Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063634--07771-3074883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11 Die Wahrheu Leite 7. vergebens, sie kommen nur mühsam vorwärts; die Räder ihrer Wagen springen ab und schon fluten die Wogen zurück und bedecken sie, so daß. kein einziger von ihnen am Leben bleibt. Dieses ungeheure Erlebnis schuf die seelische Grundlage, -auf der-Moses die Jahvereligion und den großen Gedanken eines göttlichen Bundes mit dem Volk Israel anfbante. Von dem Gesetzesberg zogen die Hebräer nach Kades, ungefähr in der Höhe von Petra, oder westlich der Jordansenke, wo heute die Agazime-Bedninen wohnen und eifersüchtig die Quellen ihrer Oase hüten. Die Erzählungen des Alten Testaments haben hier das Lokalkolorit mit wunderbarer Treue festgehalten; die gleiche Stimmung atmen auch die Quellensagen der Beduinen; hier grünen die Tamarisken, deren Honigsaft vielleicht das Manna, das süße „Himmelsbrot", lieferte und alljährlich kommen im .Frühjahr die Tausende von Wachteln und Singvögeln, um mit ihrem Fleisch die Hungrigen zu laben, die des süßen Brotes überdrüssig sind. Der Aufenthalt der Hebräer in Kades muß sehr lange, wenn auch nicht gerade vierzig Jahre, gedauert haben. Die Israeliten verschmolzen hier mit verwandten und (befreundeten Stämmen; vor allem aber ist die durch Moses gestiftete Religion hier ansgebildet und in den Gemütern befestigt worden, denn als Hunger und Uebervölkerung von neuem zum Aufbruch zwangen und zahlreiche Stämme sich zu einer stattlichen, siegesfrohen Schar vereinten, um das Kulturland Palästina von Osten her zu erobern, da war die Jahvereligion bereits -allgemein anerkannt und das iestnmschlingende gemeinsame Band der verschiedenen Stämme geworden. Gras Aehrenthal als — Witmist. Graf Aehrenthal ist nun heimgegangen zu seinen Vätern lind hat nunmehr Ruhe von dem Leiden des irdischen Jammertales, von den Qualen der Seele und den Schmerzen des Leibes, die ihm in den letzten Tagen seines Lebens von der so fromm und gottgefällig sich gebärdenden christlichsozialen Seite bereitet wurden. Wer nun die leitenden Artikel zweier .tonangebender Wiener liberalen Blätter bezüglich der Aehrenihallschen Politik in den letzten Wochen aufmerksam verfolgte, dem wird es wohl nicht entgangen sein, daß diese beiden Blätter ihren stets konkurrierenden Standpunkt auch in ihrem Arteile über Grafen Aehrenthal festgehalten und bis zu dessen Tode fortgesetzt haben. Während die „Nene Freie Presse" seine Friedenspolitik bis in den Himmel pries, wurde „Die Zeit" nicht müde, in Gesellschaft der „Reichspost" an einem Strange mit den Christlichsozialen zu ziehen und die Friedenspolitik Äehrenthals, namentlich gegenüber Italien, als Schwäche, Feigheit und als Verrat an der deutschen Sache zu lästern. And dieser Konkurrenzkampf geschah mit solcher Schärfe und Vehemenz, als gälte es um die Ehre eines kräftigen und rüstigen, in strotzender Leibesfülle einherschreitenden, in den Kampf ziehenden Kriegers und nicht um einen mit dem Tode Ringenden. Wie Schreiber dieser Zeilen die Kannengießerei beider Blätter las, da tönten ihm immer die Worte des Psalmisten entgegen: Ich liebe den Frieden und jene suchen bei jedem Anlaß nnr Krieg (Psalm 120). Wieso kam aber dieser sonderbare Gedaukensprnng vom jüngsten österreichischen Minister des Aeußern znm alten Sänger? Ich wußte mir diese Gedankenassoziation anfangs selbst nicht zu erklären. Dies kam also: Als kleiner Junge hatte ich als Schulknabe beim Uebersetzen der Gebete, daun später als Chorknabe öfters Gelegenheit, mit dem jüd. Gebetbuch und den Psalmen, die doch einen Hauptbestandteil desselben bilden, Bekanntschaft zu machen. Und da waren es namentlich einige kleinere Plalmen. die die Ueberschrift tragen „Für den höheren Chor" oder Stnfeulieder, auch Gradualien (canticum graduum), die mein besonderes Interesse erregten und die in meinem Gedächtnisse leicht haften blieben. Nun schließt gerade das erste dieser Wallfahrtslieder mit dem Refrain: nanW? nan tan» '2i bibw m Ich liebe den Frieden un d jene suchen nur Streit und Krieg. (Ego sum pacificus verum, illi sunt ad pugnam). Dieser Refrain tönte mir schon als Knaben in den Ohren, wenn andere Jungen sich hernmbalgten, sich ordentlich prügelten und ich. gleichsam iu der Vorahnung meines künftigen stillen Schriftstellerbernfes, mich in stiller Reserve abseits hielt, was mir allerdings manchen Hieb und Schimpf eintrug, den ich aber mit kalter Resignation ruhig über mich ergehen ließ. Auch in meinen späteren Studienjahren, wo ich schon des Lateinischen insoweit mächtig war. daß ich den Text dieses Psalms im sabbatlichen Mincha-Gebet mir leicht verdeutschen konnte, fiel mir immer, so oft ans das Duell die Rede kam, wobei ich mich immer offen als Dnellgegner altssprach, diese Stelle des netten Stnfenliedes ein. So kam es. daß ich durch die Lektüre der Zeitungsartikel bezüglich Aehrenthal an diesen Psalm wieder erinnert wurde. Ich nahm mir das jüd. Gebetbuch ans meinen alten Tagen wieder zur Hand, schlug neugierig den Psalm 120 wieder nach und da fand ich denselben so allerliebst, so nett nnd zierlich, so poetisch angehaucht und nicht nnr in seinem Schluß, sondern auch in seinem Eingang gerade wie für Aehrenthal gemünzt. Er lautet nämlich nach meiner neuen metrisch gereimten Uebersetzung: O Gott, bewahre mich vor der Menschen Lug Vor der Falschheit argem Znngentrng. Was kann die Lüge ja dem Menschen frommen? - Wie kann die Falschheit dir jemals wohlbekommen? Konnte Aehrenthal nicht mit vollem Rechte dem ehemaligen Präsidenten des österreichischen Abgeordnetenhauses Dr. v. Fuchs, der bekanntlich ans dem Salzburger Banernbnndestage zuerst die Sturmglocke läntete und die verlänmderischen Vorwürfe gegen ihn erhob, diese Worte des Psalmisten entgegenhalten? Die Antwort auf die letzte Frage gibt der Psalmist von selbst, wenn er im fünften Verse sagt: Die falschen Worte treffen wie des Kriegers scharfe Pfeile, Die ihn niederstrecken, falsch mit Blitzeseile, Sie brennen, wie Ginsterkohlen, tief ins Herz. Ja, die falschen, bösen Worte und Verlänmdnngen, die von der christlichsozialen Partei, die sich so, wie ihre Hintermänner. gerne auf fromme nnd gottgefällige Leute ansspielen, gegen den kranken Grafen geschleudert wurden, haben ihm sicher tief in die Seele gebrannt, haben ihm die letzten Tage seines Lebens verbittert, ihn moralisch und leiblich niedergestreckt und seinen Tod beschleunigt. In diesem Kampfgewoge der streitenden Parteien war es nur sein kaiserlicher Herr, der mit feinem Takte seine schützende Hand über seinem treuen, kranken Diener bis zu dessen letztem Atemzuge hielt, und ihm noch am am Totenbette die Anerkennung nicht nnr für seine Person, sondern auch für seine friedliebende Politik aussprach und sich so als echter Friedensfürst dokumentierte. Dr. M. Evstein, Brünn. Talmndstche Ethik des Alphakeis. Bon Dr. D. Leimdörfer, Rabbiner und Prediger in Hamburg. (Fortsetzung.) Es liegt vielmehr ein sittlicher Ernst darin, wenn hervorragende Männer öffentlich den Geist der Exegese rühmen, die auf die Idee einer Auslegung des Alphabets gekommen und diese so überraschend zu Ende führen. „Worte, dergleichen in unseren Hochschulen seit den Tagen des Mosesjüngers Josua, des Sohnes Runs, nicht vorgetragen wurden." Eine pädag. Tabelle für die Prinzipien der Erziehung des Menschengeschlechtes liegt uns hier vor. Das Alphabet der hebräischen oder heiligen Sprache, in der Gott zu den Menschen die Gesetze des Lebens gebracht hat, ist an sich schon eine Schule der Erziehung znm echten, edlen Menschentum. Denn das Alphabet trägt systematisch alles das vor. weffen der Mensch bedarf, um zur Höhe göttlicher Ethik zu gelangen.