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Die Wahrheit · 1912-04-26 · Heft 16 (26.4.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 16 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lcilc 4. Die ^chew-Pnschkin sollten die Verteidigung führen — da kam plötzlich Ordre, den Prozeß auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Von anderer Seite wird gemeldet: - Der vom russischen Justizminisler Schtscheglowitow nach Kiew entsendete Proknrator der Petersburger' Gerichtskammer, Wippen, der die Anklage gegen den jüdischen Beamten Beiliß vertreten sollte, har nunmehr, wie ..Uno Rossii" meldet, dem Justizmillister einen Bericht unterbreitet, in tvelchem er um seine Enthebung vom Amte des Anklägers bittet, da seiner Ansicht nach die Anklage gegen Beiliß völlig unbegründet ist. - Die russischen Blätter publizieren einen.Ausruf russischer Gelehrter, Schriftsteller. Dichter und Künstler gegen den Ritnalmordglauben, in welchem gegen die in Rußland anläßlich des Knabenmordes in Kiew veranstaltete Ritualmordhetze gegen die Juden schärfstens protestiert wird. In dem Aufruf heißt es unter anderem: „Wir halten es für unsere Pflicht, unsere Stimme gegen den Ritualmordglanben zu erheben, gegen die Ritualmordhetze zu protestieren, der christlichen Bevölkerung die Gebote der Liebe und Wahrheit in Erinnerung zu bringen und den Verleumdern zuzurufeu: »Lasset von der bösen Tat ab!"" * * ' * Der Aufruhr in Fez, der sich eigentlich gegen die französische Fremdherrschaft richtet, hat zu schweren Exzessen gegen die unschuldige, jüdische Bevölkerung geführt. Berichte ans Tanger schildern die furchtbare Notlage der Juden in Fez, an denen die Meuterer am 17. und 18. d. M. jede mögliche Gewalttat von der Plünderung bis zum Mord und bis zur Schändung der Fraiten und Mädchen verübt haben. Die Wiener Gemeinderntswahlen im II. MahUroper. Der II. Wahlkörper, dessen Grundstock ans intelligenten aber keineswegs wohlhabenden, weil vorwiegend von festen Bezügen lebenden Bürgern besteht, bildete von jeher jene Wühlerschichte, die für begangene Fehler und Sünden ° der Gemeindeverwaltung das schärfste Auge hat. Mit Sünden beladene Gemeindeverwaltungen wurden daher in der Regel gelegentlich der Neuwahlen vom II. Wahlkörper gerichtet. Es ist auch bei den kommenden Gemeinderatswahlen aus dem II. Wahlkörper trotz der von den Christlichsozialen schwunghaft betriebenen Bürget fabrikation, wodurch sie bekanntlich den II. Wahlkörper willkürlich stärkten, mit großer Wahrscheinlichkeit zu hoffen, daß dieser Wählkörper ein Strafgericht an den Christlichsozialen üben wird. Die Ereignisse werfen ihre Schatten voraus und wir sehen in unserer geliebten Vaterstadt einen mutig und in demokratischem Sinne geführten Wahlkampf gegen die Christlichsozialen inerhalb des H. Wahlkörpers in vielen Wiener Bezirken. Symptomatisch ist dabei, daß die von den Deutschfreiheitlichen abgehalteuen Wählerversammlungen das Unbehagen der christlichsozialen Partei am meisten erregten, so. daß dieselben hauptsächlich dentschfreiheitliche Wählerversammlungen zu sprengen versuchten. Namentlich Währing zeichnet * sich durch die Eigenschaft aus, daß Beamte und Lehrer in diesem Wahlkörper weitaus überwiegen. Innerhalb des II. Wahlkörpers dürfte deshalb die Rechnung der deutschnationalen und deutschsozialen Partei, deren jede mit den Christlichsozialen in die Stichwahl zu kommen hofft, nicht stimmen. Im Jahre 1906 betrug nämlich die' Zahl der erzielten deutschfreiheitlichen Stimmen nahezu das Vierfache der Deutschnationalem Die Juuiwahlen haben wohl für den IV. Wahlkörper einige Bedeutung, keineswegs, aber für den H. Die Beamten und Lehrer sind nicht'nur massenhaft von der christlichsozialen Partei abgefallen, weil dieselben die staatsbürge r.I. i ch;.e Versklavung dieser Berufsstände praktizierten und. jede wirtschaftliche Besserstellung durch planmäßige. Verteuerung aller Lebensmittel und Verschärfung der Wohnnngsteüerung vereitelten, sondern sie haben durch die Taten des deutschnationalen Verbandes im letzten Jahre im Belange auf. Wahrheit. Nr. 16. Schule und Beamtenschaft keine Ursache, zur Wahl deutschnationaler Kandidaten zu greifen, wenn die Deutschfreiheitlichen namentlich die Dentschdemokraten Kandidaten präsentieren. Die Verschleppung des Lehrerautrages Pacher-Waldner durch den deutschnationalen Verband und die durch die Deutschnationalen unter Führung des Abgeordneten Dr. Steinwender im kärntnerischen Landtage durchgeführte furchtbare Schnlverschlechternng hat ans die gesamte Lehrecschast Oesterreichs ernüchternd gewirkt. Der Wiener Führer der Deutschnationalen, Dr. Waber, hat im Staatsangestelltenausschnsse als Beamtenanwalt (?) eine ähnliche Rolle gespielt wie etwa Knnschak als Arbeiteranwalt. Außerdem zeigen sowohl-die Deutschnationalen als auch die Dentschsozialen in Währing deutlich, daß sie den Christlichsozialen näher stehen als die Sozialdemokraten oder Deutschfreiheitlichen. Die Deutschfreiheitlichen sind entschiedene Gegner der Christlichsozialen, denn sie waren sofort entschlossen, die Sozialdemokraten im IV. Wahlkörper zu.unterstützen, als bekannt wurde, daß die Dentschsozialen den deutschnationalen Kandidaten im IV. Wahlkörper unterst ü tz e n, obgleich auch im IV. Wahlkörper eine Probewahl für dieselben vorteilhaft schien. Sie wollen mit aller Macht verhindern, daß die unverläßlichen Rasseuantisemiten statt der Sozialdemokraten mit den Christlichsozialen in die Stichwahl kommen. Auch die Erwägung gab dabei den Ausschlag, daß sich dann die angeblich antiklerikal gesinnten Rassenantisemiteu vor der. Wahl im II. Wahlkörper in dieser Richtung demaskieren müssen. Die Sozialdemokraten glauben aber trotzdem ihre Prinzipien zu Ende reiten zu müssen und stellen in Währing auch nn H. Wahlkörper Zählkandibaten ans. Es ist aber zu erwarten, daß diese Demonstration von den Wählern nicht ernst genommen werden wird, da die Jntelligenzwähler im II. Wahlkörper wohl erkennen müssen, daß eine Verhind erring der Deutschfreiheitlichen in die Stichwahl mit den Christlichsozialen zu kommen, schließlich leicht zu einem Siege der Christliclisvzialen führen kann. , Namentlich die .jüdischen Wähler des U. Wahlkörpers, welche sozialdemokratisch gesinnt sind, mögen zielbewußt am 29. April l. I. ihre Stimmen auf die deutschfreiheitlichen Kandidaten Hugo H ec zk o, Hausbesitzer, XVIIL, Martinsstraße 62. Johann Le rner, k. k. Postbeamter, XV., Neubaugürtel 23, Johann Ullrich, Beamter und Journalist, XVIII., Theresiengaste 28 und Hermann Bauer, k.!. Oberrechnnngsführer i. P. IX., Nnßdorferstraße 16 vereinigen, weil diese Zählkandidatnr doch für die Sozialdemokraten belanglos ist und für den ernsten Kampf gegen die Christlichsozialen gegenwärtig jede einzelne Wahlstimme entscheidend wirken kann. Die zwei großen Wählerversammluugen, welche bis mm von dem dentschfreiheitlichen Wahlausschuß Währing abgehalten wurden, zeigten znm lebhaften Verdrusse der Ehristlichsozialen einen m a s s e n h a f t e n .Besuch. Mögen alle freiheitlich gefilmten Wähler ihre Pflicht erfüllen! Zum Pessimismus ist wahrhaftig kein Grund vorhanden!. .Mindestens können die jüdischen Wähler, wenn sie zielbewußt und einig Vorgehen, beweisen, daß sie in Währing das Z ü.n g l e i n a it. be r Wage bedeuten und daß ohne ihre Hilfe auch keine andere antiklerikale Partei siegen kamt«. Jedesfalls wäre es für Bürger schändlich, sich diesmal dem Wahlkampfe zu entziehen, wenn so viel auf dem Spiele steht. Die nächstem vom dentschfreiheitlichen Wahlausschüsse Währing, veranstaltete Wählerversammlnng findet Freitag, am 2.6. April I 9.12 um ^8 Uhr abends in Ladners Saal, XVIU., Michaelerstraße 15 statt, wozu alle freiheitlich gesinnten Wähler und ebensolche Frauen höstichst geladen .werden.. R. L. Ans der Wiener Knltnsgemeiude. Die Sonntag, den 21. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabte öffentliche Plerlar.- sitzung des. Wiener Kultusvorstattdes zeigte eine für Wiener Verhältnisf.e ziemlich, starke.Beteiligung der Oeffentlichkeit und auch

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