Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 17 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seite 6 Die Wahrheit Nr. 17. Kollegen. Aus den Fenstern dieses Hauses verstattete eine Bresche im Häusermeer dem Blick, bis zum Kahlenberg und Leopöldsberg zu schweifen. Welcher Kontrast! Dort dehnte und reckte sich die goldene Freiheit ins Schrankenlose, hier hörte man die Feder eines jeden über das Papier knistern und man vernahm das asthmatisch schwere Athmen des gestrengen Herrn Chefs. Es stieß wohl eine Flucht von Zimmern— die geräumige Prachtwohnung des Millionärs — an unser Bureau, doch der Herr und Meister zog es vor, uns persönlich zu überwachen; galt es doch zu verhindern, daß unsere Buckel für einen Moment ihre Krümmung verlören und sich aufrichteten, daß der gesenkte Blick von den Folianten ans kurze Zeit sich erhöbe und daß unsere steißigen Hände aufhörten, sich rastlos zu regen. Ging er, was hie und da vorkam. fort, um etwa ein Araberfüllen zum Gespielen seiner Kinder zu erwerben, so waren wir der sorgsamen Aufsicht des Prokuristen überantwortet. So hätten wir den ganzen Tag über, ohne ein Gelübde abgelegt zu haben, das drückende Schweigen der Karthänsermönche — obwohl neben einem anmutigen weiblichen Wesen — beobachten müssen und frohuden, wenn der günstige Zufall uns nicht alltäglich zu unterschiedlichen Zeiten ungefähr für eine Stunde die beiden Kerle vom Leibe gehalten hätte. Da wurde freilich eine Orgie des Nichtstuns gefeiert; die steifgewordenen Rücken und Beine, die erstarrte Znnge, die gefesselten Blicke pochten auf ihr gutes Recht und verlangten nach Betätigung. Unsere Berufsgeuossin war keine Bureausklavin mehr, sie hatte sich zum Edelfräulein verwandelt und wir zu girrenden schmachtenden Schäfern der Rokokozeit, uns in galanten Redensarten überbietend. Ich staunte über die gute Laune dieser Galeerensklaven; mein Entschluß stand bald fest, ein solches Zuchthaus in kurzer Zeit zu verlassen. Ja. fühlten denn die Leute hier nicht ihr Mißgeschick zentnerschwer auf ihren gebeugten Nacken wuchten? Nein, sie trugen federleicht daran, so schien es. Sie erzählten mir zwar gleich des ersten Tags, doch ohne besonderes Pathos, offiziell sei der Mittagsschluß wohl auf 12 Uhr festgesetzt, doch dauere es oft bis 1. %2 Uhr. Feierabend falle gewöhnlich auf 7 Uhr abends, doch unangenehmerweise fände es der Herr Chef mit geringen Ausnahmen für gut, erst um 8 oder 9 Uhr sich in die Privatgemächer znrückzuzieheu und da könne man doch nicht gut früher fortgehen. Der Buchhalter, ein Christ, der eine Jüdin geheiratet, meinte,. es stünde besser um ihn, wenn auch er als Jude auf die Welt gekommen wäre; denn die jüdischen Kollegen seien vom Chef im Gehalt begünstigt. Mich gemahnte dies an Odysseus, dem der einäugige Polyphem versprach, ihn zu allerletzt und nach den Gefährten zu verspeisen. Die Juden werden schlecht behandelt. doch die Christen noch ärger. Allerdings! Jedes Gleichnis hinkt, noch dazu ein geträumtes._ Der Buchhalter und Komptoirist meinten: Zu den unangenehmsten Dingen in diesem Bureau zähle das Wüten des Chefs darüber, daß sie mir ihren Agenden niemals ä jour wären. Doch daran sei nicht ihr mangelnder Eifer schuld, sondern merkwürdigerweise die oftmaligen Krankheiten, denen sie unterworfen, sie litten in buuter Abwechsung und unregelmäßiger Aufeinanderfolge an Bauchfell- und Lungenentzündungen, Influenzen und Diarrhöen. „Ja, fühlt ihr denn-nicht, ihr gottverlassenen Langohren, daß die beleidigte Natur sich an Euch rächt, daß man nicht ungestraft von Licht und Luft sich abschließt?" So schrie ich erbost und von tiefstem Mitleid bewegt. Doch sie schauten mich erstaunt an und meinten, es fiele ihnen nicht ein. jemand zu beleidigen; die Natur auch nicht und den Herrn Chef nebst dessen Prokuristen schon gar nicht. „Fühlt Ihr denn nicht, arme Schindludern, die Ihr seid, daß Ihr, selbst wenn Ihr von Krankheit befreit, zu schlapp und schlaff seid, um etwas Ordentliches leisten zu können? Bittet Euren Zuchtmeister, daß er Euch früher sortlasse. Ihr werdet staunen, mit welcher Leichtigkeit und um wieviel mehr ihr daun arbeiten werdet. In Amerika bricht dies Prinzip sich jetzt Bahn. Der Arbeitgeber drüben hat eingesehen, daß er von seinen Bediensteten desto mehr Leistungen zu erwarten, habe, je mehr Arbeitszeitverkürzungen und Erleichterungen er ihnen gewährt." Da schauten sie mich zum andern Male verständnislos und verdutzt an und erwiderten verdrossen: Hier sei doch nicht Amerika, von dem schon Goethe sagte: „Amerika, du hast es besser" und Arbeiter seien sie doch auch nicht. „Nein, das seid Ihr nicht," schrie ich, jetzt schon heiser nnd empört, „doch 1000 mal ärger. Wißt Ihr, welcher Unterschied zwischen Eurem Chef besteht und einem südamerikanischen Sklavenbaron vor 1864?" Da glimmte endlich selbst in diesen unterdrückten Menscheuseelen ein Funken auf und sie riefen: „Gar keiner!" „Nun ja. das habt Ihr getroffen, choch hört nun -die nähere Begründung: Die Farmer der Südstaaten kultivierten auf ihren Pflanzungen Baumwolle. Euer Herr Chef produziert Holzwolle, die Wolle bekleidet, die Baumwolle, nämlich, die Holzwolle kleidet aus, füllt Zwischenräume aus. Die eine dient zur Be^, die andere zur Auskleidung. Im Grunde aber schinden, ziehen nackend ans, entkleiden und entblößen die Einen, gleichwie die anderen. Die Farmer die Neger, Euer Chef Euch, die Bnreausklaven. Der Farmer mordete die Neger durch zu viel körperliche Bewegung, indem er sie mit Peitschenhieben zur Arbeit autrieb; Euer Chef mordet Ench durch zuviel körperliche, Euch aufgezwnngeue Ruhe nnd Bewegungslosigkeit." „O, da spiel' ich ihm ein Schnippchen," rief der Buchhalter triumphierend; „seh ich den Dickwanst, der das Sitzen freilich besser verträgt, als unsereiner, gar zu lange im Saale auf-und niederschreiten, da erhebe ich mich auch, gehe zum Schranke und tue so, als ob ich ihm Schriftstücke entnehmen mußte." „O Bruderherz!" rief ich bewegt, „Schlauester der Menschen und zugleich ein solch vorurteilsfreier, da du einen Juden zum Herrn und eine Jüdin znr Herrin erkürtest, komm an meinen Busen! Jedoch sa^sro aude! Komm! Laß uns diesem Autokraten, diesem schnöden Millionär nicht länger untertan sein! Werfen wir ihm unsere Stellen vor die Füße, komm, laß uns in den lockenden Sonnenschein hinanswandern, in die goldene Freiheit, laß uns Steine kloppen, laß uns und unsere Kinder betteln gehen, wenn wir hungrig sind, nur laß uns unsere Menschenwürde wiederfinden, die in diesem Jnqnisitensaale flöten gegangen!!" Da blinkte im Auge des Buchhalters ein Tropfen, den ein Sonnenstrahl zum Diamanten verwandelte und er murmelte „ich kann nicht, denn meiner Kinder Zahl beträgt fünf". Und auch in meine Angen stahl sich eine Träne, doch nur eine schlichte, denn ich stand im Schatten und' niemand wurde ihrer gewahr. Wie gesagt, ich hielt es dort nicht lange ans. Denn nicht einmal rauchen durfte ich, während ich zn'sehen mußte,.wie der Pascha-Millionär sich in Wolken von seinen Uppmann nnd Havanna hüllte. Eines schönen Tages wandelte ich draußen im Prater, unbekümmert um eilt etwaiges Defizit in meinem Budget, mich meiner' abgestreiften Knechtschaft freuend, von jungem Frühlingsgrün umkeimt, von Vogelstimmeu umzwitschert, von Sonnenschein nmglüht. Die Spuckgesichter wichen, der Alp bedrückte mich nicht Mehr, ich war ans schrecklichem Traume erwacht-. Ein Traum! Nun ja, es ist ein Träum gewesen, jedoch e.in Traum nur, wenn Calderon, Shakespeare liitb Schopenhauer Recht haben mit ihrer Vermutung, das Leben sei nur ein Traum, wenn Europides nicht irrt in seinen Versen: Wer weiß, ob Leben nicht vielleicht das Sterben ist, Und Sterben Leben, und das Sterben nur ein Schlaf. Allein, wenn es nun das Leben einer realen Sache ist, dann freilich kann ich meinen Traum nicht als Traum bezeichnen, dann aber erwächst mir auch die Aufgabe offen zu bekennen, daß ich das — einen Jndividnalfall bildende — Erzählte als typisch, zur Signatur unserer Zeit gehörend, hinstelle. Die beiden Hauptbestandteile in der Kultur der weißen Menschheit sind bekanntlich das altjüdische und hellenische Element, welche zugleich die einander.entgegengesetzten Pole darstellen. Hier Einfachheit der Lebensführung, beinahe Asketik, die sich später im