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Die Wahrheit · 1912-05-10 · Heft 18 (10.5.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 18 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wenn vor vier Dezennien, als die Wogen des sogenannten Liberalismus hochgingen nnd der himmlische Ton der Brüderlichkeit und Freiheit fast durch ganz Europa drang, es jemand gewagt hätte, zu behaupten, daß die Zeit nicht mehr ferne sei, wo man die Juden, trotz der m den Staatsgrundgesetzen ihnen gewährten vollständigen bürgerlichen Freiheit und Gleichberechtigung wieder mit echt mittelalterlichen Waffen in Wort und Schrift angreifen, verleumden und verdächtigen werde, so würde man ihn für einen wahnwitzigen Menschen erklärt haben, nnd doch hat es leider nicht lange gedauert nnd der alte Judenhaß wurde aufs neue wachgerufen und richtet täglich heillosen Schaden an. Selbst Männer, die amtlich verpflichtet sind, darüber zu wachen, daß die Staatsgrundgesetze nicht verletzt werden, kümmern sich, so es sich um Juden handelt, sehr wenig um diese Pflicht. Am 27. April d. I. hat der Wiener Bürgermeister in der „Reichspost" einen Appell an die Wiener veröffentlicht, in welchem er „vom G e n er a l st u rm des Jude ntnms nnd der Sozialdemokraten spricht und den deutschen Männern den Dank abstnttet dafür, daß sie die Fremdlinge abwehrt." Wie! Die Juden, die seit vielen Jahrhunderten im Lande wohnen, und selbst in den flüstern verhängnisvollen, Zeilen, als noch Pharaonische Ausnahmsgesetze sie zu Boden drückten, bereitwilligst die größten unerschwinglichsten Opfer auf den Altar des Vaterlandes gebracht haben, und heute umsomehr ihre Tatkraft verdoppeln, als sie unter dem Schutze einer milden Regierung leben, die vollständige Gleichberechtigung verbrieft hat, die Juden, die keinem anderen Stamme bezüglich des Patriotismus, der Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit nachstehen, dürfen von dem Nachfolger „des Herrn von Wien" als „Fremdlinge" bezeichnet und behandelt werden? Da hatte es denn doch vor mehr denn hnndert Jahren, als die Welt bei weitem noch nicht so riesig fortgeschritten war, als jetzt, sehr gelehrte.Arier gegeben, die über Juden und Judentum anders dachten als der gegenwärtige fromme Wiener Bürgermeister, Männer, die nicht nur die Juden sondern auch ihre Geschichte und Literatur, die den jetzigen Antisemiten ein vielfach versiegeltes Buch ist, genau kannten, und daher überzeugt waren, daß die Thora jeden Fremdenhaß, jede Rachgier und Verfolgungssncht entschieden perhorresziert nnd nur allgemeine Menschenliebe, Menschenverbrüderung lehrt und predigt. Und diese gelehrten, aufgeklärten und wahrhaft liberalen Christen waren es, die sich, für die Emanzipation der Juden warm einfetzten und die asten verrotteten Vorurteile, wie überhaupt jeden Fanatismus und Aberglauben entschieden verurteilten. So z. B. erschien im Jahre 1781 von dem gelehrten Professor Christian Wilhelm Dohm eine vorzügliche Schrift unter dem Titel „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden", die damals allgemein Sensation erregt hatte. In derselben heißt es unter anderem: „Ich wage es, selbst die standhafte Anhänglichkeit an die nach ihrem Glauben, ihren Vätern verliehene Lehre von Gott, dem jüdischen Charakter als einen guten Zug anzurechnen. Was der Christ Blindheit nnd verstockte Hartnäckigkeit nennt, ist bei dem Juden standhafte Beharrlichkeit bei dem. was er einmal als göttliches Gebot glaubt. Wer kann sich versagen, den Juden hochzuachten, den keine Marter bewegen konnte, von seiner Religionsvorschrift abzugehen und den Nichtswürdigen zu verachten. der um des Vorteils Willen sich lossagt und den christlichen Glauben mit den Lippen bekennt? Schon allein die Anhänglichkeit au den uralten Glauben gibt dem Charakter der Inden eine Fähigkeit, die auch zur Bildung ihrer Moralität überhaupt vorteilhaft ist. Ihre Armen fallen dem Staate nicht zur Last; die ganze Gemeinde nimmt sich ihrer an. Das häusliche Leben genießen sie mit mehr Einfachheit. Sie sind meistens gute Ehemänner und Hausväter. Der Ehestand ist bei ihnen unbefleckter und die Vergehungen der Unkenschheit, besonders nnnatürlicher Laster, sind bei ihnen weit seltener. Dem Staate sind sie überall ergeben, nnd sie haben oft i n G e f a h r e n e i n e n E i f e r bewiesen, den man von so wenig begünstigten Gliedern u i ch t e r w a r t e n s o l l t e". So dachten nnd schrieben liberale Christen vor hundertnnddreißig Jahren, und heute, im zwanzigsten Jahrhundert, nennt der Bürgermeister einer großen Weltstadt die Juden, die auf allen Gebieten des kulturellen Leben Großes geleistet und sich um das Heil nnd Wohl des Vaterlandes unverwelkliche Verdienste erworben haben, „Fremdlinge." Ja, das ist der Fortschritt des modernen Klerikalismus! Amitai. 4- * Noch eine zweite Reminiszenz, die ans die Zeiten vor 40 Jahren zurücklenkt und gerade jetzt aktuell erscheint. In diesen Tagen wird die 40jährige Gründung der Wiener Poliklinik begangen und es ist gewiß nicht ohne Interesse, daran zu erinnern, daß dieses Institut, das namentlich der ärmeren Bevölkerung Wiens so reichen Segen brachte, zum großen Teile von Männern jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung ins Leben gerufen und durch jüdisches Geld gefördert wurde. Welchen Dank das Wiener Volk den Juden gezollt hat, das lehrt der Ausgang der letzten Wahlen. 4- * *

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