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Die Wahrheit · 1912-05-10 · Heft 18 (10.5.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 18 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Wette 4___ ... . _Die; Wahrheit. - . Ne. 18. Galizien hat 800.000 Juden, die 11 Prozent der Gesamtbevölkernng des Landes bilden, und während man bei der bevorstehenden Laudtagswahlreform den verschiedenen Wünschen der einzelnen nationalen Schattierungen der Bevölkerung geneigtes Ohr leiht, haben sich die zahlreichen Judenfeinde in Galizien vereinigt, um die Inden einfach politisch kallznstellen und ihnen die Möglichkeit zn rauben, eigene Vertreter in den Landtag zu wählen. Daß man die Juden bei dieser wichtigen Reform nicht invergißt, sondern daß man die neue Wahlordnung gegen die Inden zn machen gedenkt, geht ans einer von der „Welt" wiedergegebenen Aenßernng des Statthalters Bobrzynski im Wahlreformansschnsie hervor. Skrupellos erklärte er, die Regierung werde darauf achten, daß keine Wahlkreise mit jüdischer Majorität geschaffen werden — und mau weiß leider nur zu gut, wie gewichtig das Wort eines galizischeu Statthalters ist. Die Abgeordneten Breiter, Reizes und Konsorten richteten im österreichischen Abgeordnetenüause eine Interpellation an den Minister des Innern und den Ministerpräsidenten, die Antwort aus folgende Fragen fordert: 1. Was gedenken Ihre Exzellenzen zn tun. um die berechtigten Interessen der jüdischen Bevölkerung bezüglich der Landtagswahlreform in Galizien zn wahren? 2. Sind Ihre Exzellenzen geneigt, eine Erklärung abzugeben, die geeignet wäre, die wegen der Haltung der Landesregierung in der Wahlreform des galizischeu Landtages unter den Inden Galiziens entstandene begreifliche Erregung zn dämpfen? Auf die Antwort dürften die Herren Interpellanten wohl lauge warten. =£ 2- - * Ueber die Entwicklung der ungarischen Hauptstadt iu konfessioneller Beziehung veröffentlicht das „N. P. I." folgende, überaus interessante Daten: Den Juden war fast bis zum 19. Jahrhundert eigentlich nur der Besuch der Jahrmärkte gestattet; wollte einer in der Stadt übernachten, so hatte er eine Gebühr von 14 Kreuzer zu entrichten. Trotzdem siedelten sich Juden ständig an, namentlich iu der neuen Theresienstadt (die man auch Judenstadt nannte); allerdings waren sie allerlei Plackereien ausgesetzt, und das Damoklesschwert der plötzlichen Ausweisung schwebte fortwährend über ihrem Haupte. Im ersten wirklichen Adreßbuche von Pest aus dem Jahre 1813 wird die Zahl der in Pest ansässigen Juden mit 2676 angegeben; sie hatten ihre Synagoge im Orczyfchen Hause; ihr Rabbiner war Israel Wahrmann, der Großvater des ersten jüdischen Reichsratsabgeordneten. Im zweiren größeren Adreßbuch Pests, dem Dorfsingerfchen „Wegweiser" aus dem Jahre 1827, wird die Bevölkerung Pests nach Konfessionen folgendermaßen angegeben: Gesamtzahl 55.956; hiervon Katholiken 44.377, Griechisch-Katholische 1560, Evangelische 3006. Reforunerte 1162, Israeliten 3491. Schon damals also waren die Inden zahlreicher als — außer den Katholiken, die fast vier Fünftel der Bevölkerung ausmachten — die übrigen Konfessionen. Vom Jahre 1853 liegt bei Häufler die folgende Statistik der Konfessionen Pests und Ofens vor: Pest: Katholiken 53.133, Evangelische 9581. Griechisch-Katholische 880, Juden 12.624: Ofen: Katholiken 36.257, Griechen 434, Evangelische 725, Reformierte 600, Inden (zusammen mit. Altofen) 4976. Die offiziellen Volkszählungen, die im Jahre 1869 begannen, zeigen die folgende Verteilung der Konfessionen: Jahr R.'Kath. Gr.-Kath. Gr.-Or. Evang. Reform. Unitarier Israeliten 1869 195.624? 1838 14.316 13.008? 44.890 1880 239.723 1227 1787 19.716 22.655 119 70.227 1890 314.835 2837 2559 27.224 36.112 436 102.377 1900 427.112 5386 3201 37.170 62.837 983 166.198 1906 475.836 6821 5328 40.319 73.847 1381 186.047 1910 526.175 9428 6962 43.562 86.999 2120 203.067 Im Verlauf vou vier Jahrzehnten haben sich demnach die Katholiken nicht ganz verdreifacht, die Reformierten nahezu versechsfacht, die Evangelischen verdreifacht, die Israeliten fast verfünffacht; die Zunahme ist also relativ bei den Reformierten die größte, dann bei den Juden, die heute nahezu ein Viertel der hauptstädtischen Bevölkerung ausmachen. Nächst Warschau ist nun Budapest die größte jüdische Gemeinde in Europa. Wien steht nach der Zahl der jüdischen Bevölkerung erst an dritter Stelle. * * * Die Antisemiten haben eine neue geschichtliche Entdeckung gemacht, daß nämlich die G r tt n d e r d e s I e s u i t e stör d e n s — Iu d e u waren. Die „Staatsbürger-Zeitung" schreibt wörtlich: „Daß übrigens die Gründer dieser Gesellschaft zum Teil Juden waren, dürfte für die meisten noch neu sein. Wir erinnern hier nur an die sogenannten Marann'en, jene spanischen Mußchristen, die den traurigen Ruhm haben, in die Gedanken des Christentums die talmudische Auslegung hineingeschmuggelt zu haben". Nun wissen wirs. * Die Union der heimischen Inden in Rumänien ist, wie dem „Israelit" ans Bukarest berichtet wird, sehr rüstig bei der Arbeit, welche sich zur Aufgabe gestellt hat, den rumänischen Juden zu ihrem voceuthalteuen Rechte zu verhelfen. Vorige Woche übermittelten sie dem König von Rumänien ein neuerliches Memorandum, von welchem eine Abschrift auch dem Parlamente unterbreitet wurde. In diesem Memorandum wird ohne Uebertreibnng die traurige wirtschaftliche und soziale Lage der rumänischen Inden geschildert, und werden alle Ausnahmegesetze aufgezählt, welche die Inden so sehr bedrucken. Das Memorandum schließt mit einem Appell an den König beziehungsweise an das Parlament, doch diesen unhaltbaren Zuständen ein rasches Ende zn bereiten. In der laufenden Parlamentssession wird dlirch die Kämmer filier größeren Anzahl von Juden des Mittelstandes das rumänische Bürgerrecht verliehen werden. Im übrigen sind die rumänischen Inden entschlossen, wenigstens jene Ungerechtigkeiten, welche im rnmäinschen Gesetze nicht begründet sind, nicht mehr ruhig über sich ergehen zu lassen, und in jedem konkreten Falle energische Verwahrung einznlegen. So zum Beispiel hat' die Regierung verfügt, daß bei den soeben vorgenommenen Wahlen in die Arbeiterversicherungskassen die Inden wohl aktives aber kein passives Recht .haben. Die jüdischen Handwerker von Fokschani haben nun gegen eine solche Verfügung protestiert, indem sie erklärten, daß sie sich nicht zwingen lassen, von vorn herein bestimmte Menschengruppen zu wählen, wenn sie nicht das Recht haben, eventuell auch selbst gewählt zu werden. Der in der Wahlkommission anwesende Regierungsoertreter hat den Protest zu Protokoll genommen und erklärt, daß er in dieser Angelegenheit ans' Bukarest Weisungen einholen wird. Auch die jüdischen Handwerker und Arbeiter der übrigen Städte sind entschlossen, solange diese Wahlen zn boykottieren, bis die Regierung nicht ihre ungesetzliche Bersügung zurückgezogen haben wird. * Wie ans Frankreich, Deutschland und Rußland, ist nun auch aus England im Anschluß an den Kiewer Prozeß ein Protest gegen das Ritnälmordmärchen veröffentlicht worden; es heißt in demselben: „Von der lebhaftesten Freundschaft für Rußland bewegt, denken wir nicht.daran, uns in die inneren Angelegenheiten des Landes zn mischen. Die Frage ist aber eine Frage der Menschlichkeit, der Zivilisation und der Wahrheit. Das Märcheic vom Ritualmord ist ein U e b e rb l e i b s e l ans den Tagen d e r H e x e r e i und der s ch w a r z e n Magie, eine groitia me, durchaus g r u n d l o s e Verleumdung desIudent n m s, eine Beleidigung der w e st l i ch e'n K u l t u r und eine Schmach für die Kirche, in deren Namen diese F ä l s ch u n g durch unwissende Fanatiker verbreitet wurde." Der Protest ist von einer großen Anzahl der angesehensten Männer des Landes unterschrieben, so von den Erzbischöfen von Canterbury, Jork und Irland, vom Kardinal-Erzbischof Bur ns, von fast allen anglikanischen Bischöfen, von den Häuptern der freien Kirche und von allen Kirchen der Kollegien in Oxford und Cambridge; ferner Unterzeichneten die Herzoge vom Norfolk und Northumberländ, die Lords Roseberry, Cromer, Halsbury, derSprecher, derLordmayor, SirRamsay, Macdonald, Mr. Balsam-; von Schriftstellern und Künstlern: Hubert, Herkomer.Hardym. Conan Doyle, Sir Pinero, Bernhard Shaw, Mr. Mells u. a. * *

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