Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 15 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 15. - Dem Parlament -von Pörtngal liegt ein-Gesetzentwurf vor, wonach der obere Teil der portugiesisch westafrikanischen Kolonie die Steuerzahler dem Fiskils die Taxen zu bezahlen haben, welche sie bisher schon der Gemeinde entrichten müssen. Am 21. Marz fand in der'Kammer die Debatte über das Amendement zu dem Artikel 371 statt. Es wurde von Büros? dem Vizepräsidenten der Kammer, und Tavef, ehemaligem Minister des Innern, als antikonstitutionell und antipolitisch bekämpft. Nur ein einziger muselmännischer Abgeordneter unterstützte den Lorschlag des Gesetzes, und die Kammer beschloß fast einstimmig, den Artikel 371 des Schulgesetzes nicht zu ändern. Am folgenden Tage fand die dritte Lesung statt, und auch sie hatte zur Folge, d a s d i e s e s e r st e von den Z i o n i st e n v e r l a n g t e A u s n a h m e g e s e tz trotz des Eintretens des Unterrichtsministeriums zu Fall gebracht wurde. * * * Das Pariser Zentralkomitee der „Alliance Israelite Universelle" veröffentlicht folgende Erklärung: Das Komitee, das in Berlin unter der Bezeichnung „Landeskomitee der Alliance Israelite Universelle" begründet wurde, ist iticht befugt, die Firma der Alliance Israelite Universelle zu tragen. Das betreffende Komitee ist von dem Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle n i ch t g ü e rka n n t. Dieses Landeskomitee, sowie die Bezirks- und und Lokalkonntees, die sich demselben angeschlossen haben, sind nicht befugt, die Beiträge der Mitglieder der Alliance Israelite Universelle einzukassieren. 4- * Vorige Woche ist in Paris hochbetagt ein Mann verstorben, dem es zweimal beschieden war, in der Dreyfus-Affäre gewichtige Worte zu sprechen. Es ist dies der bekannte Historiker Professor Gabriel Monod. Als Emile Zola wegen seines historischen ^'accnse-Artikels in. der „Aurore" vor den Pariser Geschwornen stand, da trat als Leunumdszeuge ftir ihn Gabriel Monod auf. Er rühmte den Mannesmut und die fanatische Gerechtigkeitsliebe des großen Schriftstellers und sagte unter anderem: „Zola mußte diese fürchterliche Anklage niederschreiben, sowie seine Seele zur Dreyfus-Affäre überhaupt Stellung nahm. Dieser Mann, der mit Menschenliebe sondergleichen in seinen Romanen die Leiden, die Laster,, die Verfolgungen und die Wunden der Menschen bloßlegte, konnte nicht anders, als sein «Faccuse hinausschreien, als er zur Ueberzeugung gekommen war, daß Dreysus das Opfer einer Intrige und einer Perfidie geworden war." Wenige Monate später, im August 1899, als der Revisionsprozeß gegen Dreyfus die ganze Welt in Atem hielt, veröffentlichte Monod im „Figaro" einen Brief über eine Unterredung mit Freycinet, der beträchtliches Aufsehen h.ervorrief. Der ehemalige Kriegsminister de Freycinet hatte wenige Tage vor Schluß des großen Prozesses seine Aussage abgegeben, die ziemlich günstig für Dreyfus war. Am selben Abend traf Monod mit Freyeinet auf dem Bahnhofe in Le Mans zusammen und es spielte sich folgendes Zwiegespräch, ab: Monod. sagte: „Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, mit welchem Vergnügen ich Ihrer reizenden Rede znhörte. Ich war gerührt von Ihrem Aufruf zur Versöhnung. Darin fehlte nur ein Wort: Die Bekräftigung der Unschuld Dreyfus^ oder wenigstens die. Konstatierung, .daß der Spruch des Kassationshofes heute die gesetzliche Wahrheit bedeutet und daß das Kriegsgericht ihn zur endgültigen und allgemein anerkannten Wahrheit machen muß." Und zpm Schluffe der Unterredung sagte Monod: „Ich bin überaus glücklich, Herr Freycinet, daß Sie durch Ihre Aussage die Legende vom Syndikat'einfür allemal zerstört haben." Freycinet stutzte einen Augenblick, dann erwiderte er sehr energisch: „Ach. ja, es war zu dumm, zu dumm." Die Veröffentlichung dieser Unterredung war damals für das' Resultat des Prozesses von ganz außerordentlicher Bedeutung, daMonod dadurch die Aussagen Freycinets, die im Gerichtssaal etwas schwankend lind breit gewesen waren, gewissermaßen auf. ihren Extrakt kondensiert hatte. Fyeycinet war ober eine ungemein geachtet^ Persönlichjkeit, an die sich auch die ärgsten Verleumder iticht. heranwagten. . A n g o l ar n s fischen I n d e n a l s j ü d i s ch e s S i eb* lungsg e b i e i ü b e r l a s s e n w erde. Im Gegensätze zu anderen Einwanderungslqndern soll in dieser neuen Jndeukolonie laut dem Gesetzentwurf jeder Jude, der von eine angesehenen jüdischen Kolonisations- oder Wohltätigkeitsgesellschaft empfohlen oder geschickt wird, zur Siedlung zugelassen werden. Die Kommission für Naturakisationsangelegenheiten im portugiesischen Parlamente ist dem Projekte sehr günstig gestimmt. Auch die portugiesische Presse widmet der Angelegenheit sympathische Artikel. Bezeichnend hiefür ist ein Leitartikel des verbreitetsten Journals in Portugal „O Seculo". Das Blatt, welches der portugiesischen Regierung sehr nahe steht, schreibt unter Anderem: „Die erste europäische Kolonie in St. Thome wurde von Inden gegründet, welche aus Portugal vertrieben wurden. Bald darauf wurde die Insel ein wahres Paradies. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß die wirtschaftliche und kulturelle Dekadenz Portugals mit dem Jahre beginnt, in welchem die Juden von dort vertrieben wurden. Holland ist durch die Einwanderung von aus Portugal vertriebenen Juden reich geworden und rühmt sich heute mit Stolz,, daß es damals den jüdischen Flüchtlingen ein Asyl gewährt habe, und dadurch der Kultur jüdische Größen, denen die Welt so viel zu danken har, gerettet habe. Was könnten wir nun jetzt Besseres tun,, als die russisch-jüdischen Emigranten, die in ihrer Heimat rechtlos sind und deren fruchtbare Arbeit in ihren neuen Heimatländern, wie in Palästina, Nordamerika und Brasilien weltbekannt ist, zu uns zu rufen."' Das Blatt führt ferner die statistischen Ziffern über die jüdischen Kolonien in Palästina- Amerika, Argentinien "und. Brasilien als Beweise für die großen landwirtschaftlichen Fähigkeiten der Inden an, und wünscht, daß man jüdischem Einwanderern alle jene Rechte einräume, die den Emigranten in den. Kolonialgebieten zngesichert wurden. Galipscher Hilssverein. Sonntag, den 14. April d. I. fand in den Räumen der Jsr, Humanitätsvereine „B*nai B'rith", IX., Universitätsstr. 4, die Generalversammlung des Hilfsvereines für die" notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien statt. Den Vorsitz führte an Stelle des durch Unwohlsein verhinderten Präsidenten, Herrn Sigmund Mayer, der Vizepräsident Herr Moriz S o n n e n s ch e i n. Nachdem der Vorsitzende insbesondere die Vertreter der Vereine und Ortsgruppen, und die Gäste mit freundlichen' Worten begrüßt hatteergriff der Sekretär. Herr Dr. Wilhelm Löwy, das Wort. Er teilte zunächst mit. daß Begrüßungen eingelangt sind: Von der Jewisb. Gölonization Association in Paris, von der Großloge für Deutschland in Berlin, vom Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M.. von der Handels- und Gewerbekammer in Lemberg und vom Rabbiner Prof. Dr. Emil Hofmann namens der Reichenberger Ortsgruppe; weiters daß ihr Fernbleiben von der Generalversamm- ' nng entschuldigt haben die Mitglieder der' Vereinsleitnng, die Herren: Prof. Dr. S. Ehrmann, Dr. Adolf Kapraliff Dr. Gustav Kohu, kais. Rat Paul Lemberg er, kais. Rat Dr. Theodor L.i e b en, Alexander S ch o r r, Kommerzialrat Max S ch w ei g er, sämtlich, ans Wien, ferner die Herren:. Dr. M.. H a m m e r s.chl a g. ans Prag, Reichsratsabgeordneter'; Dr. Adolf Groß und)Kultuspräsident Dr. Samuel Tilles aus Krakau und Schulrat Dir. Alois Schwarz aus Mähr.- Ostrau, endlich die Delegierten der Wiener Ortsgruppen, die Herren : Hermann B e ck, Franz F r a n kl, Rabbiner Dr. M Roseumann, Ernst Simon und Dr. Bela Taüssig. Der Sekretär Herr Dr. Löwy verliest sodann aus dem Tätigkeitsberichte pro 1911 die Darstellung über die Entstaat-