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Die Wahrheit · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 13. Betroffenen recht unangenehme Umstand verhinderte den guten Melamed doch nicht, daß er, wie man zu sagen pflegte, den Kopf offen behielt und in Zeiten der Not der Gefahr nicht ratlos gegenüberstand. Besagter Melamed machte nun den Eltern seiner Schüler und anderen Freunden den Vorschlag, ihre Wertsachen, namentlich Federbetten, zu ihm ins Cheder zu schicken; er kenne ein Mittel, wodurch dieses alles von der Plünderung verschont bleiben könne. Einige vorsorgliche Familienhäupter trauten dem armen Melamed nicht recht und fürchteten, daß er das anvertrante Gut unterschlagen und dann sagen könne, es sei ihm trotz seiner Vorsicht geplündert worden. Diese suchten im eigenen Hause ein Versteck aus. Andere aber dachten ganz logisch: Wenn wir dem. Melamed den Unterricht unserer Kinder anvertranen, mithin deren ganze Existenz und Zukunft, Olom hasek und Olom liaboli warum nicht auch dasjenige, was jeden Augenblick der plündernden Meute zum Opfer fallen kann? Vielleicht gelingt es seiner Klugheit, uns diese Sache zu retten. Wo Thora, Gvttesgelehrsamkeit ist, daselbst besteht auch Ckockmak, Weltklugheit. Und so ward unter dem Schutze der Nacht ins Cheder getragen,- so viel man vermochte. In der Frühe schon verkündete Trommelwirbel den Einzug des österreichischen Militärs. Kaum war die Mannschaft außer Reih' und Glied getreten, so zerstreute sie sich in den Straßen und Gassen der Stadt, um ihr unheilvolles Plünderungswerk zu beginnen. Auch hier folgten Weiber, die mit Rückeukörben zur Aufnahme der Beute versehen waren. Der erste Besuch wurde der Judengasse abgestattet. Widerstandslos ließ man daselbst alles über sich ergehen. Eine Truppe der Plündernden war auch vor das Haus unseres Melamed gekommen, blieb aber unentschlossen stehen, als sie die Tafel lasen, die über dem Eingänge angebracht war. Sie enthielt nur ein, aber ein inhaltsschweres Wort: Kinder-Choleraspital. Doch wo es zu plündern und rauben galt, da ließen sich wohl die Soldaten, aber nicht diese gemeinen Frauenzimmer von der Ansteckungsgefahr abschrecke». Diese drängten unter ohrenbetäubendem Geschrei die zaudernden Soldaten vorwärts, bis sie in das große Zimmer traten, wo sich ihnen ein schauderhafter Anblick darbot. Da standen Reihen von Betten, in jedem ein wimmerndes oder laut stöhnendes, anscheinend cholerakrankes Kind, und der Melamed und seine Frau gingen zwischen den einzelnen Betten herum, Medizin reichend oder Umschläge erneuernd. Die Cholera, die grause Begleiterin des Krieges, hatte ihr unheimliches Vernichtungswerk in der Stadt R. begonnen und die Soldaten, welche den feindlichen Kugeln standhaft gegenüberstanden, wichen entsetzt zurück, als sie das grüne Gespenst so greifbar nahe erblickten. Hier wurde nichts berührt, doch stießen sie die Tür zn einer anstoßenden Kammer auf. woselbst sie (und nicht mit Unrecht) Schätze vermuteten. Da wären sie aber fast über etwas gestolpert, das gerade quer vor dem Eingänge lag. Es war ein mit einem schwarzen Tuche bedeckter Leichnam, zu dessen Haupte ein Oeltiegelchen mit matter Flamme leuchtete. Sie hatten offenbar die Totenkammer des Choleraspitales erstürmt. Entsetzt schlugen die Hyänen die Tür zu und flohen aus dem verpesteten Hause. Diese Kranken, die 8 Kinder und die mutigen Schüler des Melamed, mußten die vollen zwei Stunden in ben so geretteten Federbetten ausharren, ebenso der Pseudoleichnam in seiner unbequemen Lage; dann aber sprangen sie wohlgemut aus den Federn. Als in der Stadt wieder vollständige Ruhe eingekehrt war, halfen sie die dort geretteten Federbetten den Eigentümern zurückstellen, ebenso das andere, in der anstoßenden Kammerverborgene Gut, das unter dem Schutze der Choker aleiche so gut behütet war. Diejenigen aber, welche, der Klugheit und Ehrlichkeit des Melamed mißtrauend, aus dessen Vorschlag nicht eingegangen waren, brauchten bei ihrem Schaden für den Spott nicht zu sorgen. Oesterr-nngar. Kantorrn-Uerei«. Die durch das Ableben des Vereinspräsidenten kaiserl.Rat Oberkantor Josef Singer notwendig gewordene Neuwahl des Vorstandes hat Dienstag, den 26. d. M., 3 Uhr nachmittags, 1., Seitenstettengaffe 4, in einer nur zu diesem Zwecke abgehaltenen Generalversammlung stattgefnnden. Die Wahlkommission bestand aus den Herren: Josef Grob, M. B. K a u f m a n n, Heinrich Rosenberger, Jacob Schleifer und Joses Schlesinger. Nach durchgeführtem Skrutininm wurde durch den Obmann der Kommission Jacob Schleifer nachstehendes Wahlresultat verkündet:. Präses: Jacob Bauer, Präses-Stellvertreter: Meyer Schvrr, Simon Dünmann. Kassier: Salomon I u r b e r g e r. Vorstandsmitglieder: Jacob Schleifer, Isidor Löwit, Josef Schlesinger, Gotthold F r i e d l ä n d e r, Heinrich Rosenberger, Josef Morgenstern, M. Matyas, M. B. Kaufmann. Kontrollore: Joses Basse r, Jakob L a u d a n. Präsident Jacob Bauer und die neugewählten Vorstands-' Mitglieder M. B. Kaufmann und Josef Morgenstern wurden von den anwesenden Mitgliedern beglückwünscht und Oberkantor Morgenstern hielt eine in klassischem Hebräisch abgefaßte Ansprache, in welcher er den neugewählten Präsidenten und alle Vorstandsmitglieder begrüßte und für einträchtiges und friedliches Zusammenwirken aller Kollegen plaidierte. In den Chol hamoed-Tagen findet die erste konstituirende Sitzung des Vorstandes statt, welche sich mit der Vorbereitung der von einer Anzahl von Mitgliedern gewünschten außerordentlichen Generalversammlung beschäftigen wird. In dieser Generalversammlung soll ausführlicher. Bericht über die letzten Jahre erstattet und einige notwendig gewordene Statutenänderungen beantragt werden. -i- - * * Die geehrten Mitglieder werden ersucht, die rückständigen Vereinsbeiträge an den Vereinskassier, 1. Kantor S. Junberger, II., Tempelgasse 3, zu senden. Zuschriften sowie Anmeldungen für den Oesterr.-ungar.- Kantoren-Verein sind an den Präsidenten Oberkantor I. Bauer, 11., Novaragasse 27, zu richten. Aufruf. Jüdischer Verein „Einheit" und rituelle inensa academica judaica in Wien, II. Malzgasse 12♦ Passah steht vor der Tür, das Fest der Befreiung und des Frühlings. Zahlreiche Bittsteller klopfen bei nns an, um in unseren Hallen den Seder und die Feiertage in alter jüdischer Weise zn begehen und sich an Speise und Trank zu laben. Wer immer kann, sehe sich unsere Sederabende an! Es ist ein altes Stück jüdischen Volkslebens, das sich ihm darbietet. Da hört er wieder die Jahrhunderte alten Weisen, mit denen die „Hagada" vorgelesen wurde, da fühlt er wieder die Verbindung feines Volkes mit den Vorfahren und Urahnen. Er sieht auch Typen.der Urzeit, Männer, wie sie einst wohl in den Ebenen Kanaans wandelten, oder zu Zeiten des Balschem den podolischen Landrücken sinnend durchzogen Man sagt heute:, reinrassige Gestalten. — Die Speisehallen der „Einheit" sind so eine Darbietung jüdischer Geschichte und jüdischer Gegenwart. Sie sind den Besuchern an den Sederabenden geöffnet und ihr Besuch lohnt. Aber woher soll der Verein die Mittel nehmen, um die zahlreich, andrängenden Bitten um Passahkost zu befriedigen? Seit Wochen wird der Vorstand gebeten, angefleht und ersucht, unentgeltliche Ausspeisung vorznnehmen. Das kann die „Einheit" nicht, denn sie hat dazu keine Gelder. Sie arbeitet ohnedies mit Defizit. Vor Passah also, dem Feste, der Befreiung und des Frühlings,, richten wir an alle Juden in Wien und überall die Bitte, „ Brechet dem Hungrigen Brot" (Jesaias), richtet auf den Bedrängten, gebet uns Gelder sür die Armen, die Passah bei uns feiern und bei uns feiern wollen. Wien, im Nissan 5672. März 1912. Phil. Dr. K r e n b e r g e r. . Bernhard H o f b a u e r. Schriftführer. Obmann. Infolge des Peßachfestes erscheint die nächste: Nummer am 12. April.

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