Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063636--07791-3074905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion n»d Sldniiiiistration: Wien, Avvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Unabhängige Aeitfchnft für Mische Gezngspeets-: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4.938,11. ff. t. üsterr. Vostsparkassa- Schelt-ffonlo Nr. 100.918. Interessen. Für Jfjiltusbninite: 'Kiiiizjijhrig.K tu. - Inserate: Die viermal gespaltene Ronpareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Ar ei tag. Für A »Slaud: AdonnrnieiilS- und Jnserlions- Ganzjährig.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 lllnvel oder t<> Rrca. Ur. 13 Wien, 29. Mar; Inhalt: Die kommenden Gemeinderatswahlen in Wien und die jüdischen Wähler. — Ans der Woche. — Betrachtungen am Vorabend des Peßachfestes. — Jüdische Bauernkolouien. — Talmudische Ethik des Alphabetes. — Verschiedene Nachrichten, Feuilleton: Der klnge Melamed. — Oesterr.-ungar. Kantoren-Verein. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April 1912 beginnende 2. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Unterbrechung erleide. Dir kommenden Gemeinderatsmolsten and die jüdischen Mahler. Wieder droht die Zwangsvorstellung, man muffe alle Kämpfe auf das eine Ziel konzentrieren, die Macht der Christlichsozialen im Wiener Gemeinderate zu brechen, die Aufmerksamkeit der jüdischen Wähler von den Deutschnationalen abzulenken, die sich anschicken, die Erbschaft im Wiener Rathaufe anzntreten. Sogar einflußreiche, jüdische Politiker geben die Losung aus: Mit Satan und Belzebub gegen die Christlichsozialen." Wie kann man aber von jüdischen Wählern begehren, R a s s e n a n t i s e m i t e n zu wählen, wenn es noch andere Wahlwerber gibt, die den Judenhaß nicht im Programme haben? Abgesehen von der sozialdemokratischen Partei, die sich in den meisten Wiener Bezirken nur im vierten Wahlkörper um Gemeinderatsmandate bewirbt, muß die Aufmerksamkeit der jüdischen Wähler auf die deutschfreiheitlichen Wahlwerber gelenkt werden, besonders dann, wenn sie der d e u t s ch - d e m o k r atischen Partei angehören. Die letztgenannte Partei stellt in mehreren Wiener Bezirken selbständig Kandidaten im zweiten Wahlkörper ans, deren Wahl nicht aussichtslos ist, wenn die jüdischen Wähler einig für dieselben eintreten und ihre Stimmen in die Wahlurne bringen. Selbst wenn die deutsch-demokratischen Gemeinderatskandidaten nach dem ersten Wahltage nicht in die Stichwahl kommen, so können sie so viele Wahlftimmen auf sich vereinigen, daß dann den deutschnationalen Kandidaten die Giftzähne ihres Antisemitismus ausgebrochen werden können. Ganz eigentümliche Verhältnisse gibt es bezüglich der bevorstehenden Gemeinderatswahlen in Währing. In diesem meist von Angestellten bewohnten Jntelligenzbezirke haben sich die deutschgesinnten Antisemiten entzweit und wie schon in früheren in der „Wahrheit" veröffentlichten Aufsätzen erläutert wurde (1., 8. und 22. März 1912), zwei verschiedene Kandidatenlisten aufgestellt. Nun stellen die Sozialdemokraten im zweiten Wahlkörper keine Kandidaten auf, obgleich sie mehr als 200 arische Wähler in diesem Wahlkörper besitzen. Die jüdischen Wähler im zweiten Wahlkörper überschreiten die Zahl 300 und in der arischen Hochintelligenz dieses Bezirkes gibt es viele Beamtenwähler, die dem Rassenantisemitismus nicht huldigen und besonders gegen den sonderbaren Beamtenanwalt Dr. Waber wegen seiner Haltung im Staatsbeamtenausschnsse im Belange des § 31 (2. Dezember 1911) aufgebracht sind. Der deutsch-soziale Rassenantisemit Dr. Pollauf könnte nun die jüdischen Wahlftimmen. Währings notwendig brauchen und suchte deshalb seine Judenfeindschaft, ähnlich wie dies Dr. Waber anläßlich der Juniwahlen tat, möglichst zu verhüllen. Der Schreiber dieser Zeilen, Volksschullehrer i. P. R. L ö w. besuchte daher eine am 19. März in Währing, Gentzgasse 96, abgehaltene deutsch-soziale Wählerversammlung, zu der er eine Einladung erhalten hatte, und richtete am Schluffe folgende Inte rp e l l a t i o n an Dr. Pollauf: „Ist der Judenboykott in dem Sinne, daß in der Wiener Gemeinde keine Juden angestellt werden sollen, auch im Programme der Deutsch-Sozialen enthalten?" Antwort Dr. Pollaufs k „Ich finde die Kampfweise der Christlichsozialeu nicht richtig, n u r die armen Juden zu bekämpfen. Mein Kampf richtet sich vornehmlich gegen die reichen Bankjuden und gegen die übermütig gewordenen jüdischen Großindustriellen und Großhändler. Freilich bekämpfe ich auch arische Oligarchen und den übermütigen arischen Hochadel. Den Juden stehen wir so gegenüber, wie etwa den Tschechen und anderen nicht deutschen N a t i o n e n." Zwischenruf des Interpellanten: „Sie sprechen also den Juden ihr Deutschtum ab." Zwischenruf aus der Versammlung: „Wir sind ja Antisemiten." Dr. Pollauf fortfahrend : „Bei A n st e l l u n g e n müssen vor a l l e m d i e d e u t s ch e n V o l k s g e n o f s e n berücksichtigt werden; e r ft dann können auch andere Volksangehörige nach gesetzlichem Vorgänge mit möglichster Berücksichtigung des Z a h l e n v e r h ä l t n i s s e s angestellt werden." Auf meinen Einwand, daß gegenwärtig in Wien schon nach dem Zahlenverhältnisse beispielsweise 500 jüdische Lehrkräfte an den öffentlichen Volks- und Bürgerschulen angestellt sein sollten, meinte Dr. Pollaus: „Ja, eS gibt aber in diesem Belange so viele Bedingungen und Umstände, daß die Einhaltung dieses Zahlenverhältnisses nicht garantiert werden kann."