Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063623-3063636--07793-3074907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13. Die Wahrheit Seite 5. und angesehenen Persönlichkeiten unterzeichnet worden. Professor Dr. Stra ck, der bekannte Theologe der Berliner Universität und bedeutende Talmudforscher, hat der Erklärung, die auch der russischen Negierung zugeherr wird, ein wissenschaftliches Gutachten beigefügt. * * * Nach den der „Welt" aus Petersburg zngesendeten Berichten wird die Kiewer Ritnalniordhetze immer bedenklicher und ernster. Die Gerichtsbehörden bekunden eine geradezu rührende Rücksicht auf die Hetzer von den patriotischen Organisationen. Diesen Herren zuliebe, denen man die photographische Abbildung der Leiche Jnstschinkys und das Uutersuchungsmaterial bereits vor mehreren Monaten zur Verfügung stellte, während Beilis und seine Verteidiger vergebens auf die Anklageschrift, bezw. auf das Anklagematerial warteten, wurde die Affäre Mischtschnk geschaffen und wird jetzt der ganze Prozeß so augenfällig tendenziös arrangiert, daß man eher den Eindruck eines phantasievollen Romans ans dem Zeitalter der Inquisition, als den eines unbefangenen Gerichtsfalles gewinnt. Mischtschnk, der gewesene Chef der Kiewer Geheimpolizei, der die Ansicht vertrat, daß Jnstschinsky von einer Verbrecherbande hingemordet wurde, und der nach dieser Richtung Recherchen anstellte, wurde bekanntlich seines Amtes enthoben und wegen' Dienstverbrechens ins Gefängnis geworfen. Da nun die Pogromhetzer von der „Rechten" die Affäre Mischtschuck für ihre Zwecke ansnützen, indem sie in ihrer Agitation geltend machen, daß Mischtschnks Tätigkeit den Zweck hatte, die Gerichtsbehörde auf falsche Fährte zu lenken, so soll ihnen zuliebe über Mischtschnk jetzt schon abgenrteilt werden, noch bevor der Prozeß Beilis zur Verhandlung gelangt. Das Verhalten der Gerichtsbehörde den Verteidigern Beilis' gegenüber ist mehr als eigentümlich. Für das Studium des außerordentlich umfangreichen Auklagematerials — mehr als 500 Bogen — hatten sie nur drei Tage Zeit, nachdem Beilis die Anklageschrift überreicht worden war, daraufwurde das gesamte Material dem Staatsanwalt übergeben, in dessen Besitz es bis heute verblieb. Die Verteidiger hatten ferner seinerzeit an die Gerichtsbehörde das Gesuch gerichtet, zur Klärnng der Frage nach dem „rituellen" Charakter des Mordes Experten heranzuziehen, ferner eine Reihe von Zeugen zu vernehmen, die einiges Licht über den geheimnisvollen Mord verbreiten könnten. Bis heute aber hat sich die Gerichtsbehörde mit dem Ansuchen der Rechtsanwälte gar nicht befaßt. Bemerkenswert ist auch, daß ein im Interesse Beilis' gestellter Antrag auf Verlegung der Verhandlungen nach einer anderen Stadt abschlägig beschieden wurde, trotzdem das russische Gesetz ausdrücklich vorschreibt, daß in Fällen, wo die lokale Stimmung eine völlig unbefangene und leidenschaftslose Behandlung des Rechtsfalls zweifelhaft erscheinen läßt, die Gerichtsverhandlung nach einer fremden Stadt verlegt werden müsse. Die „N o w o j e W r e m j a" wollte früher wissen, daß die Verhandlungen öffentlich stattfinden werden, die für das Publikum vorgesehenen Plätze sollen allerdings nur für höhere Beamte reserviert werden. In der Nummer vom 14. März wird indes versichert, daß die Verhandlungen mit Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfinden werden. Das famose Patriotenblatt spricht im übrigen seine Entrüstung darüber aus, daß die Inden und die Rechtsanwälte die „Politik" in den Gerichtssaal tragen wollen. Zum offiziellen „Sachverständigen" im Prozesse Beilis wurde Herr Professor S i k o r s k y ernannt, derselbe Herr Sikorsky', der in der „Nowoje Wremja" seinerzeit als anonymer „Professor" die Theorie vom Ritualmord aus Motiven national-religiöser Rache entwickelte. Nun hat der ritterliche Herr Sikorsky die Maske abgelegt und in seinem Gutachten die Frage des Ritnalmordes bejaht. Dabei berief er sich auf L e r o y - B e a u l i e n s Werk „Israel cltez les Nations“. Der Pariser Gelehrte beeilte sich freilich, für die Ehre zu danken und protestierte ganz entschieden gegen die Insinuation des russischen Professors, der ihn für seinen Gesinnungsgenossen ausgeben wollte. Inzwischen zeigen sich an verschiedenen Punkten Rußlands die Früchte der Ritnalmordagitation. Ueberall wird das Bild des heiligen Knaben, des Märtyrers des Ritualmordes, und eine erläuternde Flugschrift mit dem Titel „Jüdische Bestialität" verbreitet. Die Ritualmordepidemie hat namentlich in Südwestrnßland bedrohliche Dimensionen angenommen. Ketrachtnilgen am Uoraliend des Peflachfestes. Bon Josef Friedl, Oberlehrer. Alljährlich, wenn der harte und grausame Winter zur Neige geht, hat die alles belebende Sonne einen harten Kampf mit allerlei finsteren Mächten, den dichten trüben Wolken und den alles Leben vernichtenden eisigen Nordstürmeu zu bestehen, bis sie, das Bild der Wahrheit und Gerechtigkeit, endlich einen vollständigen Sieg über ihre trotzigen Widersacher davonträgt. Auf diesen Kampf folgt in der Natur ein wohltuender, göttlicher Friede, welcher alle Gegensätze miteinander versöhnt. Der mit Ungeduld und Sehnsucht erwartete Friedensbote, der Frühling, hüll nun seinen Einzug und wird allseits als Erlöser und Befreier von den eisigen Banden des Winters mit Lobeshymnen begrüßt. In dieser bemerkenswerten Zeit feiern wir eines der schönsten und sinnreichsten Feste, das „Erlösnngs- und Befreiilugsfeft Israels aus ägyptischer Tyrannei und Sklaverei". Die Leiden und das Geschick Israels werden mit einem Samenkörnlein verglichen. So wie dieses durch viele Monate, ja den ganzen Winter hindurch unter der drückenden Last der schweren Erdschollen und der starren Decke von Schnee und Eis schlummert; allein kaum vom Frühliltgshanche berührt, zu neuem Leben erwacht und das zarte, kaum sichtbare Hülmchen alle Hemm- und Hindernisie durchbricht und zum Sonnenlichte empvrstrebt; so schmachtete einst Israel durch einen Jahrhunderte laugen, bangen Winter, bis es endlich die Sklavenketteri zerschmetterte, das drückende Joch ägyptischer Tyrannei zertrümmerte und sich ans der finsteren Nacht des krassen Polytheismus zum himmlisch-hellen Sonnenglanze der erhabenen monotheistischen Gottesidee emporschwang. So wie auf die finstere Nacht der helle Morgen folgt, nach dem schrecklichen und angsterregenden Gewitter der farbenprächtige Regenbogen am Himmel erglänzt, so brachte stets jede finstere Nacht des Druckes und jede traurige und düstere Zeit der Verfolgung eine große, hervorragende, von wahrhaft religiöser Ueberzeugung beseelte Persönlichkeit hervor, die wie ein heller Stern am trüben Himmel des jüdischen Volkes erstrahlte und demselben den Weg zeigte, den es wandeln sollte. Die Tyrannei und Sklaverei Aegyptens brachte Moses, die Kämpfe mit dem Könige Jabin die gottbegeisterte Prophetin Deborah, die blutige Verfolgitng durch den grausamen König der Assyrer, Antiochus Epiphaues, die heldenmütigen, wackeren und gottbegeifterten Söhne der Hasmonäer, die Makkabäer, und die Verfolgung der Juden durch den eiteln, stolzen, heimtückischen und rachsüchtigen Haman, den unbeugsamen und glaubensstarken Mordechai und die edle, glaubenstreue Esther und noch viele andere Epigonen hervor. Der Sinn und das richtige Verständnis für das schöne Pessachfest sind jedoch leider vielfach verloren gegangen und anstatt der Feier des Auszuges aus Aegypten wird ein zahlreicher Auszug aus dem Judentume gehalten. Die Heranwachsende jüdische Generation beweist mehrfach, daß sie die jüdische Geschichte nicht kennt und auch nicht studiert hat; denn sonst könnte sie unmöglich an den Blutströmen, welche unsere Väter für ihre Religion vergossen, und an den zahlreichen flammenden Holzstößen, auf welchen so viele Märtyrer ans religiöser Trerre und Ueberzeugung freiwillig ihr Leben geopfert haben, kalt, gleichgiltig, Pietät- und gefühllos vorübergehen! Wir lesen in der Hagadah: „Wehigadetu lebinchu bajom bahn“. Sage deinem Sohne an diesem Tage! Leider haben Worte, wenn sie noch so aufrichtig, wohlgemeint und zündend sind, selten einen Wert. Ein großer Teil der Heranwachsenden jüdischen Jugend ist für Worte, so sie das Judentum mit seiner Religion bedeuten, schwerhörig, ja taub geworden. Vater, statt wirkungsloser Reden zeige deinem Sohne glänzende Taten, ganze, feste und erhabene Handlungen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.