Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
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Nr. 13. Die Wahrheit £ «rite 7. das fast so groß wie Frankreich (530.000 Quadrat-Kilometer) ist. Dazu fruchtbarer Boden, gutes Trinkwasser und günstige 'Verkehrsverhältnisse. Die Bodenpreise waren damals noch sehr mäßig und für 40 bis 50 Mark konnte mau einen Hektar guten Ackerbanlandes laufen, besonders wenn man große Strecken zu erwerben die Mittel besaß. Die argentinische Regierung war auch von den besten Intentionen für die in Aussicht gestellten Einwanderer erfüllt nnd versprach, dieselben gastfreundlich aufznnehmen. Sie chat dieses Versprechen redlich gehalten, nnd gereicht mir zur aufrichtigen Freude, dies hier mit vollem Danke bestätigen zu können. Um in Rußland den Weg für die Answander zu bahnen, erwirkten die Notabeln Israeliten von St. Petersburg einen kaiserlichen Ukas, welcher die Emigration gestattete und ein Zentralkomitee ernannte, dem die Oberaufsicht über die Aktion in Rußland oblag. Baron Horace von Günzburg war der erste Präsident dieses Komitees, das noch heute mit größtem Eifer und hingebungsvoller Arbeit die Wohlfahrt der Glaubensgenossen zu fördern bestrebt ist. Die einleitenden Schritte an den beiden Endpunkten waren nun getan und es hätte einer geraumen Spanne Zeit bedurft, um das Werk in planmäßiger Weise vorzubereiten. Jedoch der Not gehorchend, wurden schon im Juli 1891 ails der großen Masse der Flüchtlinge einige Hundert Auswanderer nach Argentinien geschickt, ohne daß dort die nötigen Maßnahmen zu deren Empfang und Ansiedlnng hätten getroffen werden können. In aller Hast wurde ein Landgebiet von 25.000 Hektaren in der Provinz Bneuos-Ayres angekauft — die jetzige Kolonie Mauricio — wo die Ankömmlinge in Zelten nntergebracht werden mußten. Monatelang kampierten die nicht eben erlesenen Elemente, welche vom Ackerbau nur geringe Ahnungen hatten,. im Freien, ohne daß man abseheu konnte, wann aus diesem Wirrwar sich eine auf gesunder Basis anfgebante wirkliche Ackerbaukolonie werde entwickeln können. Hier setzte eben das volkspsychologische Problem ein, zu dessen Lösung finanzielle Mittel und ein starkes Wollen nicht genügen. Es mußte der Weg gefunden werden, wie aus nervösen Stadtmenschen, aus Leuten, die gewohnt waren, den Erfolg ihrer Arbeit spätestens am Wochenende zn sehen, geduldige, die Ernte ruhig abwarteude Bauern herangebildet werden könnten. Und sagen wir es gleich, ein gutes Jahrzehnt war dazu erforderlich, bis man die besseren' Elemente nach und nach an den neuen Berns fesseln konnte, ferner in Rußland an die Landwirtschaft gewohnte, in den von Kaiser Nikolaus I. gegründeten jüdischen Kolonien —Bessarabien, Cherson und Ekaterinoslaw — und in den Nordwestgonvernements an alle Entbehrungen gewohnte Feldarbeiter auswühlet, die sich in überraschender Weise in der neuen Heimat znrechtfanden und heute zn den besten Ackerbauern Argentiniens zählen. Sie erhalten ans der alten Heimat stetigen freiwilligen Zuzug, und mau braucht nunmehr keine Kolonisten in Rußland selbst zu rekrutieren. Die in der ersten Zeit fast unbesiegbar sich zeigenden Schwierigkeiten erweckten in dem Begründer des Werkes bange Zweifel an dem Gelingen, und er sah die Notwendigkeit ein, die große Verantwortung mit anderen berufenen Männer zn teilen, und hoffte zugleich dem Unternehmen eine lange Dauer zu sichern. Er gründete deshalb im September 1891 in der Form einer englischen Aktiengesellschaft die „Jewish Coloni- :sation Association^, gemeinhin kurzweg „Icau genannt, indem er mit Ausnahme einiger Aktien, welche die nach englischem Gesetze erforderlichen Gründer bezahlten, das gesamte Aktienkapital von 2 Millionen Pfund Sterling ans eigener Tasche chergab. Später vermehrte er das Kapital der Gesellschaft durch eiue sehr bedeutende Schenkung, deren Zinsen allein verwendet werden dürfen. Die Aktien der Jca verteilte Baron Hirsch unter die Gemeinden: Berlin, Frankfurt a. M., Brüssel, Paris nnd London, deren Vertreter nebst ebensoviel von den Aktionären gewählten Mitgliedern den Verwaltungsrat der Gesellschaft wilden. Die Wirksamkeit desselben begann im Oktober 1896, nach dem Tode des Baron Hirsch, der im April desselben Jahres in voller Manneskraft — kaum 65 Jahre alt — aus wem Leben geschieden war.. Der Conseil, dessen Mitglieder ihr Ehrenamt mit größter Hingebung bekleiden, begann nun eine weitausgreifende Tätigkeit, deren Vielseiligkeit überraschen müßte, wenn sie nicht durch die Umstände geboten wäre. Nicht nur für die Fortsetzung und Ausdehnung des Kolonisatious- und Emigrationswerkes galt es Sorge zn tragen, es mußten Institutionen ins Leben gerufen werden, um die russisch-jüdische Bevölkerung für ihre neuen Berufe vorzubereiten, den bereits jenseits des Ozeans angesiedelten Elementen milßte hilfreiche Hand zur Festigung ihrer Ackerbau- und Gewerbetätigkeit geboten werden. So entstanden im eigentlichen Rußland nnd in Russisch-Polen die Ackerbauschnlen nnd Mnsterfarmeu von Minsk, Novo-Pnltawka. Soroki, Orscha, Czenstoniew und Czenstochowa, so an die vierzig Gewerbe- und Haudwerkschnlen für Knaben nnd Mädchen in den beiden Gebieten, wo Mechaniker, Schlosser, Tischler, Weber u. s. w. herangebildet. wo nahezu dreitausend Zöglinge der produktiven Arbeit zugesührt werden. In den Ackerbaugebieten (Bessarabien. Cherson. Ekaterinoslaw) wurden durch planmäßige Meliorationsarbeiten, durch Errichtung von Prodnktiv-Genossenschaften und Leihkassen, von Volksschulen nnd Fortbildungskursen neue Arbeitsgeviete geschaffen, deren segensreiches Wirken von ausgezeichneten Fachmännern, besonders von Herrn Engen Tisserand, dem früheren Generaldirektor der Landwirtschaft in Frankreich, voll anerkannt wurde. Heute kann man ohne Ueberhebung von den Ergebnissen der Tätigkeit der „Ica“ mit Genugtuung berichten. In Argentinien hat sie über eiue halbe Million Hektaren erworben, deren größter Teil bereits besiedelt ist. Es leben dort als Bauern, die mit eigener Hand den Boden bestellen, über zwanzigtansend Seelen, die einem stetig steigenden Wohlstände entgegengehen. Das in Argentinien herangewachsene neue Geschlecht ist in guten Schulen herangebildet (nahezu 50 Schulen mit fast 4000 Zöglingen) nnd zeigt im Auftreten nichts mehr von den furchtsamen, dem russischen Polizeimann mit scheuem Blick ausweichenden Jünglingen; es sind unabhängige, robuste, stolz zu Pferde sitzende, dem neuen Lande ergebene, au Grund und Boden hängende Männer, die aus brachgelegenen, menschenleeren Ebenen blühende Ackergebiete, schön aufstrebende Gemeinwesen geschaffen haben. Die bedeutendsten dieser Kolonien sind: Mosesville in der Provinz Santa-Fo, Clara in Entre-Rios, Mauricio und Baron Hirsch in Bneuos-Ayres. Ein Besuch in diesen volkreichen Niederlassungen ist von hohem Interesse. Schon in den frühen Morgenstunden sieht man die männliche Bevölkerung mit den gut bespannten Pflügen auss Ackerland hinausziehen, während Frauen und Mädchen die Milchkühe im Koral füttern und melken, um dann die milchgefnllten Eimer auf die Wagen der von englischen und argentinischen Unternehmungen gegründeten Molkereien und Bntterfabriken zu laden. In den Morgenstunden ziehen die Kinder teils in gemeinschaftlichen Stellwagen, teils hoch zn Rosse in die Schule, wo sie den Tag über bleiben und mittags in einem saubergehaltenen Refektorium ihr Essen erhalten. Unterdessen weiden die Pferde ans den Wiesen, welche die Schulgebäude umgeben. Jede Schule hat ihren großen Garten, in welchem die Kinder Gürtnerarbeiten obliegen. Die Gemeininteressen der Kolonie: Wegbanten, Krankenhaus, Einkäufe für die Ernte, Preisfeststellung für die Dreschmaschinen u. s. w. werden in den Genossenschaften beraten, deren Leitung von den Kolonisten frei gewählt wird, und deren praktische Wirksamkeit viel znm Aufblühen der Kolonien beiträgt. Die Jugend, voll Eifers auch für ihre Fortbildung nach Verlassen der Schule, findet in den öffentlichen Bibliotheken gutgewähltes Lesematerial und weiß die Landesfeste so anziehend und erhebend zu feiern, daß bei solchen Anlässen die gesamte Umgebung sich in den Kolonien versammelt. Die junge Generation ist des Spanischen vollkommen mächtig, und schon ist aus ihrer Mitte ein talentvoller spanischer Novellenschreiber erstanden, dessen Erzählungen durch ihren rührend-schlichten Ton fesseln. Daß trotz dieser Erfolge noch manches zu ergänzen und nachzuholen ist, wird niemanden überraschen, der die Schwierigkeiten kennt, die jedes Kolonisationswerk zn überwinden hat, den Aufwand an Zeit und Geld, die jede solche Unternehmung erfordert. Man erinnere sich nur an die langsame Entwickelung