Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Die Wahrheil Nr. 12. Seite 6. \ ■. i'i wesen erlangt hat, und die den bündigen Beweis erbringt, daß die jüdischen Gelehrten an den deutschen Hochschulen seit Jahren eine starke, höchst ungerechtfertigte Zurücksetzung erfahren. Im einzelnen ist der bemerkenswerten, zahlreiche interessante statistische Uebersichten enthaltenden Denkschrift, die neulich auch in der Budgetkommisfion des Abgeordnetenhauses zitiert wurde, folgendes zu entnehmen. Ueberblickt man diejenigen Tabellen, die ein Gesamtbild der Lage an allen Universitären ohne Berücksichtigung der einzelnen Universität und ohne Berücksichtigung der einzelnen Fakultäten darstelleu, so ergibt sich scheinbar, daß im Laufe der Fahre gar zu erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Bekenner der einzelnen Konfessionen nicht eingetreten sind. In die Angen fällt nur, daß die Ziffern der Getauften einen erheblichen Zuwachs erhalten haben, und daß die mit der Taufe verfolgte Spekulation nicht ganz unrichtig gewesen ist. Wäre von den jüdischen Universitätslehrern ein gleicher Prozentsatz in die höheren Stellen eingerückt, wie dies bei den christlichen Universitätslehrern der Fall war, so müßten drei- bis viermal soviel Juden Ordinären sein, als es tatsächlich geworden sind; andererseits sind die Getauften zwar nicht in demselben Verhältnis wie die Christen, aber immerhin zwei- bis dreimal so oft wie die Juden Ordinarien geworden. Wenn man aber genauer die Tabellen im einzelnen dnrchsieht, so zeigt sich, daß der erste Eindruck ein unrichtiger war, und daß die Verhältnisse an den Universitäten sich für die Juden noch vielmehr verschlechtert haben, als man zuerst glauben wollte. Fast in allen Universitäten ist das Verhältnis der Juden zur Gesamtzahl der Universitätslehrer das gleich ungünstige. Die einzelnen Universitäten (abgesehen von Leipzig, das nie einen jüdischen Ordinarius gehabt hat und Greifswald) ergeben folgendes Bild: Niemals hatten jüdische Ordinarien: Münster, Würzburg, Tübingen, Rostock. Stehen geblieben sind die Verhältnisse in Erlangen, Kiel, Marburg und in Gießen; neue jüdische Ordinarien sind hier nicht hinzngekommen. Leidlich haben sich die Verhältnisse in Straßburg, Königsberg und Güttingen entwickelt. Verbessert haben sich die Verhältnisse in Bonn, Halle und Jena. Verschlechtert haben sich die Verhältnisse in Berlin und Freiburg. Am schlechtesten liegen sie in Breslau und Heidelberg. Noch ungünstiger wird aber das Bild, je tiefer man in die Ziffern eindrinqt. Das zeigt eine Betrachtung der Fakultäten. Juristische Fakultät: Von Vornherein fällt auf, daß nur eine geringe Anzahl von Juden sich überhaupt der juristischen Fakultät zugewendet hat. Woher das gekommen ist, kann nicht zweifhaft sein, und hat die frühere Untersuchung des Verbandes der deutschen Juden über die Jnstizverhältnisse mit erkennen lassen. Wie von allen irgendwie mit der Verwaltung zusammenhängenden Stellen sind die Juden auch hier fern gehalten worden, obwohl doch der. preußische Staat in älterer Zeit mit der Ernennung des Inden Goldschmidt zum ordentlichen Professor tu Berlin keine schlechte Erfahrung gemacht hat, Aber die jüdiicheu Rechtsgelehrten wußten, daß das Erlangen eines Ordinariats zu den äußersten Seltenheiten gehörte. Sie wollten sich nicht der Ablehnung aussetzen. Infolgedessen wandte sich die Mehrzahl der praktischen Tätigkeit des Richters oder des Anwalts zu und benutzte den größeren Teil ihrer Zeit, wissenschaftlich tätig zu sein, ohne jedoch sich der Lehrtätigkeit au der Universität zu widmen. Von den jetzt vorhandenen Ordinarien der juristischen Fakultäten, die sich alle vier auf dem Gebiete der Wissenschaft in hervorragender Weise betätigt haben, sind zwei in Preußen, einer in Baden und einer in Thüringen. Gerade unter den jüdischen Juristen, sollte man meinen, gibt es genug klare Denker, die der Zahl dieser vier hätten angereiht werden können. Es ist nicht geschehen, dafür aber mancher von den Universitäten an die Handelshochschulen verdrängt worden. Betrachtet man dagegen die Zahl der Getauften in der juristischen Fakultät, dann sieht man, wie erschreckend in. dieser Beziehung das Verhalten der Behörden und das Verhalten der Fakultäten gewirkt hat. Die Zahl der getauften ordentlichen Professoren ist von 4 Prozent auf 7l/2 Prozent auf 11 Prozent gestiegen, die Zahl der außerordentlichen von 4 Prozent auf 10 Prozent auf 15 Prozent. Im Avancement waren sie den christlichen vollständig gleichgestellt. Noch schlimmer als in der juristischen ist es in der medizinischen Fakultät. Hier sind die Zustände an fast allen Universitäten gleichmäßig unerhört. Abgesesehen von einem einzigen Ausnahmefall gibt es keinen Ordinarius, der nach dem Jahre 1884 ernannt worden wäre. Fast alle großen jüdischen Mediziner, die in der Zwischenzeit den Ruhm Deutschlands in die Welt getragen haben, sind von der ordentlichen Professur ausgeschlossen geblieben. Munk konnte in jungen Jahren Mitglied der Wissenschaft werden, zum Ordinarius hat er es, obwohl wiederholt von der Fakultät vorgeschlagen, nur an der Tierärztlichen Hochschule bringen können. Hirschberg, Mendel, Senator u. a. mußten sich oder müssen sich mit dem Extraordiuariat begnügen. Weigert mußte sich an ein privates Institut begeben. Hugo Oppenheim wurde ständig übergangen. Die Zahl der jüdischen Ordinarien in der medizinischen Fakultät ist von 3% Prozent und 4 Prozent ruf 2 Prozent gefallen, die Zahl der jüdischen Extraordinarien von 17 Prozent ans 13 Prozent und 10 Prozent. Dagegen sind 4 jüdische Honorarprofessoren zu verzeichnen, die 12 Prozent der Gesamtzahl dieser Kategorie ansmacheu. Fragt man sich nach dem Grunde für diese Zurücksetzung der jüdischen Mediziner, deren Wissenschaftlichkeit und Tüchtigkeit als behandelnde Arzte unbestritten ist, so kanil man darin, abgesehen von dem Verhalten der Fakultäten selbst, nur die Eiilwirknitg der Bnreaukratie und nicht minder des Militärwesens finden. Auch unter aktiven Militärärzten gibt es bekanntlich keinen Inden mehr. Dagegen sind wohl tvenige unter den christlichen ordentlichen Professoren der medizinischen Fakultät, die nicht dem militärärztlichen Stände angehören oder angehört haben. Geht man sodann zur philosophischen Fakultät über, so kann man diese nicht betrachten, ohne die einzelnen Fächer der Fakultät besonders zu berücksichtigen. Die Gesamtzahl der jüdischen Ordinarien in der philosophischen Fakultät ist scheinbar gestiegen. In Wirklichkeit haben sich gerade in den wesentlichsten Fächern die Verhältnisse der Juden verschlechtert. Die Mehrzahl der Juden findet-Unterkommen in den Ordinarien für die Realien. Man braucht eben die jüdischen Mathematiker und kann sie schwer entbehren. Dagegen hält man die Inden von den philosophischen, philologischen und historischen, vor allem auch von den nationalökonomischen Sitzen fern. In dem philologischen Fach ist die Zahl der Christen unter den Ordinarien von 94 auf 111 auf 152 gestiegen, Inden —, 1, 1. Unter den Extraordinarien Christen 34 : 42 : 46, Inden 3:2:2. Unter den Naturwissenschaftlern waren 1909 10 Extraordinarien 114 Christen inld 11 Inden, Ordinarien 170 Christen und nur 2 Juden. Unter den Nationalökonomen sind Extraordinarien 20 Christen und 4 Juden, Ordinarien 46 Christen 0 Inden. Kein jüdischer N a r i o n a l ö k o u o m i st Ordinarius! Dagegen sind drei Getaufte Ordinarien, und mancher Jude hat zur Hau^lshochschnle oder zu Technischen Hochschulen übergehen müssen, um ein Lehramt in seinem Fach zn erlangen. Nur jüdische Mathematiker gibt es in der philosophischen Fakultät in größerer Zahl. Sie haben es jetzt auf 5 Ordinarien von 48 gebracht. Interessant ist endlich auch das Verhalten der Fakultäten und Behörden, soweit Historiker in Frage kommen. Man ernennt die Inden überhaupt nicht zn ordentlichen Professoren. Eine Ausnahme macht allein die Reichsuniversilät Straßburg, jedoch liegen auch hier besondere Umstände vor, die die Bedeutung der Ausnahmen herabmindern. Es zeigt sich, wohin mau blickt, von welcher Seite und nach welcher Richtung man die Stellung der jüdischen Gelehrten auf den deutschen Hochschulen betrachtet und prüft, immer und überall dasselbe Bild: die Juden zurückgedrängt, die Getauften ihnen gegenüber bevorzugt! Die „Kreuz-Zeitung" hat vor kurzem in einem Leitartikel wieder einmal die Behauptung ausgestellt, die Inden suchten in Deutschland die Macht an sich zn reißen. Uns will scheinen, daß die Inden nach nichts anderem streben, als nach jener Gleichberechtigung, welche die Verfassung ihnen verbürgt und die man ihnen rechtswidrig vorenthält. Aber wenn sie das gleiche Recht verlangen, schreit, man heuchlerisch, sie verlangten nach der Macht!