Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Die Wahrheit Seite $ läßt! Wie vielgestaltige und zahlreiche Genossen die Lüge — und wie einsilbige und wenige die Wahrheit findet! Wie jene -überall anzntreffen und wie diese, ja selbst ihre Spar weit und breit zu suchen ist! Wie diese warm annähernd verbindend, jene ckalt abstoßend entsernend wirkt, so daß man mit ihr meist Anstoß erregt, während jene einen schillernden, bunten, großen Freundeskreis erschließt! Kann mir die Wahl schwer fallen? — 'Nun, erwäge besser, vernünftiger: dort alles Schein, Maske, -Gaukelei, Fata Morgana! Hier ungeschminktes, wesen Haftes Sein; dort Schönheit, die Schminke und Pinsel für Augenblicke aufs Antlitz zaubern, das bei Licht besehen Blässe und verzerrte Lüge answeist, hier ungeschminkte, echte, reine Natur, die keine Aetherwelle und keine Stnrmeswoge verwischt. Dort die magnetische Anziehungskraft der Heuchelei und rückgratlosen, leichtbeweglichen gleißnerischen Charakterschwäche, die wider besseres Wissen der Weiße schwarz und der Rote grün nennt, hier die -unbeugsame und unwiderlegliche Logik der Ideen und Tatsachen und die Herrschaft der sittlichen Persönlichkeit. Dort die vielen Freunde, die sich zerstreuen, sobald die Lüge ihr Versprechen nicht mehr hält, und die zu Feinden sich wandeln, wenn der einst geschlossene Satanspakt anstatt der Lebensfreude die -Höllenqnal offenbart, hier bei aller Einsamkeit mit 1000 moralischen Mächten verbündet, gefestet in Leid und Frende, ein Mann, ein Wort, folgend dem kategorischen Imperativ des Innern dem Rufe der ewigen Gottheit. Dort ein schwaches, schwankes, kurzbeiniges Leben des Augenblickes, hier die Wahrheit auf zwei 'Füßen stehend, gerade, aufrecht, tiefwnrzelnb in Gott, unzerstörbar im Kampfe gegen frivole Clemente, Geschicke und Gewalten der Erdeuwelt. Dies ist das Fazit: Das Alphabet d e r U r s ch r i f t. in der d i e W e l t die 10 Gebote e m p f a n g e n, hat g e i st r e i ch e u G elehrten des grauen A l t e r t n m » V orwurf mit) Stoff z n einer weisen Ethik gegeben, die s y st e m a t i s ch lehrt: Bilde den G e i st! Bilde das Herz! E r k e n °n e Gott, seinen Namen, sein Walten u n d T u n! V e r t i e f e diese Erkenntnis im Studium und im Charakter! Laß p r äk- 1 i s ch e R e l i g i o n und Moral aus dieser Vertiefung folgen! Lehre durch die dir zum Besitz gewordene h i m m l i s ch e D i r e k t i v e v o r b e r e i t e u i n a l l e r W e l t d e n S i e g d e s G u t e n u u d G e r e ch t e n, d e n T r i u m p h der I d e e'n der Tugend, R e ch t- -s ch a ff e nhei t, Liebe nnb Wahrheit! Verschiedene Nachrichten Wien. Montag den 25. März ist nach langem schweren Leiden .Frau Charlotte Smotritzky, die Gattin des Kantors vom Ottakringer Tempel der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Julius Smotritzky, gestorben. Das Leichenbegängnis fand Mittwoch den 27. d. M. unter zahlreicher Beteiligung des Vorstandes und der Beamten der Knltusgemeinde sowie der :Kollegeuschaft des schwergeprüften Gatten am Zentralfriedhose statt. Nach der glänzenden kantoralen Funktion des ersten Kantors M. B. Kaufmann hielt der Rabbiner Dr. Bach einen Nachruf, in welchem er die edlen -Charaktereigenschaften der Heimgegangenen würdigte und an die trauernde Familie trostreiche Worte richtete. Nebst dem Gatten trauert um die Heimgegangene deren einzige Tochter, die an Kantor I l m e r in Wien verheiratet ist. Wien. Fräulein Roia Pi nkas, Tochter des bekannten Restaurateins Jacob P l n k a s in Wien, hat sich mit Herrn Samuel Ster n, Sohn des Hoteliers M. Stern in Abbazia. verlobt. Wien. (Synagogen - Verein „Beth Jsrae l"). Samstag, den 30. d. M. (Lellabdos hagodaul) 3 Uhr nachmittags wird Herr Rabbiner Meyer so hn im Tempel H. Leopoldgasse 29 einen tal- .nnrdischen Vortrag halten. Wie». (Barmizwa.) Herr und Frau Rabbiner Dr. D. F e n ch t w a n g laden Freunde und Bekannte zur niL!2 ->2-F-ier ihres Sohnes Wilhelm Go ttfr i e d ein, welche Samstag, am 6. April 1912 Vormittag, im Tempel XVIII. Bezirk, Schopenhauerstraße Nr. 39 stattfiudet. Gratulationsemvfang Samstag, am 6. April, Sonntag, am 7. April, vor- und nachmittag. XVIII. Edelhofgasse 36. Wien. (Verein: Jsr. Kinderbewahranstalt.) Am 17.März -fand die dritte ordentliche Hauptversammlung des seit dem Jahre 1843 -bestehenden Vereines: Jsr. Kinderbewahrnnstalt statt. An den von dem Direktor Max Fischer erstatteten Tätigkeitsbericht, aus welchem hervorging, daß in den letzten drei Jahren fast tausend Kinder in den beiden Veremsanstalten Aufnahme fanden, sowie an den von Frau Pauline K a u d e r erstatteten Kaffabericht knüpfte sich eine angeregte Debatte über den vom Vereine erhaltenen Kuldergärtilerinnenkllrs. dessen Bedeutung für die Heranbildung von Familienerzieherinnen, sowie als Borbereitungsanssalt für den Frauen- und Mutterberuf eure Umgestaltung in dem Sinne wünschenswert erscheinen läßt, daß die Pflege des gesunden und kranken Kindes eine größere Bedeutung erfahren sollte. Auch der Antrag, den Vorstand zu ermächtigen, dem Plane eines modernen, den pädagogischen und hygienischen Allfordernngen entsprechenden Umbaues des alten Anstallsgebäudes näher zu treten, fand ungeteilte Billigung. Die Wahlen ergaben die einstimmige Wiederwahl des bisherigen Vorstandes, an dessen Spitze die Frauen von L, t e r n, tzosrätin G o m p e r z und Baronin Königsw a r t e r stehen. Bisenz. Sonntag, den 24. März feierte Herr Sigmund Moser, Kaufmann, die Hochzeit seiner Tochter Steffi mit Herrn I. Fiskus. Die Trauung fand im hiesigen Temvel unter zahlreicher Beteiligung der hiesigen Bevölkerung statt, wobei Herr Oberkantor L e w i t i n mit seiner klangvollen herrlichen Tenorstimme znm Entzücken aller Anwesenden fungierte uni» Herr Rabbiner Dr. Hoff eine der Gelegenheit entsprechende gehaltvolle und geistreiche Rede hielt. FeuiUetou. Zer kluge Wetamed. Bon Babette Fried, Prag. Die nachfolgende Begebenheit hat sich vor mehr als einem halben Jahrhundert abgespielt und zwar in dem ereignisreicheu Jahre 1848 in Ungarn. Daselbst hatte die Klugheit enles einfachen Melamed einer Anzahl von Inden während einer behördlich gestatteten Plünderung einen Teil ihres Vermögens gerettet. Der Aufruhr war unterdrückt worden, und siegreich zog das österreichische Militär in jene Städte Ungarns ein, wo noch vor Kurzem der Aufruhr gewütet, die Bürgerschaft auf den Barrikaden gestanden und für die Freiheit des Vaterlandes gekämpft hatte. Nun war Ruhe eingetreten. Doch Strafe mußte sein. Zur Bestrafung der renitenten Bürgerschaft wurde den Soldaten gestattet, durch zwei volle Stunden nach Herzenslust zu plündern. Zwei Stunden! Was ist im Leben diese kurze Zeit? Wie bald verstreicht sie demjenigen, der sich so lang faullenzend auf dem Sofa herumwälzt, wie wenig wird selbst von einem fleißigen Arbeiter während dieser kurzen Zeit geschafft? Wenn aber eine beutegierige Soldateska hereindricht und diese abgemessene Zeit ausnützen will, um nur recht viel des Wertvollen zu erhaschen, dann reicht diese Spanne Zeit ans, um den Wohlstand ganzer Familien auf Jahre hinaus zu vernichten. Denn was nicht mitgenommen werden kann oder irgendwie hindernd im Wege steht, wird zerstört, vernichtet. In der Knltusgemeinde R. in Ungarn, über welche eben eine solche zweistündige Plünderung verfügt war. herrschte Bangen und Zagen. Das Vermögen der dortigen Juden bestand ans lauter beweglichen Gütern, welche nur allzugeeignet schienen, die Bentegier der plündernden Soldaten zu erregen. Und wann ging es in solchen Fällen nicht zuerst auf die Jndengasse los? Die Inden von R. hatten von ihren Glaubensgenossen aus anderen, dem gleichen Schicksal verfallenen Gemeinden erfahren, wessen sie sich zu versehen haben. Da kamen die Soldaten und in ihrem Gefolge Weiber mit Rückeukörben und leeren Säcken, in welche die Soldaten alles steckten, was sie als Wertobjekt betrachteten. Die Federbetten wurden teils mitgenommen, teils anfgerissen, da man annahm, daß in ihnen Wertpapiere versteckt seien, und wehe demjenigen, welcher dieser Rotte sich entgegensetzen wollte. Damals lebte in R. ein Melamed. arm an Gütern, aber reich an Kindern. Er pflegte in beißender Selbstironie von sich zu sagen, daß von seinem am Ausgange des Sabbates gesungenen Gebete: Sarenu weehaspenu jirbe Ka-chol (0, mögest Du unsere Nachkommenschaft und unser Vermögen vermehren!) blos der erste Teil Erhörung gefunden habe. Dieser, für den