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Die Wahrheit · 1912-05-17 · Heft 19 (17.5.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 19 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Serie 4. Die Wahrheit. Nr. 19. Gegen eine Aeußernng der „Germania", daß die d e n t s ch e n I u d e n das ch r i st l i ch e 2 a k r a m e it t der Taufe schmähte n, schickte der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an die genannte Zeitung folgende Erklärung: Was ihnen schmählich gilt, ist die Tause abtrünniger Inden, die ihren Glauben ans materiellen Gründen verleugnen, und die Tause jüdischer Kinder, die dem Glauben ihrer Väter lediglich in dem Wahn entzogen werden, daß ihnen der Kamps ums Dasein erleichtert werde. In dem Zentralverein sind die Worte: „In der Macht der Inden liegt es, der jüdischen Jugend Selbstbewußlsein einzupflanzen und sie mit Abscheu vor der Tause zu erfüllen", überhaupt nicht gesprochen worden. Die Mahnung aber, sich nicht ans äußerlichen Gründen taufen zu lassen, bezieht sich deutlich genug aus die jüdische Jugend, nicht aus die christliche. Von jüdischer Seite wird vielmehr dringend gewünscht, daß zunächst erst die Antisemiten mehr als bisher Achtung vor christlichen Taufe bekunden und nicht mehr die Wirkung des Sakraments dadurch verhöhnen, daß sie die zum Christentum Uebergetretenen, sobald sie sich irgendwie mißliebig machen, den Juden an die Rockschöße hängen und behaupten, Jude bleibt Jude — trotz der Taufe. Der Rassenantisemitismus ist sicher die größte Schmähung der Tause. Daran knüpft der Zentralverein Deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens noch folgende Bemerkung: Wir erwarten, daß die Redaktion der „Germania" künftig sich davon überzeugen wird, daß bei allen unseren Maßnahmen gegen die Tause es sich nur um solche Uebertritte von Juden handelt, die ans äußeren Gründen geschehen und dadurch das Sakrament der Tause selbst entweihen * * * Anläßlich der bevorstehenden Emigrations-Konferenz in Wilna wird der „Ost und West" aus Petersburg geschrieben: Das größte materielleProblem der jüdischen Gegenwart ist unstreitig die Emigrationsfrage. Diese Erkenntnis ringt sich angesichts der ungeheuren jüdischen Wanderungen, die irgend einer richtunggebenden Regelung dringend bedürfen, immer mehr durch. Insbesondere in dem Lande, das ja in erster Linie die Answandererströme entsendet, — in Rußland. Dort hat sich in den letzten Jahren eine jüdische Emigrationsgesellschaft gebildet, die bisher schon manches im Kleinen geleistet hat, und, was das wichtigste ist, das große Ziel nicht aus dem Auge verliert, eine interterritorielle Vereinigung, bezw. einen Weltkongreß für das jüdische Emigrationswesen zu schaffen. Jetzt geht sie daran, eine Konferenz der rußländischen Komitees für den Monat Mai nach Wilna einzubernfen. Es wäre nur zu wünschen, daß sie der Konferenz nicht einen allzu einleitenden Charakter gibt, sondern die Schaffung einer starken russisch-jüdischen Organisation als eine Hauptaufgabe anstrebt. Denn diese neue Kraft wird dann die alten, allzu bedächtigen Kräfte leichter anziehen können, als dies kleine, zusammenhanglose Gruppen zu tun vermögen. Wie mau weiß, ist im amerikanischen Judentum die Stimmung dem geplanten Emigrationskongresse gegenüber nicht besonders freundlich. Man sagt, aus Furcht, .daß der Kongreß die in den Vereinigien Staalen stark hervortreteude Opposition gegen die jüdische Einwanderung noch mehr anwachsen lassen könnte. Eine Furcht, die wohl unbegründet ist. Denn es soll ja gerade eine der Hauptaufgaben des Kongresses werden, der planlosen Anhäufung von Einwanderern in den Vereinigten Staaten entgegenznwirken und die Frage anderer Emigrationsziele §n diskutieren. Wobei ganz besonders auch an die Länder Vorderasiens, die jetzt einem neuen Leben entgegenzugehen scheinen, gedacht wird. Im übrigen darf man nicht glauben, daß in Amerika die Größe des Problems unterschätzt und seiner Behandlung ansgewichen wird. Man beschäftigt sich dort vielmehr schon lauge mit der Frage der Verteilung von Einwanderern über das stäche Land hin. Und gerade jetzt ist wieder eine neue Gesellschaft, die „Americain Emigration and Distribution League" gegründet worden, die in diesem Sinne wirken wird. Auch weist z. B. das Newyorker „Jüdische Tagblatt" ans die Wichtigkeit der an dem Panama-Kanal anstoßenden Länder für eine jüdische Handels¬ und Industrie-Kolonisation hin. Andererseits wird, und zwar ebenfalls in dem genannten Blatte, der interessante Standpunkt vertreten, daß die Massenansammlnngen von Juden in beit großen Städten, als namentlich in Newyork, den Inden nur zuträglich seien. Erstens würden sie dadurch ein Machtfaktor, mit dem jede Regierung des Landes rechnen müsse. Zweitens sei das Vorhandensein einer jüdischen Masse Voraussetzung für große, jüdische Kulturleistungen, was die bisherige Geschichte der jüdischen Gemeinschaft beweise. Kurz, es ist zu hoffen, daß die Delegation, die von der russifch-jüdischen Emigrationsgesellschaft im Herbst nach Amerika geschickt werden soll, um die amerikanischen Juden für eine große gemeinsame Idee zu interessieren, schließlich doch nicht ohne Erfolg bleiben wird. Jedenfalls wird sie dazu beitragen, den Gedanken populär zu machen. Bedauerlich ist nur, daß sich in dem zweiten großen Auswandererlande neben Rußland, in Oesterreich-Galizien vorläufig auch nicht die geringste Neigung zeigt, dem Beispiel der russischen Juden zu folgen und Stellen für das Stndinm der Emigrationsfrage und praktische Inangriffnahme der nötigen Arbeit, im Verein mit den anderen interessierten Faktoren zu schaffen. Und doch wird sicherlich früher nichts Dauerndes in bezug auf das Schicksal der östlichen Jndenheit erreicht werden, bis diese nicht auch selbst au sich denken und für sich handeln lernt. * * * Der Kiew er Ritualmordprozeß steht vor einer bedeutsamen Wendung. In Angelegenheit der Ermordung des Knaben I n st s ch in s ky, sind neue Momente zutage getreten, die den Verdacht gegen den vom Journalisten B r a s n l - B r u s chkowsky bezeichneten Personen noch dringender erscheinen lassen. Es handelt sich um eine Gesellschaft von Dieben und Hehlern,. an deren Spitze der französische Staatsangehörige Mifle stand und der auch Jntschinskys Stiefvater angehörte. Der ermordete Knabe halte der Polizei Mitteilung von dem verbrecherischen Treiben der Bande gemacht und deren Mitglieder haben ihn hierauf anscheinend beseitigt. Infolge überraschender neuer Einzelheiten, die in den letzten Tagen zur Kenntnis des Gerichtshofs gelangt sind, nimmt man an, daß bereits in nächster Zeit eine entscheidende Wendung in der Affäre Jntschiusky eintreteu wird. * * * Wir lesen in „Ost und West": Die augenblicklich brennendste Frage in England — Homernle für Irland — hat auch vom jüdischen Standpunkte Bedeutung. Und dies nicht nur für die irländischen Juden selbst — es und im ganzen an fünf- oder sechstausend — sondern in Hinsicht auf die jüdische Einwanderung. Es handelt sich darum, ob die irische Autonomie als eine für die Juden günstige oder ungünstige Wendung zu betrachten ist. Unter den irländischen Juden selbst herrschen hierüber Meinungsverschiedenheiten. Schon im vorigen Jahre har der Fall eines Rabbiners Aufsehen erregt, der einem Reporter gegenüber die Meinung aussprach, daß Homerule Pogrome zur täglichen Erscheinung machen werde. Der Rabbiner mußte damals seine Stelle verlassen. Im übrigen ist die überwiegende Mehrheit der Ansicht, daß gar kein Grund zur Furcht vorliege, and diese Ansicht scheint auch die richtige zu sein. Es hat keinen Sinn, den katholischen Nationen, wenigstens der Jetztzeit, a priori mit größerem Mißtrauen entgegenzntreten. Italien, Frankreich und das katholische Deutschland geben gewiß keine Ursache dazu. Es ergeht da den Inden nicht wesentlich besser und nicht wesentlich schlimmer als in den protestantischen Ländern. Und in Irland selbst haben sich die Inden bisher auch nicht mehr zu beklagen, als anderswo. Einzelne sind zu hohem Ansehen emporgestiegen, spielen mitunter sogar eine hervorragende Rolle in der irischen Politik. Also ganz wie überall. Außerdem wäre es wohl das Unklügste, das sich denken läßt, wenn sich das Häuflein der irländischen Juden dem unausbleiblichen Siege der irisch-nationalen Bewegung zugunsten der englischen Fremdherrschaft entgegenstemmen würde. Sie würden zermalmt und tausende jüdische Wanderer der Zukunft hätten eine Küste weniger, an der sie landen können. * * »

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