Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 15 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Die Wahrheit. Nr. 15. und niemand bleibe zu Hanse. Jeder Zettel ist von Wichtigkeit, oft kann eine Stimme entscheiden! Schreibet genau und deutlich und gebet keinen leeren Zettel ab, die christlichsozialen Kommissionen sind im Zählen und Wägen Künstler. Juden, ziehet froh und mutig iu den Wahlkamps! Endlich kommt die Zeit der Abrechnung für eine jahrelang erduldete Schmach. I u d e n. e i l e t z u r U r n e! __ A. H. L. Dir kommenden Gemeinderatsmahlen. Im vierten Wahlkörper wird sich in den meisten Wiener Bezirken der Kampf ernstlich nur zwischen den Christlichsozialen und Sozialdemotraten abspieleu. Von den antiklerikalen Parteien stellen sich eigentlich nur die Deutfchnationalen den Sozialdemokraten auch im vierten Wahlkörper ernstlich entgegen. Besonders instruktiv gestalten sich die Wählerverhällnisse in Währing. Die d e u r i ch - s o z i a l e Partei unter Führung des Antisemiten Dr. Pollauf stellt im vierten Wahlkörper keinen eigenen Kandidaten ans und will den von der dentschuationalen Partei unter Führung des Antisemiten Dr. Waber ansgestellten Gemeinderatskandidaten H. Erben nute r st ütz e n. Dadurch sieht sich der deutsch-freiheitliche Wahlausschuß Währing genötigt, auch im vierten Wahlkörper in den Wahlkamps einznlreten, um in ihren Wählerreihen einer Wahlenthaltung vorznbeugen, welche nur den Christlichsoziälen nutzen müßte. Es inuß eben alles angewendet werden, daß nicht die mit den Christlichsozialen paktierenden Demschuatiotlaleu mit ihnen in die Stichwahl kommen. In den Abendblättern der gelesensten Tageszeitungen Wiens war am 11. d. M. der Bericht über die erste stürmische Wähleroersammluug zu lesen, welche der deutsch-freiheitliche Wahlausschuß Währing am 10. d. M. beim „Wilden Mann" abgehalten hat. Die unternommenen Sprengversuche der Christlichsozialen zeigen klar, daß die Deutschfreiheitlichen' von den Christlichsozialen mehr gefürchtet werden als ihre sonstigen Gegner. Sehr erfreulich ist es aber, daß diese Sprengversuche in Folge der großen Anzahl der freiheitlichen Versammliuigsteilnehmer mißlänge n. Nicht veröffentlicht war in den Tagesblättern die Rede des christlichsozialen Magistratsbeamten Dechant (ein naher Verwandter des Gemeinderates Dechant), eines noch sehr jungen Mannes, in welcher derselbe ausführte, daß er, obgleich erst in der niedrigsten (H.) Rangs kl affe, bereits ein Jahreseinkommen von K 3800 beziehe, welche Tatsache die Beamteufrenndlichkeit der christlichsoziälen Gemeindevertretung erweise, da die Wiener Magistratsbeamten besser besoldet werden als die Staatsbeamten. Leider erklärte er aber nicht, warum nicht auch die jungen Lehre r so gut gestellt werden und warum die Christlichsoziälen nicht auch die Beamten- und Lehrer rechte hoch halten, wenn sie so beanttenfrenndlich seien. Die von Dr. Geßmann geschaffenen und durchgebrach ren ii. ö. Laudesgesetze (§§ 13, 17, 18, 23, 40. 41 und 46 des li. ö. L.-G. vom 26. August 1910) und die Rede des Reichsratsabgeordneten Guggenberg im Staatsbeamtenausschusse lassen aber weder Lehrernoch Beamteufrenndlichkeit der Christlichsozialen, sondern'die verbissenste Feindlichkeit erkennen. Herr Dechant vergaß auch zu versichern, daß auch jene Magistratsbeamten, die nicht das Glück haben, einen verwandten Gemeinderat als Protektor zu besitzen, eben so rasch wie er vorwärts kommen. Ein junger Deutschnanonaler meinte zum Schluffe noch, der deutsch-freiheitliche Wahlausschuß segle unterfalscherFlagge(ü), Der ebenfalls noch sehr junge Manu glaubte wohl, nur antisemitische Dentschnationale hätten Anspruch auf diese Bezeichnung. Er stieß noch folgende Worte heraus: „Wir werden weder Christlichsoziale, weder Sozialdemokraten, noch Juden wählen, sondern nur deutsche Männer. Heil!" Ueben nun die Dentschuationalen im Falle einer Stichwahl zwischen Christlichsoziälen und Sozialdemokraten im vierten?dD^örper, oder zwischen Christlichsozialen und Dentschfreiheitlichen im zweiten Wahlkörper Wahlenthaltung. däini qualifizier sich ein solches Beginnen als t a t k r ä f l i g st e Unter st tt- | U lt g der E h r i st l i ch s o z i a l e n. Ein solcher Freisinn entspricht freilich den bisherigen politischen Taten der Dentschnationaleu völlkommeit. — Mögen daher alle jüdischen Wähler Währings und ganz Wiens diesmal ihre Ehrenpflicht erkennen, sich an den kommenden Gemeinderatswahlen mntig und zielbewußt zu beteiligen! Mögen sie das herrschende Vorurteil gründlich vernichten, welches anssprengt, Inden seien politisch nnverläßlich und auch die Dentschfreiheitlichen könnten auf ihre, einige Hilfe nicht rechnen. Die nächste deutsch-freiheitliche Wähleroersammluug ln Währing, wo wieder wie in den Jnniwahlen der Wahlkampf besondere Tragweite und Wichtigkeit erlangt, findet am 19. d. M. um 1/2S Uhr abends in Kratzers Saal, XVIII. Gersthofstr. 148 statt und es ist notwendig, daß die jüdischen Wähler vollzählig n n d r e ch tz e i t i g dort erscheinen. Da im vierten Wahlkörper nur die Sozialdemokraten als Gegner der Christlichsoziälen für die jüdischen Wähler Währings in Betracht kommen können, werden diese Wähler inständigst gebeten, sich auch im vierten Wahlkörper der Gemeinderatswahl nicht zu enthalten und ihre Stimme einmütig dem sozialdemokratischen Kandidaten zukommen zu lassen, weil sonst die vereinigten Dentschuationalen und Deutschsozialen in die Stichwahl kommen. Ans diesem Grunde ist der deutsch-freiheitliche Wahlausschuß Währing auch von dem ursprünglich bestandenen. Plane a b g e k o m M e n. auch im vierten Wahlkörper einen Zählkandidaten aufzustellen. R,; L. Ans der Woche. Sr. Majestäi der Kaiser hat dem I. Vizepräsidenten der Wiener Killtusgeineinde, Landesschulrat Dr. Gustav Ko.hn, den Eisernen Kronenordeil IU. Klasse verliehen. Diese hohe kaiserliche Auszeichnung, die einer der verdientesten nnd beliebtesten Persönlichkeiten der Wiener Kultusgerneinde und einem der edelsinnigsten Menschen zuteil wurde, wird in den weitesten Kreisen mit aufrichtiger Freude vernommen werden. . ' : ■ * * Zum bevorstehenden „W jener B l u m e n t a g e" wird uns von befreundeter Seite geschrieben: „I ü d i s ch e F r a u e n und M ä d ch e n A ch t n'n g! Morgen, Samstag den 20. finden in ganz Wien und übermorgen, Sonntag den 21. b.' finden iin Prater Blumenverteilungeu für vornehmlich' christliche Wohltätigkeitsvereine statt. Jüdische Fräcken und Mädchen! Gebt euch nicht wieder wie im Vorjahre dazu her/ der Gegenstand des öffentlichen Spottes zu sein. Noch ist die Schmach nicht gesühnt, die das „Deutsche Volksblatt"'allen Juden angetan,, indem es in schamloser Weise behauptete/ daß die „Jüdinnen" das Geld aus den Büchsen gestohlen haben. Das von Juden gesammelte und vou Inden gespendete Geld würde im Vorjahre f a st 'ausschließlich"' für katholischklerikale Vereine verwendet, die noch nie einen Juden znließen oder unterstützten. : . Die Inden, die ans sich selbst angewiesen, sind und von niemandem Hilfe erwarten dürfen, mögen vor allem für ihre e i gen e n armen, tranken und siechen Glaubensgenossen Spenden sammeln. Wohl sind die Inden bereit, auch für Andersgläubige tätig zu sein und sie haben, dies wiederholt bewiesen, aber daß sie obendrein noch an geflegelt werden, ist wahrlich nicht nötig. Darum, jüdische Frauen und Mädchen, verlanget,, wenn ihr schon Sammlerdienste machet, e n e r g i s ch einen entsprechenden Prozentsatz vom Reingewinn für jüdische Wohltätigkeits- Vereine!" Das Komitee für den Blumentag hat allerdings" heuer das im Vorjahrck begangene Unrecht ein wenig gutzüniachen versucht und so wird auch ein jüdischer Verein von dem. Erträgnisse bedacht werden. Allein, die Zuwendung ist im Verhältnisse zum Umfange der jüdischen Wohlfahrtspflege und zu den gewöhnlich; bei solchen Anlässen von jüdischer Seite geleisteten Beiträgen eine solch bescheidene, daß es vollkommen begreiflich