Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 18 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite A. Nr. 18 Die Wahrheit Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" nach Homburgv. d. H. einberufenen vertraulichen Konferenz anznnehmen, an der dieanerkannten geistigen Führer unserer russischen Brüder und somit der ungeheuren Mehrheit der .gesetzestreuen jüdischen Gesamtheit neben angesehenen Persönlichkeiten ans Ungarn und Deutschland teilnahmen. Schon diese gründliche Aussprache zu Homburg, die einige Wochen dauerte, ergab mit Evidenz, daß über die prinzipiellen 'Grundlagen der gemeinsamen Arbeit Uebereiitstinunnng vorhanden sei und es wurden unter allseitiger Zustimmung die Grundzüge eines vorläufigen Statuts vereinbart. Der Zweck der zu bildenden Organisation ist nach jenen Hombnrger Beschlüssen in präziser Fassung wie folgt wiederzngeben: . . Die „Agudath Jisroel" erstrebt: a) Die Organisatorische Znsammensassltug und innere Annäherung der zersprengten Teile der gesetzestreuen Jndenheit, insbesondere der östlichen und westlichen Inden. b) Die großzügige Förderung des Thorastudinms und der jüdischen Erziehung überhaupt in den dieser Förderung bedürftigen Ländern. o) Die. Besserung der wirtschaftlichen Lebensbediugnngeu für die jüdische Massen in den Ländern der Not und in Palästina. d) Die Organisierung und mitwirkende Förderung von .Hilfsaktionen im Falle des Bedürfnisses (Emigration) rc. s) Die Förderung einer von echtem jüdischem Geiste erfüllten Presse und Literatur. f) Die Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach außen und die Abwehr der gegen die Thora und ihre Bekenner als solche gerichteten Angriffe. Seit der Hombnrger Konferenz hat die vorbereitende Arbeit trotz mancher äußerer Hindernisse nicht geruht, und es fand u. a. alsdann Ende vorigen Jahres in Frankfurt a. M. eine weitere vertrauliche Aussprache westeuropäischer Vertrauensmänner zu dem Zwecke statt, analog der prinzipiellen Prüfung des Planes durch die rmu in Homburg, nnu auch nach der praktischen Seite durch Männer des kaufmännischen und industriellen Lebens die Grundlagen des Projektes zu diskutieren. Die Frankfurter Versammlung nahm nach gründlicher Beratung folgende Resolution an: „Die heute aus allen Teilen Deutschlands, aus Frankreich. Holland, Belgien und der Schweiz Versammelten eklären nach Anhörung und eingehender Diskussion der Referate über die bisher geleisteten Vorarbeiten die Gründung einer auf dem Boden der Tauroh stehenden Weltorganisation zur Lösung der gemeinsamen idealen und sozialen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit für die dringendste Forderung der Zeit. Die Versammlung hält die praktische Ausführbarkeit des Unternehmens für gegeben, ernennt daher ein größeres Komitee mit dem Rechte, der Kooptation undbeauftragt dasselbe: Programm und Statut der Organisation auf Gruud der Hombnrger Beschlüsse ausznarbeiten und nach Vereinbarung mit den Rabbinen und nach Sicherung der finanziellen Grundlagen binnen zweier Monate eine Versammlung einznbernfen, welche die Konstituierung proklamiert. In der nunmehr nach Kattowitz einberufenen geschloffenen Konferenz (die vor einiger Zeit in vielen Zeitungen veröffentlichte Einladung zu einer Versammlung nach Köln war eine von unbeteiligter Seite ausgegangeue Mystifikation) sollen die Grundlagen des Großen Unternehmens noch einmal dnrchgesprochen. die Grundzüge der Organisation, die auf breitester volkstümlicher Basis ruhen wird, vereinbart und nach erfolgter Konstituierung die vorbereitenden Maßnahnen zu umfassender Propaganda getroffen werden. Für den Herbst ist alsdann der erste größere Delegiertentag der „Agudath Iisroel" in Aussicht genommen. Rabbiner Dr. Salomon Breuer, Frankfurt a. M. Oberrabbiner Dr. W. Feilchenfeld, Posen. Jsac Halevy, Hamburg. Rector Dr. D.- Hoffmann, Berlin. D a s P r o v i s o r i s ch e K o m i t e e: Kommerzienrat Louis Feist, Vorsitzender. Frankfurt a. M. Jacob Roseuheim, stellvertr. Vorsitzender, Frankfurt a. M. Dr. Abraham Husch, stellvertr. Vorsitzender, Halberstadt. Jacob Strauß, Schriftführer, Frankfurt a. M. M. Abrahams. Haag. Simon Altmann, Paris. Aron Auerbach, Hamburg. Dr. med. Simon Bamberger, Frankfurt a. M. Alexander Carlebach, Lübeck. Rabb. Dr. A. Cohn, Basel. Jacob S- Eisenmanu, Antwerpen. Dr. med. Jacob Feuchtwanger, Frankfurt a. M. Kommerzienrat Siegmnnd Fränkel. München. David Gestettner^ London Abraham Grünbanm, Nürnberg. Dr. phil. I. Heinemann, Frankfurt a. M. Aron Kober, Breslau. Paul Lehmann, Halle a. S. M. A. Leob, Berlin. Georg Hermann Loevy. Rawitsch. Max Mannes. Zürich. Kommerzienrat George Marx, Königsberg i. Pr. Wolf Möller, Altona. Dr. med. Siegfried Oppenheimer, Frankfurt a. M. Moritz Posen. Berlin. Dr. phil. Jonas Simon, Heidelberg. Adolf Stern. Frankfurt a. M. Barnch Stern, Frankfurt a. M. Siegfried Wiener, Kattowitz O. S. Leo Wreschner, Frankfurt a. M. Dr. Ed. Biberfeld, Vorsitzender des „Verbandes der Sabbathfreuude", Berlin - Pincns Pleffner, Vorsitzender des „Bundes gesetzestrener Jugeudvereine", Posen. Die Weiber von WeinsberK und der Midrasch. In der „Frankfurter Zeitung" wurde über einen Artikel der Deutschen Literatnrzeitnng referiert, in dem Privatdozent Dr. W. Norden die Erzählung von der bei Weinsberg so glänzend erprobten Weibertreue als Sage erklärt. Die üblichen Kapitnlationsbedingnngen jener Zeit lassen nach seiner Ansicht dem Gedanken keinen Raum, daß die Uebergabe Weinsbergs unter den Bedingungen sollte stattgesunden haben, wie es in den Geschichtsbüchern geschildert wird. Gegen die Geschichtlichkeit der überlieferten Darstellung weiß nun einer unserer Mitarbeiter noch ein anderes Argument anszuführen, daß sich ergibt, wenn man auf den Ursprung der Erzählung, die der Sage von Weinsberg zugrunde liegt, znrückgeht. „Es ist eine jüdische Quelle, die uns in einem Werke aiis dem Anfänge des 9. Jahrhunderts eine Geschichte erzählt, welche die Vorgängerin für ähnliche Berichte gewesen sein mag, nur wird hier eine häusliche Szene geschildert, die dann von irgend einem pH an rasiereichen Geschichtsschreiber in ein weltgeschichtliches Ereignis hineingewobeu wurde. In Sidon, so lautet tsie Erzählung im Midrasch znm Hohenliede, wohnte ein Ehepaar in recht glücklichen Verhältnissen, nur fehlten die Kinder. Und da der Mann der Meinung war, er müsse sich unter diesen Umständen von seiner Frau scheiden lassen, wie es in der Tat die einzeln dastehende Ansicht eines Gelehrten ist, so gingen sie zit dem Rabbi mit der Bitte, die Scheidung vorzunehmen. Dreier aber sagte: „Bevor Ihr Euch scheiden lasset, haltet noch ein festliches Gelage; wie Ihr beim fröhlichen Mahl in Jubel und Freude in die Ehe eingetreten seid, ebenso scheidet aitch ihr ohne gegenseitige Bitterkeit oder Haß." So feierten sie denn ein fröhliches Fest, taten sich wohl an Speis' und Trank, und als der Mann vom Weine angeheitert war, sprach er zur Frau: „Sieh', meine Tochter, das Wertvollste, was ich nn Hause habe, nimm und kehre in das Haus Deines Vaters zurück." Was tat sie nun? Nachdem er fest eingeschlafeu war, bedeutete sie ihre Diener und Dienerinnen, ihn in seinem Belte in das Haus ihres Vaters zu tragen. Als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, blickte er erstaunt umher: „Wo bin ich? fragte er seine Frau, die an seinem Bette saß. „Im Hause meines Vaters." „Wie komme ich hierher?" „Hast Du mir nicht gestern abend gesagt, ich solle das Wertvollste tm Hanse mit mir in das Hans meines Vaters nehmen? Was habe ich denn auf der ganzen Welt Wertvolleres als Dich?" — So ist die Fabel, die, voni Osten kommend, sich weiter verbreitet hat und noch im Munde der Völker lebt. Sie ist nun zum Einschlag in einen historischen Vorgang geworden und zwar zit einem ausschmückenden