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Die Wahrheit · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leite 8. Die Wahrheit. Nr. 13. der Kolonisation in Algier und in Tunis; auch die Erfahrungen hu östlichen Posen sprechen hierfür. Wer kann sich wundern, daß es in den jüdischen Bauernkolonien noch manche Unzufriedene gibt, daß nicht alle in dem neuen Laude und dem neuen Lebensvernfe das finden, was sie erwartet haben, und darüber Klage führen! Oft verzehren die gleich schweren Wolken heranziehenden Heuschrecken einen großen Teil der Ernte, Viehseuchen dezimieren die Herden, der wilde Pampero-Siurm zerstört gar manchmal die Behausungen, aber schon haben die Kolonisten diese Plagen ihrer neuen Heimat teils bekämpfen, teils ertragen gelernt und ein wenig von jenem Gleichmut der Seele erworben, der in diesem Berufe unumgänglich notwendig ist. — Daß selbst russische Fachmänner die Erfolge des Kolonisationswerkes anerkennen, ist aus jenem fast dithyrambischen Berichte zn ersehen, den Herr Krukoff, ein hochgestellter Beamter des russischen Ackerb.auministeriums im „Wiestnik Europy“ über seinen Besuch in den Kolonien veröffentlicht hat. Auch in den Vereinigten Staaten Nordamerikas, wo die Zca in trefflich organisierten Gesellschaften hilfsbereite Mitarbeiter besitzt, bis fern nach Dakota hin, wo nach Longfellows wundervoller Dichtung „Lachend Wasser" zn Hanse war. haben sich in fast allen Gebieten der Union nach Tausenden zählende Gemüsegärtner sowohl wie auch Getreidebanern angesiedelt, im fernen Westen Kanadas sind viele hundert Familien ans von der Regierung dargebotenen Homesteades mit steigendem Erfolge tätig, in der Südprovinz Brasiliens in Rio Grande do Snl sind Kolonien im ersten Entwicklnngsstadinm, in Cypern und Kleinasien kleine Gruppen von jüdischen Ackerbauern zn finden, so daß von einer wirklichen Rückkehr der Juden zur Bodenbearbeitung, von einem Erwachen atavistischer Fähigkeiten und Neigungen in allen Regionen des Erdenrundes gesprochen werden kann. Die Bahn ist offen, die Verfolgten und Flüchtigen, wenn sie starke Arme und Arbeitslust haben, werden nun von selbst den Weg finden, der sie zum Heile führen kann. „Raum für Alle hat die Erde." Talmndijche Ethik des Alphabets. Von Dr. D. Leimdörfer, Rabbiner und Prediger in Hamburg. (Schluß.) Allein wie das Alphabet ein offenes und ein Schluß-? oder geschlossenes I? mnB'S mno *s — hat, so halte du den Mund auch viel geschlossen zu einem ethischen Schweigen, das oft ein „Zaun, ist für die Weisheit" — Sejag lechockma sehtika — dort, wo man das Wort Gottes gering achtel, schweige; dort, wo große Männer reden, schweige; dort, wo Profanation zu befürchten ist, schweige; dort, wo das Niedrige, Gemeine, Häßliche, Schamlose zum Ausdruck gelangt, schweige; dort, wo die Unwahrheit, der Hohn, die Spottsucht, der Fluch, der Zorn, der Menschenhaß sich breit macht, schweige! „Weise, seid vorsichtig mit euren Worten, daß die Schüler nicht Gift aus ihnen trinken" und vergiß nicht: „Leben und Tod liegt in der Gewalt der Zunge". 7. ,n ,v n . p >y .2. Welche Direktive gibt die Lehre, zu deren Verbreitung du den Mund öffnen sollst? Sie stellt sich und dich vorerst in den Dienst der Gerechtigkeit, d e r Rechtsidee, ohne welche die Liebe undenkbar ist, beides. Recht und Liebe heißt Zedoko und wer sie übt, ist .p'N2 „Zaddik“ der Gerechte und Liebevolle, auch der Fromme. Aber diese Frömmigkeit, Liebe und Gerechtigkeit sind, obgleich Grundpfeiler der gesitteten Menschheit, Ideale, die vielfach im Leben der Völker und Menschen, im Staat, der Gesellschaft nicht beachtet, im Gegenteil oft verachtet werden, da könntest du leicht in die pessimistischen Anschauungen eines Kohelet (13, 16) geraten. — renn natr toswan mpa — Wie traurig ist doch das Geschick der Liebe- und Rechtbestissenen. „Allenthalben unter der Sonne Tränen der Unterdrückten, die keinen Tröster haben." (ibidem 4 I). All der Stätte der Gerechtigkeit waltet der Frevel! (3. 16) Vanitas vanitatnrn fei es sich einzubilden, dem Rechte würde feilt Recht l Nein, ich sehe Gerechte, denen das Los der Bösewichter zn teil wird und umgekehrt. (8 14). Fern sei solches von dir, dein Alphabet belehrt dich eines Besseren, es weist mit dem gewundenen und aufrechten Zaddik —• antta '2 -pas 2 — daß. das oft gekrümmte Recht, der oft gedrückt erscheinende Mann der Liebe, Gerechtigkeit und Frömmigkeit zur Geltung gelangt und am Ende hochanfgerichtet über das Unrecht triumphiert, und die Siegespalme davonträgt. Denn es kennt und liebt der Herr den Weg des Gerechten, während der des Sünders zum Untergange führt. (Psalm 1.) d) .n,p Sie, die himmlische Direktive, der du deinen Mnndweihst, steht im Dienst der Weihe, Heiligung und Lauterkeit der Seele, sie erstrebt die Tugend —virtus, b. i. die mannhafte Kraft (vis), das Böse, die Sünde, die Leidenschaft und ihre Verfechter niederznringen. Sie lehrt dich scheiden das Reine vom Unreinen, das H e i l i g e vom Prof a n e n, Keduscha-, von E-iscimth. Himmelweit steht das heilige Lodosek vnp ab vom j?sn — Rascha — dem, der dem Schlechten Angewandt <W Jr6) Siehe, wie int Alphabet -) sich vom p abwendet, alsoverschließt sich das Schlechte dem Höchsten. Dieses aber steht jenem zur Seite, möchte es zu sich erheben, eröffnet mit 'seinem: hoheitsvollen Zeichen des Heiligen Willen, dem Schlechten zw Hilfe zu kommen dadnrch, daß er ihm den Zugang zum Guten erleichtert und den Weg weist zur Buße. Fehlen ist menschlich, in den Fehlern und Sünden trotzig verharren, ist unmenschlich. Sieh, wie das p in seinem Haupt ein trägt, das sich untenmit einem verkehrten ' ähnlichem Zeichen verschlungen ändert' und dazu einen Stab zeigt, eilte Waffe gleichsam rüstet, um den Bösett zur Zucht znrückznführen. p Offen ist der Buchstabe, der Stab getrennt von seinem Wesen, um dem Sünder seinen freien Eintritt in den Raum des Heiligen wie seine Verbindung mit dem Heiligen, ohne das der Stab ans seiner senkrechten Stellung kommt, — der Znchtstab wird kraftvoll geschwungen — anzudeuten. Gott will die reine Tugend, die Unschuld undbietet dem Fehlenden in der freien Buße das Mittel, zu dieser Reinheit zu gelangen. Hier ist nicht nur die Idee, wo-- uach der Bußfertige die Höhe des Frömmsten erklimmen mtbden Heiligen nahe gerückt werden kann, ausgedrückt, sondern, auch der Gedanke, daß wahre Ethik in dem Urbild aller Heili-- gung — in Gott — wurzelt und daß allen Guten wie Bösen, dieser Urquell aller Sittlichkeit in seiner Allliebe zürnst: „Heilig sollt ihr sein,.denn heilig bin ich der Ewige, Euer Gott!" (Lew. 19)' Daß es sich hier nicht um mysteriöse Heiligkeit handelt'' sondern um reine Menschenethik, geht daraus hervor, daß dieses „Heilig sollt ihr sein" die Ueberschrift des Kapitels bildet, in. dem die rein menschlichen Pflichten von Liebe,. Recht und H n m a n i t ä t ihren prägnantesten Ansdruck finden,, und bei fast jedem Gebote, wie bei denen der Nächstenliebe (19. 18) das stereotype: Ich bin der Ewige hervorgehoben wird. c) ,n Endlich will die göttliche Direktive, der der Menschseine Sprache leihe, sich in den Dienst dessen stellen, was als- „Siegel der Gottheit" gilt: Wahrheit — und dem salomonischen Spruch Geltung verschaffen. * (Spr. 12, 19). Der Wahrheit Wort besteht ewiglich, Lngenznngen kaum einen Augenblick." Mit scharfsichtigem Auge für die Feinheiten der heiligen Schriftsprache dringt die phantasiereiche Seele der Talmndischew Ethiker psychologisch tief ein in das Wesen der Lüge und Wahrheit, aufdeckend die Hohlheit und den Schein der ersteren uttbenthüllend die ganze Majestät der letzteren. Schau auf die zwei Schlnßbuchstaben des Alphabets und lerne an w Scliin, mit dem Dreizack oben und.dem einen breiten Fuße unten, und wieder am n die überdachte Wölbung oben und den zwei Füßen unten, aber noch mehr an den hebräischen Benennungen von Lüge und Wahrheit Lcrlleksr — und naa Emeth — wobei tv dort den Anfang und hier n den Schluß bilden, im Hin-- blick ans die Form und Kombination der Schriftzeichen den gewaltigen Unterschied v o n L ü g e u n d Wahrheit erfassen! Wie es mich und den meisten berückt, das blendende Farbenspiel der Lüge, und wie mich die eintönige Wahrheit kalb

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