Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 19 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 19. Die Wahrheit Seite 5. Ueber die Plünderung des Jüd'enviertels in Fez gibt der Leiter der dortigen Allianceschnle, Herr Elmaleh, in einem an das Zentralkomitee gerichteten' Schreiben folgende Darstellung: ' Die Plünderung des Mellah durch die aufrührerischen cherifischen Truppen begann am 17. April um die Mittagszeit. Ich war gerade aus der Schule gekommen und wollte zu Mittag speisen, als man mir mitteilte, daß am Tore des Mellah gekämpft werde. Ich glaubte zuerst, es handle sich um eine unbedeutende Keilerei. Aber die Nachrichten wurden immer beunruhigender; man berichtete mir von der Niedermetzelung der Trnppeninstrukteure, von dem Aufstand von 6000 gut bewaffneten Soldaten, von ihrem Vormarsche gegen das Mellah und gegen das europäische Viertel. Die Tore des Mellah wurden geschlossen aber leider nicht bewacht, denn es fehlte den Israeliten an Gewehren und an Munition, und der Angriff kam so unerwartet, daß es unmöglich war, eine Gegenwehr zu organisieren. Jeder suchte sich einzeln zu verteidigen in feinem Hause bei den Seinigen. Unsere Schulen wurden von weinenden Frauen und Kindern besetzt, die sich dort retten wollten. Die Unglücklichen wußten nicht, wie wir es später erfuhren, daß unsere Anwesenheit ihnen verhängnisvoll sein würde, denn die Aufständischen wollten alle Franzosen in Fez ermorden. Ich versuchte uns zu organisieren, um uns aufs Beste zu verteidigen und unser Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Wir hatten im Ganzen 5 Gewehre für mehr als 400 Personen, die sich zu uns gesiüchtet hatten. Es war eine verzweifelte Lage. Gegen 2 Uhr nachmittags berichtete man mir, daß die Plünderer die Tore des Mellah in Brand gesteckt hatten und in das Viertel eingedrnngen waren. Die Plünderung begann in diesem Momente, und wir vernahmen das Geschrei der Leute, die man unbrachte, das Geschrei der Verzweisinng. Ich versuchte um den höchsten Preis dem französischen Vertreter und in das. französische Lager von Dar Dbibag Nachrichten zu übermitteln, um Hülse zu bekommen. Meine Briefe kommen nicht an. Ich klammerte mich an die Hoffnung, daß die Militärbehörden eine Abteilung von Soldaten schicken würden, um das Mellah zu verteidigen nud zu beschützen. Ich kannte damals noch nicht die Lage, in welcher sich General Brulard befand, der nur über etwa 800 Mann verfügte. Das Lager von Dar Dbibag hatte der Gesandtschaft HÜfstrnppen geschickt. Hütten diese Truppe:! den kürzesten Weg durch das Mellah genommen, so wären wir gerettet gewesen. So aber marschierten sie über die Felder unter den Mauern des Mellah. Die ansständigen Soldaten, die sich schon in unserem Viertel befanden, schossen ans die Truppen von den Terrassen des Mellah herab, sodaß die französischen Soldaten einen Augenblick glaubten, die Israeliten seien ihnen feindlich gesinnt und hielten zu den Aufständischen. Während dieser Zeit, während der General die größten Anstrengungen machte, um der Lage Herr zu werden, um unter allen Umständen nach der Gesandtschaft zu gelangen, waren wir im Mellah unserem Schicksal überlassen, wo doch 100 Schützen vielleicht genügt hätten, das schreckliche Unheil zu verhüten, von dem ich Ihnen berichte. Wir wurden die unschuldigen Sühneopfer der Erhebung gegen die Franzosen in Fez; viele Franzosen wurden getötet und verstümmelt; Offiziere, Kanflente haben an jenem Mittwoch ihr Leben verloren; das Unglück aber, das eine Gesamtheit wie unser Jndenviertel getroffen hat, ist noch schrecklicher; wir waren die einzigen in der Stadt fast, die von dem Unheil betroffen wurden. So hat es sich wieder einmal bewahrheitet, daß bei jedem Ausbruche des Volkshasses in Marokko die Mellahs in erster Linie der Rache und dem Hasse zum Opfer fallen. Die am Mittwoch begonnene Plünderung setzte sich fort ohne Unterbrechung dis am Samstag Morgen. Drei Tage hindurch wurde gestohlen, gebrandschatzt, gemordet im Mellah. Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war eine Höllennacht. Mein ganzes Leben lang werde ich daran denken, wie ich in dieser Nacht mit den Waffen in der Hand bei meiner geäugstigten Familie wachte. Ich hörte das Schießen, das Geschrei der Gefallenen in dem von den Flammen der Fenersbrünste erleuchteten Viertel. Ich fürchtete jeden Augenblick von der wilden Horde angegriffen und mit den Meinigen ermordet zu werden. Wir haben schreckliche Momente durchlebt. Ich hatte um mich versammelt meine Frau, meine Kinder und das Schulpersonal, um gemeinsam zu sterben. Wir hätten sterben müssen, wenn wir uns auch noch so sehr verteidigt hätten, denn wir hatten erfahren, daß mehrere Familien, die sich mit dem Mute der Verzweiflung gewehrt hatten, schließlich doch durch die Kugeln und durch das Feuer umgekommen waren. Am Donnerstag Morgen veranlagte ich die Bewohner der uns benachbarten Häuser zu fliehen, um weiteres Unglück zu verhindern. Ich verließ das Haus mit meinen Angehörigen und mit Allen, die sich zu uns gesiüchtet hatten und wir eilten in einen Garten, der an den Palast des Sultans stößt. Wir blieben dort den ganzen Tag, verjagt und verfolgt von einem Wäldchen zum andern, von einer Hütte in die andere. Ach! diese verzweifelte Flucht in dem Garten, ich kann Ihnen deren Schauder nicht beschreiben. Das Geschrei der Frauen, der Kinder, die sich an mich hefteten, in der Meinung, daß ich sie retten könne. Gegen Abend kam die Rettung. Der Snlten, erfüllt von Mitleid, ließ alle Israeliten holen und öffnete ihnen die Tore feines Palastes, an die wir am Tage vergebens gepocht hatten. Fast 2000 Israeliten kamen an diesem Abend in einen Hof des Palastes. Was war aus den Anderen geworden. Mit Schaudern dachten wir an ihr Los. Wir verbrachten die Nacht in diesem Hose des Palastes im Regen, krank, hungrig (wir hatten seit Mittwoch Morgen nichts gegessen und konnten bis Freilag Morgen kein Stückchen Brod bekommen). Am anderen Morgen, Freitags, ließ uns der Sultan mit unserer Familie holen. Wir baten auch unser Personal einführen zu dürfen, was uns bewilligt wurde. Man brachte uns in ein Hans. Der Sultan besuchte uus und unterhielt sich mit uns in leutseliger und gütiger Weise. Wir erhielten im Palaste vollkommen gastliche Ausnahme. Ich verließ den Palast und begab mich nach der Gesandtschaft, um mich der Israeliten anzunehmen. Dre übrigen Israeliten wurden am Freitag in dem Palaste ausgenommen. Der Sultan ließ ihnen in großmütiger Weise Lebensmittel verteilen. Die Militärbehörde, die Gesandtschaft, der englische Konsul schickten Brot. Im weiteren Verlause seines Berichtes kommt Herr Elmaleh aus die Maßregeln zu sprechen, die er zu Gunsten seiner unglücklichen Glnubensbrüder ergriff. Vor allen Dingen telegraphierte er an die Alliance nach Paris und bat um dringende Hilfe. Tann ließ er die verwundeten Israeliten im Bürgerspital ansuehmen. Es waren etwa 25. Viele werden ihren Wunden erliegen. Dann besichtigte er das Mellah mit Herrn Regnanlt und einem Architekten. Es wird lange Zeit dauern und ausgedehnter Mittel bedürfen, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen. Sodann wurde durch den Sultan nach den Angaben des Herrn Regnanlt eine Kommission eingesetzt, um sich der Israeliten anzunehmen. Sie besteht ans den Herren Si Mohammed Cazi, Minister der öffentlichen Arbeiten, Elmaleh. Mercier, Konsnl. Trauhaut aus Lunel, Architekt, Dr. Weisgerber und zwei anderen Aerzten. Die erste Sitzung dieser Kommission fand noch an demselben Abend statt. Man beschloß das Mellah ansränmen zu lassen durch jüdische Arbeiter. In einem Hause werden möglichst viele Lebensmittel ausgespeichert. Herr Elmaleh muß sich arabisch kleiden, um außerhalb des Mellah Lebensmittel und dergl. einkanfen zn können. q- 4- * Ans London wird berichtet: Das Spezialkomitee zur Vorbereitung der Chiesrabbiwaht hat seinen Bericht erstattet. Es formuliert die dem Chiesrabbi obliegenden Pflichten und legt besonderen Wert daraus, daß in Zukunft in mehr systematischer und regelmäßiger Weise die Provinzgemeinden von seiten des Chiefrabbi besucht und überwacht werden. Das Gehalt des künftigen Chiesrabbi wurde auf 2000 Pfund festgesetzt, woraus der Gewählte sein Sekretariat zn bestreiten hat. Die Kommission richtet einen warmen Appell an die Federation, ihre Delegierten in den Wahlkörper wieder zu entsenden. Der Bericht gibt im übrigen die Wünsche wieder, welche der Konferenz einerseits von den Ministers und den Chasönim, andererseits von den russischen Rabbis übermittelt