Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 19 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, 11., Rovaragasse 27 Televhon: Redaktion 5509/1V. Administration 4938 II. Avaöhängige Aerkfchrift für jüöifche Verngoprei»: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.K 7.— K f. öflerr. Vostsparkassa- Scheck-Konio SHr. 100.918. Inserate: ||uferejjfetL Fiir Jliiltii-bruiute: '^„„zjährig.K Io. - Die viermal gejvaltcn- Aonvareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitng. Fllf An^lmid: Abonnementsnnd Jnierlionsbetrage sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Sieg«! Gottes ist Wahrheit!“ Gauzlährig.8 Mark t» illavet oder lt> FrcS Wien. 17. Mai Inhalt: David Ritter von Gutmann. — Aus der Woche. — Delegierrentag der Knltusgememdeu von Niederösterreich und den Alpenländern. — Ans dem Jahresbericht der Wiener Israelitischen Allianz. — Der Talmud in der Sammlung Göschen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der verlauste Sohn. — Literatur. David Kitter v. Gutmann Eine der edelsten und hochherzigsten Persönlichkeiten der gesamten Jndeuheit, ein Mann, dessen Name auf dem ganzen Erdenrund volltönenden Klang hatte, Herr David Ritter von Gutmann, ist Dienstag, den 14. d. M. in seiner Villa in Baden bei Wien nach längerem Leiden im 78. Lebensjahre gestorben. Obwohl man in den letzten Wochen nach den trostlosen Berichten vom Krankenlager auf das Aenßerste gefaßt fein mußte, löste dennoch die Nachricht vom Tode Ritter v. G u t m a n n s allgemeine Bestürzung aus und tiefste Trauer erweckte der Gedanke, daß die edle, patriarchalische Gestalt, von der ein seltener Schimmer von Herzenswärme und Seelengute ausging, für immer aus dem Gesellschaftsbilde des Wiener Judentums verschwunden ist. Der Chef des mächtigen Welthanses gehörte wohl der großen Allgemeinheit an, aber all die mannigfachen vielverzweigten Beziehllngen zu den großen und einstußreichen Faktoren der Oeffentlichkeit vermochten nicht seine überzeugte und selbstbewußte Zugehörigkeit zu seinen Glaubens- und Stammesgenoffen zu lockern und mit allen Fasern seines Herzens hing er am Judentum, dem er in treuer Liebe die ganze Sorge seiner beschränkten Mußestunden widmete. So wirkte er als Präsident der Israelitischen Allianz zu Wien, als Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde, als wohlwollender Förderer mannigfacher, dem Wohle der Armen und Bedrückten sich widmenden Körperschaften und Vereine, als hochherziger Gönner von Kunst und Wissenschaft, als mnnifizeuter, großzügiger Schöpfer segensreicher Institutionen, die seinen Namen ans ewige Zeiten verherrlichen und nicht zuletzt auch als großer Wohltäter, der unbemerkt von der Oeffentlichkeit wankende Existenzen stützt und Unzähligen in Not und Elend liebevoll die hilfreiche Hand bietet. David Ritter v. Gutmann war ein Menschenfreund, ein Philanthrop im vollsten Sinne des Wortes. Er gab nicht, getrieben von der Psticht des Besitzes, sondern geleitet von dem Drange seines guten jüdischen Herzens. Es mag wohl Wohltäter gegeben haben, die noch größere Summen dem allgemeinen Wohle widmeten, aber selten einen, der mit mehr Anteilnahme ttnd Interesse für das Schicksal eines Hilfesitchenden das Gebot der Nächstenliebe erfüllte. Das warme Mitgefühl mit fremdem Leid hat sich David Ritter v. Gut m a n n durch die nnverblaßte Erinnerung an die minder glänzenden Tage seiner eigenen Jugend bewahrt, im Aufstieg zu Glanz und Reichtum ist sein Herz nicht erkaltet und ihm ist das Verständnis dafür nicht abhanden gekommen, wie schwer und hart Kummer nnd Sorge von dem Hilstoseu empfunden werden. Die stete Fürsorge für seine Mitmenschen, bei eigener Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, hat in dem edlen Manne auch eine beispiellose Leutseligkeit erzeugt, die seine Persönlichkeit mit einem besonderen Zauber umgab. David Ritter v. G u t m a n u kann trotz seiner glänzenden materiellen Position nicht zu jenen Glücklichen zählen, denen das Leben nur Sonnenblicke zeigt. Viele harte Schicksalsschläge haben ihn getroffen, aber sie haben feilt Gemüt nicht verhärtet und seine Seelengröße dokumentierte sich gerade darin, daß er an jede schmerzliche Episode in seinem Leben eine gute Tat knüpfte. So entstandett jene großartigen Schöpfungen der Menschenliebe, die seiner Munisizenz zu danken sind und noch in frischer Erinnerung ist seine hochherzige Millionenstiftung für Errichtung eines Kinderspitales, in dem noch in fernsten Zeiten unschuldige Kinderlippen segnend den Namen ihres großen Wohltäters nennen werden. Sein Andenken sei gesegnet! Ans der Woche. Der deutichnationale Antisemitismus, von dem die Wiener Universität beherrscht wird, drückt sich deutlich in einer jüngst erflossenen Entscheidung des akademischen Senates zu Gunsten der dentschnationaleu Studentenschaft aus. In der letzten Zeit fanden nämlich außerhalb der Universität drei Rencontres zwischen jüdifchiiationalen und deutschnationalen Studenten statt, wobei die letzteren wegen Satisfaktionsverweigerung tätlich insultiert wurden. Der akademische Senat der Wiener Universität relegierte daraufhin die drei jüdischnationalen Studenten, während gegen einen vierten Studenten die Untersuchung noch im Zuge ist. Eine Abordnung jüdischnationaler Studenten sprach gestern im Rektorat vor und erhielt hier die Mitteilung, daß in Zukunft jeder Student, der sich gegen einen anderen Studenten der Wiener Universität Tätlichkeiten zuschuldeu kommen läßt, unweigerlich der Strafe der Relegiernng anheimfalleu werde. Der Seniorenkonvent der jüdischuationalen Studenten beschloß, in einem Memorandum an das Unterrichtsministerium über diesen Vorfall Beschwerde zu führen. Der akademische Senat hat sich da eine sonderbare Logik zurecht gelegt. Wenn einem arischen Studenten, auch außerhalb der Universität eine wohlverdiente Maulschelle versetzt wird, das wird strenge bestraft, — aber einem jüdischen Studenten die Ehre abzusprechen, das ist gestattet. q- * *