Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 13. sowie edle und fromme Werke! — Lebe ihm das Judentum in seinen unübertroffenen religiösen Lehren und ethischen Grundsätzen in eigener Person vor, dann wirst du auf Herz nnd Gemüt einwirken und hier unvergängliche Bilder und sittlich reine Grundsätze erzeugen nnd hervorbringen. „Nachmachen kommt stets von Bormachen her". „Verba docent, exempla trahimt“, „Worte lehren. Beispiele zünden." Bei dieser Gelegenheit drängt es uns, auch einige aufrichtige und warmempfuudene Worte an die jüdische Mutter zit richten: Es ist eine heilige Pflicht, besonders der jüdischen Mutter, dem ihr von Gott geschenkten Pfand der Liebe ihre ganze Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Kraft zu widmen. Dein Haus möge einem Tempel gleichen, in welchem du. die Priesterin, die zu allen Zeiten von Sängern und Dichtern verherrlichte und von der Natur mit reichen Anlagen ausgestattete Mutter, dich unermüdlich mit vollem Herzen der Erziehung widmen sollst; denn die Worte einer Mutter dringen tiefer in das Herz des Kindes und haben einen wohlklingenderen Ton als diejenigen, die von fremden Lippen kommen. Weise daher nicht ans Bequemlichkeit und anderen Gründen deinen Liebling, den du unter deinem Herzen getragen hast, von deinem Herzen, so die Erziehungspflichl an dich herantritt, und vertraue ihn nicht aus Bequemlichkeit nnd anderen nichtigen Gründen fremden Personen, gemieteten Müttern oder Stellvertreterinuen an! Den Schlüssel zur Kassa verwahrt man ängstlich selbst; allein den Schlüssel zum Herzen vertraut man fremden Personen an, ohne zu bedenken, daß das Kind die Eigentümlichkeiten und Charaktereigenschaften seiner Pflegemutter dauernd in sich aufnimmt. Das Fundament aller Erziehung ist das Vorbild. Sei daher deinem Kinde in allem ein leuchtendes Vorbild, eine Sonne, um welche sich deine Erziehbefohlenen gleich Trabanten bewegen! und von welcher sie Licht nnd Wärme erhalten! Jüdische Mutter, nimm dir an der großen Stammutter Jochebeth ein mustergiltiges und nachahmenswertes Vorbild! Möge sie dir stets als Leitstern dienen! Sie bewachte, hütete und pflegte Tag und Nacht ihre Kinder selbst nnd flößte ihnen mit der Muttermilch und ihrem großen nnd edlen Herzen die erhabenen Lehren und Grundsätze der jüdischen Religion, sowie unerschütterliches Gottvertrauen ein. In der Seele des großen Moses wiederspiegelte sich die große Mutter mit ihren gediegenen Erziehnngsprinzipien, ja das ganze Elternhaus. Moses gilt als Be-' weis, daß große Männer stets eine große Mutter hatten. Als Moses als Knabe und Jüngling am Hofe des Königs Pharo in königlich blendender Pracht und im Ueberstusse lebte und später, als er im Lande Midjan bei Jethro unter lauter Heiden weilte, da sah er vor sich allerlei fremde Sitten und Gebräuche, sowie die Anbetung und Verehrung von Götzen; allein alle diese Erscheinungen fanden nicht den Weg in sein Herz; denn zu tief und zu fest saßen daselbst die Lehren nnd Bilder seiner frommen Mutter. Moses, welcher sich im Zenith seines Lebensglückes befand, vergaß auch nicht einen Augenblick seiner Eltern, seines Vaterhauses, seiner Abstammung, seiner Religion und seiner Brüder. In seiner Bescheidenheit stieg er von seiner Höhe zu seinen unglücklichen Brüdern herab und teilte mit seinem warm fühlenden Herzen einen jeden Druck, ein jedes Leid nnd einen jeden Schmerz mit ihnen. In Mirjam erblicken wir das getreue Ebenbild ihrer Mutter. Schon als 6 jähriges Mädchen fühlte jmib erkannte sie instinktiv, daß das Mutterherz die beste Znflnchtstätte für das Kind sei, und holte, als die Prinzessin eine Pflegemutter verlangte, ihre eigene Mutter herbei. In begeisterten und begeisternden Liedern und Gesängen zog sie den jüdischen Frauen voran und entflammte ihre Herzen für Gott und dessen Allmacht. Im Vereine mit ihrer Mutter entfaltete sie einen Bienenfleiß. Sie belehrte und unterrichtete die Frauen und Mädchen in allerlei Handarbeiten und Kunstfertigkeiten. Die Ausschmückung der Stiftshütte mit allerlei Pracht- und kunstvollen Teppichen, Stickereien, Weberarbeiten ufw. war großenteils ihr Werk. Mütter, wollt Ihr Eure Kinder, beglücken — und welche Mutter möchte das nicht! — so widmet Euch mit Hingebung und Liebe, mit ganzem Herzen und mit Verständnis der heiligen Erziehungsanfgabe, lebet ganz und voll für Eure Kinder! Es wurde wiederholt die Frage aufgeworfen: Wieso kommt es, daß das jüdische Volk, ein Häuflein unter den Völkern der Erde, sich trotz aller Drangsalierungen, blutigen Verfolgungen und Unterdrückungen, trotz des Abfalls und des Verrates bis zum heutigen Tage erhalten hat, während alle seine alten Feinde, Hasser nnd Verfolger lange schon untergegangen sind und Israel ans ihren Trümmern einherwandelt? Die Antwort ist die: weil das jüdische Volk stets seine Religion höher einschätzte als die Nationalität. Nur das heilige Band der Religion wird Israel fest Zusammenhalten und dauernd erhalten. Napoleon I. sagte: „Man kann Völker und Nationen' durch das Schwert vernichten und ansrotten; allein nicht eine Idee". Und eine große Idee ist das Juden mm mit seiner erhabenen Religion in ihren sinnreichen nnd unübertroffenen Lehren und ethischen Grundsätzen. Jüdische Kanernkolonieu. Zur Illustration der 20 jährigen kolonisatorischen Tätigkeit der „Jka" veröffentlicht Professor Dr. Sigm. S o u n e n s e l d im letzten Hefte von „Nord und Süd" folgenden höchst interessanten Aufsatz: Wer hätte es je gedacht, daß ans einer seit zwei Jahrtausenden von der mütterlichen Erde losgerissenen, allem Ungemach der Zeit und der Engherzigkeit der Menschen preisgegebenen Bevölkerung wieder bodenständige Bauern, an der Scholle hängende, nutzbringende Arbeiter sich entwickeln könnten? Als Baron Moritz von Hirsch, der dem bayrischen Hofbankhanse entstammte, durch eigene Kraft zum Großfinanzier emporgestiegene hochbegabte Eisenbahn-Unternehmer nach dem Tode seines einzigen Sohnes und Erben, dem Beispiele der Peabody nnd Carnegie folgend, sein Vermögen großzügiger Philanthropie zu widmen beschloß, war er sich selbst nicht recht klar, wie er seilte edlen Intentionen werde verwirklichen können. Erst nachdem die von ihm in verschiedenen Städten Oesterreich-Ungarns errichteten Wohltätigkeitsbüros sich als unzulänglich und wenig zweckentsprechend erwiesen hatten, faßte er den Plan, die unter unsäglicher politischer nnd sozialer Bedrückung lebende russisch-jüdische Bevölkerung ans ihrer jammervollen Lage zu befreien und sie in einem gastfrenudlichen Lande anznsiedeln. Gleich den meisten, überraschende Erfolge anfweisenden Finanzmännern glaubte er, der Besitz großer Mittel genüge, um die schwierige Aufgabe zit bewältigen; das große volkspsychologische Problem, dessen Lösung gesucht werden mußte, scheint seinen hauptsächlich aufs Praktische gerichteten Blicke entgangen zu sein. Es war zu Beginn der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als durch schwere Verfolgungen große Scharen der jüdischen Bevölkerung Rußlands gezwungen waren, Haus und Hof zu verlassen und in den Nachbarländern Zuflucht zu suchen. Baron Hirsch glaubte allen Ernstes nicht nur die an den Grenzen Deutschlands und Oesterreichs der Befreiung und Rettung harrenden Unglücklichen einer neuen Heimat zuführen zu können, ec war von dem stolzen Wahne erfüllt, die 4—5 Millionen im Zarenreiche ansässigen Inden in menschlich absehbarer Zeit aus dem neuen Egypten hinaus und in ein neues gelobtes Land führen zu können. Er wurde auf das schöne fruchtbare, gastfreundliche Argentinien aufmerksam gemacht und hatte es zur Zufluchtsstätte ansersehen. Dorthin sandte er eine aus dem deutschen Arzte Dr. Wilhelm Loewenthal, dem englischen Ingenieur Cnllen und dem belgischen Obersten Vanvinkeroy bestehende Stndienkommission, um die klimatischen und Bodenverhältnisse der großen Republik zu erforschen und ihm darüber Bericht zu erstatten, ob mau dort die jüdische Landbevölkerung Rußlands in Ackerbankolonien unterbringen könnte. Der Bericht lautete günstig. Argentinien mit seinen fast 3 Millionen Qnadrat-Kilometern ist ja nahezu sechsmal so groß wie-Deutschland und zählte damals (1890) nicht mehr als ungefähr 6 Millionen Einwohner. Da war also Raum genug. Aber wenn man selbst nur die wahren Ackerbanprovinzen Argentiniens (Bnenos-Ayres, Santa-Fe und Entre-Rios) mit gemäßigtem Klima ins Auge fassen wollte, so konnte man immer noch auf eine Ausdehnung! von 517.000 Quadrat-Kilometer rechnen, also ans ein Gebiet