Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 16 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrhell Sette 7. Nr. 16 Derlantbart wurde. Der Präsident teilte ferner mit, daß Erinnerungen ,^u' dem Rechnungsabschlüsse seitens des. Hof- und Gerichts-Advokaten Dr. Egon Zweig eingelaufen sind. In diesen Erinnerungen wird die Anregung 'gegeben:' 1. das derzeitige KultNssteuerminimum. von K 20.— ans K 10.— herabznsetzen. 2. Als Grundlage für die Steuerbemessung die von. den Kontribuenten vorznlegenden Personaleinkoinmensteuer-Bemessungen anznnebmen. Der Präsident bemerkt hiezu, daß diese Erinnerungen in deinem Zusammenhänge mit dem zur Beratung stehenden Rechnungsabschlüsse für das Jahr 1911 stehen, das Ergebnis desselben in keiner Weise tangieren und demnach auch nicht Gegenstand einer meritorischen Behandlung bei diesem Anlässe sein -könne. (Der Akt wird der geschäftsmäßigen Behandlung zugeführt.) Hierauf wird der Rechnungsabschluß en bloc einhellig genehmigt und dem Referenten wird für feine Mühewaltung der Dank votiert. Bor Schltiß der öffentlichen Plenarsitzung nimmt der Präsident unter Akklamation des gesamten Vorstandes und der anwesenden Oefsentlichkeit Anlaß, dem I. Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n anläßlich der Verleihung des Ordens der eisernen Krone III. Klasse herzlichst zn beglückwünschen. Spendenliste für die P l e u a r s itzun g a tu 21. April 1912. Von Herrn Moritz Edl. von K u f f n e r anläßlich der Wiederkehr des Todestages seines sel. Vaters: Für Arme der Bezirke XYI-XVII X 280.—, zum Ankäufe von Mazzoth für Arme X 200'—, zur Verteilung an Arme anläßlich der diesjährigen Pessachfeiertage X- 200.—. zusammen X 680.—. Von Herrn Robert Eißler für das israel. Spital X 280.—. Von Herrn Schneck e Kohnberger anläßlich des Ablebens der Frau Emilie Kohnberger zur Verteilung an israel. Arme X 200.—. Von Herrn David W n r m f e l d für das israel. Spital X 200.—. Von der Anselm und Amalie Wechsle r-Stiftung zur Verteilung an israel. Arme X 122.73. Bon Herrn Anton Winter anläßlich des Todestages seines Vaters Ignaz Winter für Arme X 100.—. Bon den Geschwistern Bauing arten anläßlich der Anfilahme des Namens ihres sel. Vaters Emaunel Banmgarten in die Haskarah für das Altersversorgungshaus X 50.—, für den Frauenverein I X 50.—, zusammen K 100.—. Bon Herrn Emerich K and e rs für ein Pflegekind derKnltnsgemeinde X80.—. Bon Herrn Theodor F o g e s namens der Erben der sel. Frau Julie Löbl zur Verteilung an Arme X 50.—. T e m p e l f v e n d e n : Im Tempel H. Tempelqasse: Bon Herren: Alois Thenmann X 150.—. Hermann Witrofsky X 100.—, Julius Beck X 70.—. Josef Kowanitz X 60.—, Wilhelm Herzog X 30.—. Rektor Dr. Schwarz X 30.—, Präsident Dr. Alfred Stern X 125.—, Bernhard Engel K 50.—, Julius Gröbel X 100.—. Dr. Theodor Gutmann K 145.—, Rabbiner Dr. Schmied! X 10.—, Rabbiner Dr. Rosenmann X 10.—, Martin Rosenberg X 60.—, Ignaz Blum X 100.—. Dr. Ed. Thaler X 70.—, Siegmnnd Spiegel X 20.—, Adolf Fein X 20.—. Oberlehrer Jakob Kappelmacher X 10.—. Josef Schimetschek X 40.—, Jakob Pollak X 500.—. kais. Rat Louis Vogel X 100.—. Architekt Adolf Oberländer X 150.—, Julius Figdor X 75.—, Berthold Schindler X 20.—. Josef Morgenstern. Oberkantor X200.—, Josef Steiner X 20.—, Bernhard Lichtenstein X 20.—, Julius Figdor X 30.—, Sumuel Pick K 20.—, Moritz Österreicher X 10.—. Bau 80 Personen zusammen X 2345.—. Russische Ritnalmordpro;esse in Knlgarieu. Angesichts des bevorstehenden Ritualmordprozesses in Kiew möge hier ein ähnlicher Fall mitgeteilt werden, der sich im letzten Dezennium des vorigen Jahrhunderts in Bulgarien abspielte. Die Mimen der darin handelnden Personen sind heute bereits meinem Gedächtnisse entschwunden, die Tatsachen selbst haften jedoch noch vollkommen in meinem Gedächtnisse. Ritualmordmärchen gehören zum Import der russischen Barbaren, welche nach Loslösnng Bulgariens von der Türkei daselbst ihre Herrschaft' anszubreiten suchten. Während der Jahrhunderte langen Osmanenherrschaft wurde jedes Bedrängnis, der. Juden seitens eventueller christlicher Bedränger tapfer abgehalten und die Südslawen hatten gelernt, die Inden ^reundnachbarlich zn behandeln. Erst nach Etablierung der christlichen Oberherrschaft machte sich in diesen Gegenden der Antiemitismns zu" schaffen und es gab zur Zeit meiner dortigen bezirksärztlichen Wirksamkeit sporadische Ritnalmordprozesse — welche natürlich erst große Aufregung hervorriefen, um dann als Blattlüge gebrandmarkt zu werden. Zwei derartige Fälle seien nachstehend erzählt: .In einem gntbevölkerten Bezirksstädtchen lebte eine Anzahl jüdischer Familien in ziemlich guten Verhältnissen. Der Mehrzahl nach waren es spaniolische Kattfleute, welche wegen ihres Wohl?- standes den Neid der bulgarischen Geschäftsleute herausforderten. Diese jüdische Konkurrenz zu vernichten und sie vom Halse zu schaffen, war das ganze. Sinnen der bulgarischen Konkurrenten. Und siehe da, das Mittel war, wie ich erfahren habe, mit Einverständnis des Kreishanptmannes, eines Erzantisemiten, ersonnen und zur Ansführurlg gebracht worden. In diesem Städtchen irrte ein idiotisches Kind bulgarischer Abkunft herum, welches bei seiner Großmutter in Berpstegung stand und oft in jüdische Häuser hineiulanmelte, wo ihm Nahrung gereicht wurde. Eines Tages, es war vor Pesfach, verschwand dieser Junge spurlos. Da begann es im Städtchen zu rumoren und es siel das Worl: Paskwa — Pessaeh bei Inden — mit dem Hintergedanken — Blntbrauch bei den Spaniolen resp. Jewrein. Die Atmosphäre wurde schwül, obwohl keine gewalttärigen Ausschreilnngeu die Pessachfeier störten. Um das Städtchen hat die Natur einen Ring von ziemlich hohen Hügeln aufgeworfen, welche mit Bäumen reich bepflanzt waren, die im Sommer herrliches Grün trieben und als Spaziergänge dienten. Als nach Pesfach ans diesen Anhöhen wieder Spaziergänge begannen, wurde dort der Leichnam des Vermißten mit Reisig bedeckt gesunden. Nun ging die Hetze los. Zwölf Familien, nämlich die hervorragendsten Kaufleute, wurden ins Gefängnis abgeführt und ihre Geschäfte gesperrt. Auf die telegraphische Mitteilung von den Vorfällen schickte der spaniolische Vorstand (Ovmite L^naZoZal) aus der Hauptstadt eine gehörige Geldnnterstntzung, welche die Angehörigen der Verhafteten vor Hunger schützte, und auch die Alliance Israelifce Universelle sandte einen größeren Geldbetrag ein. Nach einem Zeitraum von 6 Monaten kam es zur Schluß- Verhandlung, bei welcher 6 Familien als schuldlos befreit, die anderen hingegen vom Staatsanwalte hartnäckig als die Mörder dieses Idioten znrückbehalten wurden. Indessen ruhte das Komitee Synagogal in dieser Angelegenheit nicht, sie nahmen Audienz beim Ministerpräsidenten Stambnlvw, welcher, von der Unschuld dieser Menschen vollkommen überzeugt, einen neuerlichen Prozeß mit Abberufung des antisemitischen Staatsanwaltes anordnete. Nach Abberufung des schamlosen Rechtsvertreters konnte die Gerechtigkeit nunmehr freien Lauf nehmen, nnd dies umso mehr, als Stambnlvw den Prozeß vom Tatorte nach der Donaustadt Widdin verlegt hatte. Insoweit kam die Regierung der guten Sache entgegen. Es bandelte sich nun darum, einen bulgarischen Advokaten zn verschaffen. Allein da zeigte sich wieder der Antisemitismus in seiner traurigen Gestalt. Kein Advokat wollte ans seiner Bude herauskriechen, um dieser so gerechten Sache zum Siege zu verhelfen. Die Inden in Bulgarien hatten dazumal noch keine eigenen jüdischen Advokaten und der bulgarische Advokatenstand setzte sich aus weggejagteu Beamten, deren es eine Unzahl gab, und aus nur wenigen im Auslande ausstndierteu Rechtshvrern zusammen. Endlich fand sich doch ein Advokat, ein Exminister, welcher die Verteidigung übernahm. Außerhalb Bulgariens interessierle sich der Herr Dr. Nathan aus Berlin für das Los der Unglücklichen und auch der selige Rabbiner Hirsch Hildesheimer sandte mir über 300 Mark, um einen Stenographen zit bestellen, der den Bericht über die Verhandlung abfassen sollte. Als aber der Termin der Schluß- Verhandlung bekannt wurde, stellte es sich heraus, daß dieselbe auf Rösch hascbana des betreffenden Jahres anberaumt war. Da nun die Zeit zn kurz war, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen, konnte man nnr nach den bulgarischen Berichten nach auswärts berichten nnd sandte ich das mir zur Verfügung gestellte Geld zurück. Die Inden Bulgariens, etwas scheue Naturen, sahen, trotzdem sie von der Unschuld ihrer Stammesgenossen überzeugt, waren, doch mit Bangen dieser Verhandlung entgegen. Bald sollten sie sich jedoch von der Einfachheit der Lösung dieser