Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 Die Wahrheit Lette 7. Der Streit über das Indentm«. Von Gnstav Freytag. Gerade jetzt, wo unsere Glaubensgenossen in Deutschland die hundertjährige Feier des' preußischen Toleranz- Ediktes begehen, wird der. nachstehende Aussatz von Gustav Freytag außerordentlich interessieren. Geschrieben wurde diese Arbeit im Jahre 1869, und sie ist enthalten in dem l'oeben erschienenen Werke „Deutsche Lebensführnng. Lebensbilder und Leilwone von Gustav Freytag. Gesammelt und herausgegeben von Wilhelm Rndeck" (Verlag von Walter 'Fiedler in Leipzig).*) Wir werden aus diesen neuen Freytag in unserem Blatte znrückkommen, verfehlen aber nicht, schon jetzt daranf aufmerksam zu machen. Ist es doch das erste Buch über deutsche Lebensführung überhaupt und zudem eine geschlossene Sammlung meisterhafter Schöpfungen Gustav Freytags, die in seinen „Gesammelten Werken" nicht enthalten sind. - Wir Hallen gegenwärtig einen ernsten Angriff auf das Jüdische Wesen unter uns nach keiner Richtung für zeitgemäß, nicht in Politik, nicht in Gesellschaft, nicht in Wissenschaft und .Kunst; denn auf allen diesen Gebieten sind unsere Mitbürger israelitischen Glaubens werte Bundesgenossen nach guten Zielen, auf keilten Gebieten sind sie vorzugsweise Vertreter einer Richtung, welche wir für gemeinschädlich halten müssen. Es hat Jahre gegeben, in denen die Stimmführer einer wüsten Demokratie zum großen Teile junge Männer jüdischen Glaubens waren — wir wissen wohl warum, — jetzt bilden weit andere ^Elemente die äußere Linke, welche ans den arbeitenden Klassen der christlicher! Bevölkerung heranfdringt. In Handel und Verkehr galten lange Zeit die Inden für die Hauptspeknlanten bei gewagten Börsengeschäften und einem großartigen Geldwucher; sie haben auch diesen Ruhm an Christen abtreten müssen, es sind bei uns jetzt Fürsten und Häupter alter Land-Gentry, welche unsolide-Geldgeschäfte protegieren, den Unlernehmergewinn entziehen und Aktionäre durch ihren Namen verlocken; die Rothschilde sind beinahe ans das Niveau altfränkischer Geschäftsleute zrlrückgedrängt, und angesehene jüdische Firnen unserer Hauptstädte gehören zu den ehrbarsten Gegnern des modernen Aktienschwindels. In unserer Poesie und Literatur war an den Nachtretern von Börne und Heine eine Richtung zu bekämpfen, welche in dem Bestreben, .witzig zu sein, frivol gegen die Kunst und unsere soziale Lebensordnung wurde; auch die Verirrung einer schwachen und begehrlichen Zeit ist durch den politischen Ernst der Gegenwart überwunden. Es sind jetzt (1869) nngesühr hundert Jahre her, seit Moses Mendelssohn in Berlin nur darum geduldet wurde, weil er im Manufakturgeschäft der reichen Schntzjnden und Seideufabrikanten Bernard beschäftigt wurde, und wo Abba Glozk, der Jüdische Philosoph ans Polen, auf der Landstraße vor junger .umkam, weil ihn die orthodoxen Inden verstricht, gebannt, gegeißelt und seiner, geschriebenen Werke beraubt hatten. Wer mit erhebendem Gefühl die Fortschritte unserer Nation in den letzten hundert Jahren betrachten will, der möge vor allem auf die Wandlungen zurückblicken, welche unsere jüdischen Mitbürger unter der befreienden Einwirkung moderner Bildung gemacht haben. Sie selbst haben jedes Recht, sich ihrer energischen Lebenskraft und Bildnngsfähigkeit zu freuen; auch wir dürfen mit einiger Befriedigung sagen, daß nur noch die letzten Ueberreste alter Traditionen und Intoleranz zu überwinden sind, um die .Herzen und. Geister der deutschen Inden völlig in unser Volkstum einznschließen. Es ist natürlich, daß während dieser Uebergangszeit in ihrem Wesen hier und da noch Auffallendes oder -nicht Löbliches zutage kommt, und sie müssen es sich gefallen lassen, wenn solche Schwächen und Verkehrtheiten aus der Zeit der Unfreiheit gelegentlich einmal mit oder ohne Laune als jüdische Eigentümlichkeiten besprochen werden. Wir werden freilich auch natürlich finden, wenn sie. gegen solche Besprechung besonders empfänglich sind, denn sie ringen immer noch nach Sicherheit ihrer sozialen Stellung und fühlen immer noch die Nachnvehen des harten Druckes, welcher zur Zeit unserer Großväter auf ihnen, lag. *) Preis eleg. geb. M. 5.—. Die Inden haben auch in der Zeit ihrer Unfreiheit unserer Wissenschaft und Kunst unter sehr ungünstigen Verhältnissen eine merkwürdig große Zahl bedeutender Namen geliefert. Wenn wir nur bis auf Baruch Spinoza zurückblicken. wie lang die Reihe starker Talente ans ihren alten Familien! Es ist nicht schwer, an einer großen Anzahl derselben gewisse gemeinsame Eigentümlichkeiten zu erkennen, sowohl an den Vorzügen, welche sie besitzen, als an dem, was sie entbehren, nnd die Versuchung liegt nahe, dies Besondere als jüdische Art gegenüber der germanischen zu fassen. Aber wir haben Ursache, mit Mißtrauen ans solche Schlüsse zn sehen, welche eine vorurteilsfreie Betrachtung dieser Eigentümlichkeiten nahe legt, denn es ist menschlicher Einsicht unmöglich zn entscheiden, was dem Wesen der Inden an sich, immer und für alle Zeit von Vorzügen nnd Schwächen zugeteilt ist, nnd was nur deshalb häufig an ihrem Geschlecht zutage kommt, weil sie sich alle ans einer unsicheren politischen und sozialen Existenz und aus einem Bilduugswege, der noch nicht ganz der unsrige ist, heraufgearbeitet haben. Es liegt nahe, eine häufig wiederkehrende übergroße Freude au Wortwitz und sophistischer Beweisführung als letzten lleberrest einer Geistesrichtung aufzufassen, welche durch die tausendjährige Beschäftigung und durch massenhaftes Memorieren der spitzfindigen Dialektik alter Religionslehrer in die Seele der Inden gekommen ist; aber die scholastische Weisheit des Talmud ist keineswegs eine Blüte spezifisch jüdischen Wesens, die Pedanterie der Byzantiner und die hölzerne Scholastik mittelalterlicher Klöster haben genau dieselbe Methode der Erörterung, der Beweisführung, der Definitionen hervorgebracht, und diese wunderliche Bildung dauerte bei den Inden nnr länger und einflußreicher; sie wurde ebensosehr durch den Haß der Christen konserviert, als durch ihre enge Verbindung mit dem jüdischen Kultrts. — Es ist ferner leicht zn beobachten, daß auch dem warmen nnd ehrlichen Gefühl unserer jüdischen Landlente, sehr häufig der reiche und schöne Ausdruck fehlt, und daß sie, gemütlich erregt, zwar herbes nnd leidenschaftliches Pathos finden,' daß ihnen aber der Ausdruck inniger und schöngewogener Empfindung in Worten und Tonen, in plastischem Ausdruck, in mimischer Gestaltung besonders schwer wird, nnd daß sie ans der Befangenheit solcher Situation sich durch einen störenden Witz, eine kalte Reflexion zu befreien lieben. Dem armen Davison gelang nie als Karlos in Clavigo die letzten beiden Worte seiner Rolle, die große Probe für Charakterspieler, gut herauszubringen, und Heine, der so meisterhaft verstand, die herzinnigen Klänge des deutschen Volksliedes in moderne Empfiudungsweise umzusetzeu, verdarb sich oft die reinen Wirkungen durch die abgeschmackten Dissonanzen, welche ihm für originell galten. Es ist endlich keine neue Beobachtung, daß der Tiefsinn und der Scherz unserer jüdischen Freunde echter Fröhlichkeit nnd des befreienden Humors häufig ermangeln. Aber wer darf sagen, daß voller Ausdruck schöner Empfindung ihrer nationalen Anlage versagt ist, da ihr hartes Erdeuschicksal sie bis zur Gegenwart zwang, ihr ganzes kräftiges Gemütsleben vor Haß und Spott heimlich im verschlossenen Hanse zn bleiben, nnd wie sollte die heitere Liebe zum Leben nnd das kräftige sichere Behagen, die Grundlage alles Humors, in einem gedrückten und verfolgten Geschlechte gedeihen? Uns scheint, daß es ehrlicher und christlicher wäre, die tüchtigen Seiten des jüdischen Wesens, welche sich in einem langen Jahrtausend der Unfreiheit nnd Isolierung ansgebildet haben, auf Rechnung ihrer nationalen Kraft zn schreiben, als da eine nationale Unkraft zu schelten, wo die wertvollen Leistungen einzelner unter ihnen etwa gemeinsame Mängel erweisen. Solche Behauptung ruht ans allzu unsicheren Annahmen, um mit feierlichem Ernst öffentlich ausgesprochen zu werden, sie kann jeden nächsten Tag durch eine imponierende Tatsache widerlegt werden. Verschiedene Nachrichten. Wien. Samstag, den 23. März, findet in den Sofiensälen ein Schauturnen mit anschließendem Tanzkränzchen statt. Saaleröffnnug Uhr, Beginn des Turnens Punkt 9 Uhr abends. Einlrittskarren zn L 2.—, Logenkarten für 5 Personen zu K 20.— sind bei sämrlichen Bereinsmitgtiedern, am Turnplätze während der Turnstunden nnd im Cafs Maria Theresia, Wien, I.. Maria Theresienftraße 10, zn haben.