Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Stellt 4. Die Wahrheit. 'Nr. 13. Mit dieser scheinbaren Ausrichtigkeit in der Jnterpellationsbeantwortnng stimmt es aber nicht, als Dr. Pollans in dem am 21. März 1912 im „Neuen Wiener Avendblatle" veröffentlichten Berichte über den Verlaus dieser Versammlung meine Interpellation und die Beantwortung derselben rorschwieg. Will Dr. Pollans trotzdem jüdische Wahlstimmeu ergattern? Die Haltung der sogenannten „Jndenblätter" wird aber in dieser Sache wohl am charakteristischesten durch die Tatsache gekennzeichnet, daß genanntes ' Blatt auch eine Ergänzung des angezogeuen Versammluugsberichtes ans meiner Feder unterdrückte. Ebenso verweigerte das Montagblatt „Der Morgen" einem solchen Berichte die Ausnahme. Der deutsch-freiheitliche (deutsch-demokratische) Wahlausschuß Währing wird im 4. und 2. Wahlkörper auch im Laufe dieser Wahl Kandidaten aufstellen und bittet alle jüdischen Wähler Währings, schon am 23. April ihre Stimmen der der dentschdemokratischen Kandidatenliste zuzuwenden. Dies ist unbedingt nötig, damit die einzige nicht antisemitische bürgerliche Partei zeigen kann, daß sie auch in Währing lebt. In die Stichwahl werden nach dem Ergebnisse der Juniwahlen gerechnet, daselbst im 4. Wahlkörper die Sozialdemokraten mit den Christlichsozialen kommen. Im 2. Wahlkörper haben dann unsere deutsch-freiheitlichen Kandidaten günstigere Wahlaussichteu, wenn uns alle jüdischen Wähler treu bleiben und zur Wahlurne kommen. In einem solchen Falle haben die etwa 300 jüdischen Wähler des zweiten Wahlkörpers in Währing die Entscheidung in der Hand! Möge daher im Interesse seiner Kinder, denen nicht einmal die Taufe vor dem drohenden Kesseltreiben gegen Juden und Judenstämmlinge hilft, kein Jude von den Gemeinderatswahlen fernbleiben und die gegenwärtig brennende Abwehrpsticht mit dein Wahlzettel ansüben! Mögen diesmal nicht nur die Juden Währings, sondern auch die Juden Wiens das bestehende Vorurteil von der Unverläßlichkeit und Rückständigkeit der politischen Haltung der Juden zuschanden machen! Rafael L ö w. A«s der Woche. Vom d en tscheu Lan d e sko m i tee der „Alliance Israelite Universelle“ erhalten wir folgende Mitteilung: Nachdem die dem Deutschen Landeskomitee angeschlossenen Lokalkomitees die Wahlen znm Präsidiinn vollzogen hatten, ist das Deutsche Landeskomitee in der am 24. März in Berlin abgehaltenen Sitzung konstituiert worden. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig Herr Justizrat Fuchs, Berlin, zu Stellvertretern die Herren Geheimer Medizinalrat Prosessor Dr. Landau. Berlin, und Rabbiner Dr. Werner. München, zu Beisitzern die Herren Rabbiner Dr. Kopfstein, Beuten, Rechtsanwalt Dr. Apfel, Cöln, Hermann Wittner, Leipzig und Justizrat Wolff.' Lissa, gewählt. Die Versammlung nahm von dem seitens des Zentralkomitees in Paris verbreiteten Rundschreiben Kenntnis und stellte einstimmig fest, daß die von Paris anfgestellten Behauptungen in dem Zirkular vom 12. März unrichtig und statutenwidrig seien. Die Satzungen des deutschen Landeskomitees verstoßen keineswegs gegen die allgemeinen Allianee-Satznngen und das Zentralkomitee in Paris hat keinerlei Recht, den Lokalkomitees oder Mitgliedern, die sich dem Landeskomitee anschließen, den Ausschluß anzndrohen. Eiu Ausschluß aus der Alliance kann nach den Statuten nur diejenigen treffen, die sich nicht mehr würdig zeigen, Alliance-Mitglieder zu sein, daß aber Lokalkomitees und Mitglieder sich darum würdig erweisen, weil sie sich auf satzungsgemäßer Grundlage zu einer Landesorganisation (Comite regional) zusammenschließen, wird wohl niemand behaupten wollen. Die Tagung des Deutschen Landeskomitees tritt deshalb derartigen irreführenden Behauptungen der Pariser Leitung mit aller Entschiedenheit entgegen. Die Versammlung beschloß ferner unter Darlegung der Verhältnisse in eine intensive Propaganda für die Alliance einzntreten, um den Mitgliederbestand in Deutschland weiter zu stärken. Der Vorstand wird mit den erforderlichen Maßnahmen beauftragt. Das Büro des deutschen Laudeskomitees wird nunmehr unter Leitung des Herrn Redakteur Lazarus als Geschäftsführer in Berlin errichtet werden; Zuschriften sind vorläufig an die Adresse des Vorsitzenden, Herrn Jnstizrat Fuchs, Berlin, Polsdamerstr. 13 zu senden, Geldsendungen ausschließlich an das Bankhaus A. H. Heymann & Co., Berlin EW. 7, Uiitet den Linden 59, ans Konto des Schatzmeisters Gideon Heymann zu richten. Dem deutschen Landeskomitee haben sich bisher 121 Lokalkomitees und Ortsgruppen mit über 7000 Mitgliedern angeschlossen. Weitere Beitrittserklärungen nimmt das Büro oder der Vorsitzende entgegen. * -i- Die in voriger Nnmmer von uns veröffentlichte Denkschrift des Jnstizrates Breslauer hat eben erst den Nachweis erbracht, daß die Juden in Deutschland zu den akademischen Lehrämtern nicht nach Fug und Recht zugelassen werden. Nun bekommen wir hierzu eine neue recht drastische Illustration. Ein bekannter, noch junger Berliner Privatdozent der Philosophie wurde von der philosophischen Fakultät in Marburg znm Nachfolger Professor Hermann Cohens, der ans Altersrücksichten das Katheder verläßt, vorgeschlagen und sollte eine außerordentliche Professur erhalten. Aber prompt lehnte ihn die Regierung ab. Kurz darauf wählte ihn die Jenenser philosophische Fakultät einstimmig znm ordentlichen Professor, aber, wie sollte es anders möglich sein, wiederum wurde die Bestätigung versagt. An der mangelnden Fähigkeit und Tüchtigkeit kann es doch wohl nicht gelegen haben, daß er die Professur nicht erhielt. Aber es ist unschwer, den Grund zu finden: Der Herr ist ein Jude und denkt nicht daran, sich taufen zn lassen. Und nach dem Rechtssatze, daß in Preußen die Erlangung von Aemtern unabhängig von der Konfession ist, wird in Preußen kein Jude ordentlicher Professor und Sachsen-Weimar scheint in demselben Geiste regiert' zn werden. * * * Wie ans Berlin mitgeteilt wird, veröffentlicht eine Reihe von hervorragenden Vertretern der Wissenschaft, Kunst, Politik und Literatur in Deutschland eine Erklärung, die sich gegen den Ritualmordwahn richtet. In der Erklärung heißt es: „Im vorigen Jahre wurde der Knabe Andrej Jnstschinsky in Kiew ermordet. Sein Mörder wurde trotz vieler Bemühungen bisher in zweifelsfreier Weise nicht entdeckt. Schließlich ist ein Jude als Täter verhaftet worden und die Untersuchung gegen ihn schwebt. Die Agitation der Straße hat diesen Vorfall gierig ansgegriffen und behauptet dreist, der Knabe Jnstschinsky sei von Inden abgeschlachtet worden, um sein Blut abzuzapfen und lim dieses Blut gemäß einem angeblichen jüdischen Religionsgesetze für rituelle Zwecke zn verwenden. Dieser gewissenlos in das Volk getragene Wahn hat vom Mittelalter an bis in die neueste Zeit immer wieder entsetzliche Folgen hervorgerufen, und doch ist niemals für die Berechtigung dieses Wahnglanbens auch nur der Schatten eines Beweises erbracht worden. Die angesehensten christlichen Kenner des jüdischen Schrifttums haben einwandfrei uachgewieien, daß zu keiner Zeit die Inden durch ihre Religion znm Morde ihrer Mitmenschen angestiftet wurden. Wir halten es für die Pflicht eines jeden, dem der sittliche Fortschritt der Menschen am Herzen liegt, gegen solchen traurigen Aberwitz die Stimme zn erheben." Zn den Unterzeichnern dieser Erklärung gehören u. a. Graf P o s a d o w s k y, Heinrich Prinz zu S ch ö n a i ch-C a r o l a t h, die Präsidenten des Reichstages Dr. K a e m p f, Dr. P a a s ch e und Dove, Admiral v. Holl mann, die Abgeordneten B a s s e r m crn, F i s ch b e ck, K e r s ch e n st e i n e r, v. P a y e r, ferner zahlreiche deutsche Theologen, denen sich die ganze theologische Fakultät von Kopenhagen anschließt, außerdem von hervorragenden deutschen Gelehrten Lnjo B r e n t a n o. Rudolf E u ck e n, Fr. Delitzsch, von Schriftstellern u. a. Gerhart Hauptm a n u und Hermann S u d e r m a n n, von deutschen Künstlern Artur K a m p f und T u a i l l o n und viele andere. Auch ans Wien ist die Erklärung von vielen hervorragenden Gelehrten