Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 15 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sir 15. Die Wahrheit Sette 5. ist, wenn der-Unmut über die vorjährigen Porsälle in weiten jüdischen Kreisen noch anhält und bei denselben die Absicht besteht, sich vom heurigen Blumentag vollkommen sernznhalten. -r- , ■ •* * Wie, selbst die hochherzigste jüdische Tat von d?r.christlichsozialen Presse entstellt und begeifert' wird,' das charakterisiert unter Bezugnahme auf die in vörigex Nummer bereits gemeldete Kinderspitalstiftnug, die „Sonn- und Montags-Zeitung" mit folgenden treffenden Worten: Man, kann keine Nummer der „Reichspost" in die Hand nehmeii, ohne vom Ekel an dem widrig verlogenen und klebrig giftigen Inhalt geschüttelt zu werden. Da ist ein alter Jude gestorben, der sein gesamtes, auf, mehr als zwei Millionen Kronen angewachsenes Vermögen einer mildtätigen Stiftung widmete, nämlich zilr Errichtung eines Spitals für bedürftige Kinder „ohne Unterschied der Konf eff i o n". Diese Tatsache glossiert das tierische chriftlichsoziale Kläfferblatt in der denkbar' hämischesten Weife, indem es. ' was allerdings nicht wundernehmen kann, vor allem die Bestimmung „ohne Unterschied der Konfession" e i ns a ch unterschläg t. Nach diesem Diebstahl an der Wahrheit meint das „frnmbe" Blatt, daß der Testator sein Vermögen „an Christen" verdient habe; aber die Folgerungen, die es aus dieser dummen agitatorischen Anmerkung zieht, unterschlägt die vom Piusverein soutenierte politische Prostituierte gleichfalls. Sie meint nur znm Schlüsse, daß man mit dieser Stiftung „die vielen Werke christlicher Charitas vergleichen möge, die in wahrer Toleranz Bedürftigen ohne Unterschied der Konfession gewidmet sind". Es liegt uns natürlich ferne, der „wahren christlichen Charitas" irgend etwas nachzusagen, sie ist ja gestraft genug, wenn sie sich in der verrufenen Gasse und Gosse der „Reichspost" aufhallen muß, aber aus Gründen der historischen Wahrheit und Statistik möchten wir auf die Ereignisse der allerletzten Jahre Hinweisen, in denen mindestens vier jüdische Legate für Kinderspitäler ohne Unterschied der Konfession gestiftet wurden, unzählige andere Widmungen interkonfessioneller Natur gar nicht eingerechnet, während bei bestem Willen kein einziger prominenter Fall nachzuweisen ist, in welchem es sich um einen christlichen Testator handelte. Wir fordern die Reichspost" ans, ein einziges von den angeblich „vielen" Werken christlicher Charitas zu nennen, das einen ähnlichen Charakter hat wie die vielen jüdischen Legate der letzten Jahre. * * .* Wie verderblich der Anschluß an die antisemitische Partei auf Charakter und Gesinnung . wirkt, dafür ein neuer Beleg. Da soll Herr Dr. Pupovac anläßlich seiner Kandidatur für den Wiener Gemeinderat in einer Wählerversammlung sich geäußert haben, daß es notwendig sei, den antisemitischen Grundsatz stärker zu betonen, sowie es auch. Prinzip sein müsse, daß kein Jude von der Gemeinde Wien eine Lieferung erhalte. So spricht Dr. Pupovac zu seinen vermeintlichen Wählern! In seiner Advokaturskanzlei hat er jedoch die Vertretung selbst orthodoxester Juden übernommen, wenn sie ihm nur fette. Expensen bezahlten. Dies beweist seine Causa Samuel N e f s e l r o t h 1905—07 vor dem k. k. Bezirksgericht Josefstadl in Strafsachen und dem k. k. Landesgericht Wien! (U. IV. 1463/5—1654/5.) A n t is e in i t i s m u s vor dem Wähler propagieren u n d Juden gegen Bezahlung amtlich vertreten — dieser Gesi u nungsl u mperei i st d o ch nnt eiu C h r i st l ich s o z i a l e r fä h ig! * * Dieser Tage erschien das amtliche Endergebnis der im Jahre 1910 vorgenommenen Volkszählung in Budapest. Hiernach betrug die jüdische Bevölkerung Budapests damals 203.687 Seelen, d. h. 21,3 Prozent aller Einwohner der ungarischen Hauptstadt. In jedem der vorherigen Jahrzehnte hatte der Pro- ' zentsatz der Juden zur Gesamtbevölkerung, um 2—3 Prozent Angenommen, in den letzten zehn Jahreü hingegen blieb derselbe unverändert. Dieser Umstand wird dem bei der jüdischen Bevölkerung von Budapest in erschreckender Weife herrschenden m; fiii Einkindersystem zugeschrieben, das bei den Inden in viel größerem Maße platzgegriffen hat, als bei den Nichljuden. Würde die Budapester Judenschaft nicht durch Einwanderung einen bedeutenden Zuwachs erhalten, so würde der Vermehrungsprozentsatz der jüdischen Seelenzahl weit hinter demjenigen der übrigen Konfessionen Zurückbleiben. * * * Ans Sofia veröffentlicht die „Allg. Ztg. d. Jud." folgende Mitteilung: In Bulgarien existiert eiu Schulgesetz vom Jahre 1909. In diesem handelt eiu Kapitel von den Privatschulen; Artikel 371 lautet: „Wenn die Emküufte der religiösen Güter ungenügend znm Unterhalt einer muselmännischen, griechischen, j ü d i s ch e n oder armenischen Schule sind, so wird das Defizit unter die Glaubensgenossen der betreffenden Stadt verteilt." Bisher ist dieser Paragraph, noch nicht praktisch angewendet worden, da das Gesetz keinen Modus der Verteilung vorsieht. Da nun die jüdischen Schulen sich sehr schlecht entwickeln, seitdem sich die Allianz aus Philopopnlis auf Grund des zionistischen Programms, das man ihr auferlegen wollte, zurückziehen mußte, hat sich daselbst das Bestreben bekundet, die jüdischen Schulen zu schließen und die Kinder in die öffentlichen Schulen zu schicken. Das zionistische Komitee der Stadt suchte die Schließung der Schulen zu hindern, indem es neue Kräfte für die gesetzliche Einnahme der Schnllasten zu erschließen suchte, und indem es dem Unterrichtsministerium eine neue Ausgabe von 500.000 Frank in Aussicht stellte, wenn die jüdischen Kinder in Massen in die öffentlichen Schulen übergingen. Auf Autreiben der Zionistenführer in Bulgarien fügte daher die parlamentarische Uulerrichlskommiffion dem angeführten Artikel 371 die Worte hinzu: „Das Defizit wird ebenso erhoben wie Staats- und Gemeindesteuern." Diese wenigen Worte können in der Zukunft für die politische Lage der bulgarischen Juden eine schwere Tragweite haben, und der Hintergedanke der Regiernng läßt sich kaum bezweifeln. Es wäre das erste Ausnahmegesetz gegen die Inden, das sie mit einer Spezialsteuer eben als Juden belegt. Schon ist das Unterrichtsministerium von den schlechtesten Intentionen gegen unsere.Schulen erfüllt, sucht sie soviel wie möglich, herabzudrücken und würde nichts lieber sehen als die öffentlichen Schulen von dem jüdischen Element zu befreien. Dieses Streben wird der Regierung durch das von den Zionisten verlangte Amendement erleichtert, indem es den Juden das Recht gibt, Steuern zum Unterhalt von jüdischen Schulen zu erheben. Die Regierung könnte unter dem Vorwand des Mangels an Lokalen. Personal und Hilfsmitteln in den Elementarschulen und Gymnasien nur eine im Verhältnis zu den leeren Plätzen stehende Zahl von jüdischen Schülern zulaffen. Das Zentralkonsistorinm Bulgariens hat, sobald es von jenem Zusatz Kenntnis erhielt, wiederholte Schritte bei Ministeru und Abgeordneten gemacht, um gegen dieses Ausnahmegesetz zu protestieren, das die Juden mit einer besonderen Schulsteuer belastet, während sie natürlich auch die allgemeinen Schnlsteuern zu zahlen haben. Sobald das Gesetz den Grundsatz obligatorischer jüdischer Schulen zuläßt, würbe es die Folge haben, die öffentlichen Schulen für ihre Kinder zu schließen. Alle Minister haben uns die Zusicherung gegeben, dieses Amendement zu ändern; trotzdem ist zu fürchten, daß das Gesetz vom Parlament angenonunen wird. Die Zionisten sind eifrig bestrebt, das Amendement dnrchzusetzen, die Gegner des Zionismus machen starke Gegenanstrengungen. Wenn nun freilich das Gesetz auch andere Glaubensgemeinschaften zu treffen scheint, io würde es nur für die Juden schlimme Folgen haben,.denn es ist stark zu bezweifeln, daß diese Ausnahmesteuern wirklich für die jüdischen Schulen verwendet würde. Es würde möglicherweise auch die andere sehr bedenkliche Folge haben, daß die Juden das Recht verlieren würden, für die öffentlichen Schulkvmitees mitzuwählen. Die zionistische Aktion würde daher einen verhängnisvollen Schritt zu Ausnahmemaßregeln bedeuten, da sie nicht mehr in der Läge sein würden, andere Bedürfnisse zu befriedigen, sobald