Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 11. Hütte, in welcher die Aermsten der Armen Groß-M/s wohnten.; Ueberall wurde gekocht, gebraten und gebacken, wurden kleine Fähnchen verfertigt, welche die Kinder bei dem Umzuge um das Almemer tragen sollten. In der Rabbinerswohnuug jedoch wurden am vierten Tage Chal hamoed noch extra Vorbereitungen getroffen, denn abends sollten sich die Häupter der Gemeinde daselbst versammeln, um die geheiligte Nacht des HoschanaRaba unter Gebet und Studium, sowie lehrreichen Gesprächen zuzu- Lringen. Trotzdem sich der Rabbi auf sein Töchterlein, welches das Arrangement übernommen hatte, vollauf verlassen konnte, kam er selbst, um nachzuschauen, ob alles in Ordnung sei und übersah mit zufriedenem Blicke alle getrosieneu Anordnungen, wobei er der Tochter zufrieden zunickte, was in deren Angen dielebhaftesten Beisallsäußerungen aufwog. Da wurde dem Rabbi gemeldet, daß jemand in seinem Studierzimmer ans ihit warte, um in einer wichtigen Angelegenheit mit ihm Rücksprache zu nehmen. Gewöhnt, nicht ans sich warten zu lassen, wenn jemand seiner bedurfte, begab sich Rabbi Salomon Leipnik in sein Zimmer. „Bornch habo!" begrüßte er seinen Gast, einen lioch -jungen Manu mit intelligenten Zügen, dem aber des Lebens Sorgen und Mühen bereits tiefe Furchen in die hohe Stirne gegraben. „Was führt Dich in so später Abendstunde hieher, Jakob, wo doch bald alles sich znm Aufsein versammeln soll?" „Ehrwürdiger Herr," erwiderte Jakob Blnmberg zögernd, „ich komme, um Ihren Rat zu erbitten. Es ist wohl nicht das Richtige, wenn ein Sohn als Kläger gegen seinen leiblichen Vater austritt. Aber außerordentliche Dinge erheischen auch außerordentliche Mittel. Was sollen wir mit unserem Vater ansangen?" „Wie, er fröhnt wieder seiner alten Leidenschaft?" „Leider! Ich und mein jüngerer Bruder gaben uns schon der Hoffnung hin, daß die Strasrede, die Sie ihm jüngst gehalten, auf ihn Eindruck gemacht habe. Es wäre schon die höchste Zeit, daß er sich bessere, denn unser Geschäft ist im Rückgänge, unser Haus derart überschuldet, daß wir es kaum erhalten werden, denn wir haben an dem Weingroßhändler Schepkes einen unerbittlichen Gläubiger. Erst am Abend des verflossenen Jom Kipur hat uns der Vater unter Eid versprochett, sich niemals mehr zu berauschen. Er hat beim Andenken an seine verstorbenen Eltern und unsere selige Mutter geschworen, seine Leidenschaft zu bezähmen und sich, wie ehemals, dem Geschäfte zu widmen. Wir glaubten ihm. Heute abend rief ich den Bruder ins Geschäft, um mich mit dem Vater zum Aufsein vorzubereiten, da fand ich diesen in der Wohnstube völlig berauscht aus dem Fußboden liegen, ganz bewußtlos." Der Rabbi strich gewohnheitsmäßig mit der Hand über seinen langen, grauen Vollbart, dann sprach er nach kurzem Bedenken. „Bei den Seelen seiner verstorbenen Teueren hat er Euch Besierung gelobt?" „So ist es. Rabbi!" „Jakob," sagte dieser, „ich habe mit Deinem Vater alle möglichen Versuche gemacht, um ihn von seinem Lebenswandel abzubringen, habe ihn an seine kaufmännische Ehre, die er dadurch gefährdet, erinnert, ihm seine Pflichten gegen seine Söhne zu Gemüte geführt, ihn mit allen möglichen und unmöglichen Dingen bedroht. Er blieb fast stumpf bei allem. Zu verderblich hat der Alkohol bereits auf sein Geistesleben gewirkt. Aber als ich ihm auch vorhielt, daß er das Andenken seiner im Grabe ruhenden Eltern durch seine Aufführung schändet, was sich einmal schwer an ihm rächen würde, da schien er gerührt zu sein und stammelte eine Ausrede, daß der Weinhandel, den er führt, ihm gar zu viel Gelegenheit znm Sündigen darbiete. Augenscheinlich ist die Pietät für die Toten die einzige Stelle in seinem Herzen, die eines Eindrucks fähig ist. Das soll uns die Handhabe zu einem sehr gewagten Versuche bieten. Hast Du Mut, Jakob?" „Wenn es gilt, den Vater zu retten, und unsere gefährdete Existenz vor dem Zusammenbruch zu schützen, wage ich gern mein Leben." „Das wird von Dir nicht verlangt. Es gilt bloß eine abergläubische Angst abzuschütteln." „Bitte, Ehrwürdiger Herr, sprechen Sie^ ich will alles tuu, was in meiner Macht steht." „Gut! Du sagst, ' Dein Vater wäre sinnlos betrunken. Wie lange pflegt sich ein solcher Zustand bei ihm anzuhalten?" „Dies hängt von Umständen ab. Einige Stunden zum mindesten." „Das genügt. Jetzt gehe nach Hanse und kleide mit Hilfe Deines Bruders den Vater in seine Sterbegewänder — ihn dürftet sie nach dem Versöhnungstage noch zur Hand haben — und legt ihn.hinaus auf den guten Ort. Dort macht ihm ein Lager zurecht und laßt ihn seinen Rausch ausschlafen. Wenn er erwacht und sich an diesem Orte mib in diesem Anzuge erblickt, wird er in sich gehen und Buße tun." „Mein Gott, wenn ihm aber dort etwas znstöße vor Schrecken; wenn ihn der Schlag trifft?" „Ich bezweifle, daß dies geschieht. Beim Erwachen wird er sich nicht klar bewußt sein, ob das, was er sieht, Wirklichkeit ist oder nur eine Nachwirkung des Rausches, und wenn er dann nüchtern wird, so sieht er seine Lage als Strafe für sein gebrochenes, den Toten gegebenes Versprechen an. Wenn dieses Mittel nicht wirkt, dann aber ist der unglückliche Mann verloreu und Du und Dein Bruder mit ihm." Ein tiefer, schmerzlicher Senfzer war Jakob Blnmbergs Antwort. „Uebrigens sagtest Du vorhin selbst, daß außerordentliche Dinge außerordentliche Mittel erheischten. Dieses ist ein solches." Abends versammelte sich die Gemeinde beim Rabbi. Gegen Mitternacht wurden Erfrischungen herumgereicht, wobei die jüngeren Männer die älteren bedienten. Als Jakob Blumberg dem Weingroßhändler Schepkes eine Schale mit Obst reichte, wandte sich dieser mit der Frage an den jnngen Mann: „Warum ist Ihr Vater nicht da, Blnmberg?" Dem Gefragten widerstrebte es, eine offenbare Lüge zu sagen, doch wollte er seinem Gläubiger, dessen Kredit er nicht: nicht gut entbehren konnte, nicht den wahren . Sachverhalt erzählen, darum sagte er ausweichend: „Er ist nicht zu Hanse." Darin hatte er ja Recht. Denn sein Vater befand sich tatsächlich nicht in seinem Hause, sondern lag draußen in der Leichenhalle am Friedhof, wohin ihn bei Anbruch der Dunkelheit seine Söhne mit Hilfe eines treuen Geschäftsdieners getragen hatten. „Oder er wieder schikur?" lachte Schepkes. Jakob^/Dte sich, als hätte er diese Frage nicht gehört: und reichte 8ie Obstschüssel weiter. Jakob verbrachte eine furchtbare Nacht. Gleich in der Früh ging er, ohne den Schluß des Morgengottesdienstes abznwarten, der am Hoschaauu rabu doch ziemlich lauge währte, zum guten Ort, um nach seinem Vater zu sehen. Klopfenden Herzens begab er W zur Stelle, woselbst er abends den Vater niedergelegt hatte, doch siehe, der Platz war leer. Offenbar war der Vater während der Nacht nüchtern geworden nnd aufgestanden. Als er sich nach ihm'umblickte, fand er ihn an einer anderen Stellebewußtlos liegen. „Schma Jisroel! Meine Ahnung," schrie Jakob verzweifelnd auf, „der Vater ist tot." Jndeß, die tiefen, festen Atemzüge des Daliegenden zeugten vom Gegenteil. Und als Jakob in' der Nähe des Schlafenden: eine Anzahl geleerter Weinflaschen, fand, wußte er, daß sein Vater sich wieder im Zustande des Rausches befand. Wie aber war dieser Wein ans den Friedhof gekommen? Das war ein Rätsel, dessen Lösung dem armen Jakob viel Kopfzerbrechen machte. Denn das Sprichwort: Gott, bescheert dem Trinker d-e n Wein schien denn doch nicht die richtige Erklärung für diesen mysteriösen Vorfall-zu sein. Mit dem total Betrunkenen ließ sich vor der Hand nichts anfangen, und so ging Jakob in die Kille zurück, um dem Rabbiner Bericht zu erstatten. Als er in die Jndengasse kam, bemerkte er darin eine ungewöhnliche Erregung. Gruppen Neugieriger standen aller Orten, und selbst Frauen, die an diesem Tage in ihrer Küche vollauf Beschäftigung gefunden hätten, ließen alles im Stiche, um an der allgemeinen Erregung teilzunehmen, und Ansrufe-