröffentlichte und von der antisemitischen Presse weiterverarbeitete angebliche Rede eines Rabbiners ist das Produkt einer krankhaften Phantasie eines deutschen antisemitischen Publizisten namens Hermann Goedsche, der im Jahre 1868 unter dem Pseudonyme John Retcliffe einen „Gäeta-Warschau-Duppel" betitelten Schundroman erscheinen ließ, in welchem einem Rabbiner eine Rede in den Mund gelegt wird, die in jedem ihrer Wörter nnjndisch ist, da sie den traditionellen ethischen Grundsätzen der jüdischen Moral geradezu ins Gesicht schlägt. Diese niemals gehaltene Rede eines niemals existierenden Rabbiners gehört also zu jenen Legenden, deren Lügenhaftiekeit von einwandfreien Historikern wiederholt nachgewiesen, die aber von Zeit zu Zeit von den Antisemiten dennoch als angebliche historische Wahrheit aufgetischt werden." Die Versammlung beschloß hierauf namens der von ihr vertretenen Kultusgemeinde der tiefsten Entrüstung über die systematische Vergiftung der Bevölkerung durch Verbreitung unwahrer Mitteilungen Ausdruck zu geben und diesen Protest, sowie die Erklärung des Präsidenten dem Protokolle einzuverleiben. A«s dem Jahresberichte der Wiener ifrael. Allimr;. Der soeben im Drucke erschienene, an die Generalversammlung erstattetete Jahresbericht der Wiener israel. Allianz, zeigt das erfreuliche Bild einer vielseitigen Hilfstätigkeit auf erziehlichem Gebiete besonders in G a l i z i e n, ferner einer mit — in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage in Oesterreich ziemlich bedeutenden Mitteln geleiteten Hilfsaktion zu Gunsten der verfolgten Juden in R u ß l a n d und Rumänien und einer umfassenden rationellen Em i g r a n ten-F ür s org e,. die vielen tausenden armen jüdischer Auswanderer aus Rußland und Rumänien zu Gute kommt. Auf letztem Gebiete ist die Wiener Allianz, als eine der drei kontinentalen, europäischen Hauptorganisatiouen, welche sich feit vielen Jahren mit der Regelung der Auswanderung befassen, neben der „Jca" und den Hilfsverein der deutschen Juden mit großem Erfolge tätig. Der Bericht erinnert in der Einleitung daran, daß der Verein in das 40. Jahr seines Bestehens eintritt. Es sei .zwar entmutigend, daß der schwere Kampf gegen die Unduldsamkeit und die Brutalität der Judenverfolgungen genau' so wie vor 4 Jahrzehnten geführt werden muß nnd die Lage sich in Rußland sogar wesentlich verschlimmert habe, es dürfe aber nicht verkannt werden, daß sich vieles während dieser Zeit auch zum Guten geändert hat nnd es bestehe die feste Zuversicht, daß so gering auch der Fortschritt ist, nach Jahren und Jahrzehnten gerechnet, die Tätigkeit des Vereines, bei der er mit den Verwandten westeuropäischen und amerikanischen Organisationen Hand in Hand geht, doch nicht als eine vergebliche erweisen wird. Ueber die vom Vereine in den letzten Jahren gegründeten Schulen in Galizien enthält der Bericht unter anderem Folgendes: Die Schulen haben sich während des Jahres 1911 in befriedigender Weise entwickelt. An Orten, wo gegen die Bildungsfeindlichkeit der Chassidim bei der Entstehung der Schulen, schwer zu kämpfen war, haben es die Lehrer der Allianz verstanden, durch ihr versöhnliches Auftreten nnd taktvolles Verhallen auch das Vertrauen der streng orthodoxen Kreise zu gewinnen, so daß sich auch junge Leute alls chassidischen Familien in die mit den Elementarschulen verbundenen Abendkurse einschrieben und vereinzelt sogar Beiträge für den Unterricht leisteten. Ebenso haben die bisherigen Leistungen der Anstalten bei den Kommnnal- und Landesbehörden volle Anerkennung gefunden. Einer der Schulen wurde sogar vom Gemeinderate des betreffenden Ortes ein Beitrag votiert. Der Verein mußte sich aber trotz der so günstigen Entwicklung der Schulen mit Bezug auf eine weitere Ausgestaltung derselben eine Beschränkung auferlegen und konnte auch hinsichtlich der Eröffnung neuer ähnlicher Anstalten an Orten, aus welchen ihm seit längerer Zeit Gesuche vorliegen, keine endgiltigen Verfügungen treffen. Zwei Umstände haben dabei mitgewirkt. Erstens, daß keine Klarheit darüber erlangt werden konte, ob und in welchem Umfange die anderen jüdischen Hilfsorganisationen der Wiener Allianz bei einer größeren Ausdehnung der galizischen Schulaktion, die mit sehr schweren sinanziellen Lasten verbunden ist, zur Seite stehen würden. Der vor einem Jahre auf Veranlassung der ^llc^visb. Colonization Association“ des Hilfsvereines der deutschen Juden und des Frankfurter Komitees nach wiederholten in Wien bei der Allianz stattgefnndenen Konferenzen mit den führenden jüdischen Persönlichkeiten Galiziens in Aussicht genommene galizische „Landesverband" zur kulturellen und wirtschaftlichen Hebung der jüdischen Bevölkerung, ein Verein, der die Aufgabe haben sollte, den westlichen Korporationen durch Vorschläge und Gutachten, sowie durch Beteiligung an der Aufbringung der Mittel behilflich zu fein, ist bisher nicht Aktion getreten. Da aber die Wiener Allianz bei der starken Belastung ihres Budgets mit eigenen Mitteln nur noch vereinzelten-Gesuchen zu entsprechen in der Lage wäre, so wurde die Entscheidung über die Eingaben einstweilen in der Schwebe gelassen. Der Verein betrachtet jedoch die.Fortsetzung der Aktion nach wie vor als seine Pflicht, der er im Rahmen^ der ihm zur Verfügung stehenden Mittel Genüge leisten wird. Ein zweiter Umstand, der die Aktion behinderte, war leider die Teilnahmslosigkeit und Unverläßlichkeit der gebildeten und besser situierten Glaubensgenossen gerade an den Orten in Galizien, aus welchen -Gesuche Vorlagen. In mehreren Fällen waren dringende Eingaben mm Errichtung von Schulen null Kindergärten von je -einer großen Anzahl in ziemlich guten Verhältnissen lebender, ortsansässiger Juden an die Allianz gerichtet.

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