Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Leite 6 Die Wahrheit die Kultur geleistet haben, einfach mit Stillschweigen übergehn! Ein edler, vorurteilsloser Naturforscher von Weltruf, der Begründer der modernen wissenschaftlichen Botanik, Prof. M. I. Sch l ei b e u. ist zN seiner eigenen Ueberraschung auf dem Wege seiner Forschungen hinter diese Tatsache gekommen und schrieb im Jahre 1876 eine längere Abhandlung über „Die Bedeutung der Inden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter." In dieser Arbeit stellt der berühmte Gelehrte fest, daß während ganz Europa sein Mittelaller halte, eine Zeit der Roheit, des geistigen und sittlichen Verfalls, wie er trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Inden eine Ausnahme machten. Trotz Zerstreuung und Unterdrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubte, haben sie sich bis zum Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickelt und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und überliefert. Die Inden sind, fo faßt Schleiden die Ergebnisse feiner Forschung zusammen, während des finstern, geistig öden und faulen Mittelalters die Erhalter eines rationellen Landvanes, aller größeren Gewerbe, des Seidenbaues, der Färbereien, der Webereien, sie sind die Träger und Förderer des den Wohlstand der Nationen bedingenden Welthandels. Sie haben in ununterbrochener Geistesarbeit jedes Gebiet der Wissenschaften angebant, fortgebildet und den am Ende des Mittelalters erwachenden Nationen überliefert. Sie sind die Begründer wissenschaftlicher Sprachkuude, sie sind die einzigen, welche Kenntnisse der morgenländischen und der abendländischen Sprachen in sich vereinigen, weshalb z. B. Karl der Große den jüdischen Gelehrten R. Isaak als Gesandten zu Harun Al-raschid senden konnte. Die Juden waren die einzigen, welche die Philosophie und Ethik ausbanten. Sie haben namentlich die Medizin wissenschaftlich bearbeitet und fortgebildet. — Interessant ist, wie Schleiden den Professor B i l l r o t h wegen seiner antisemitischen Vorurteile abfertigt. „Wie kann, fo ruft er ihm zu. ein öffentlicher Lehrer eine so bodenlose Unwissenheit in der Geschichte seiner eigenen Wissenschaft zur Schau tragen? Er kennr offenbar die ungeheuere Bedeutung der Juden für die Medizin nicht und hat daher nicht bedacht, daß es ohne die Inden vielleicht nie einen Prof. Billroth gegeben haben würde." Nachdem noch Schleiden die Bedeutung der Juden für die Astronomie und Geschichte hervorgehoben hat, schließt er mit den Worten eines portugiesischen Geschichtsschreibers Ribeyra de Santos: Wir verdanken den Juden größtenteils die ersten Kenntnisse der Philosophie, der Botanik, der Medizin, der Astronomie und Kosmographie, fowie die Elemente der Grammatik und der heiligen Sprachen, sowie fast alle Studien der biblischen Literatur. So haben denn die Inden im Mittelalter trotz ihrer furchtbaren Verfolgungen sich um die Kultur der Menschheit unsterbliche Verdienste erworben, während die arischen Völker in der tiefsten Nacht der Unwissenheit und Barbarei steckten. Nun könnte man eiuwenden: Ja, die Juden sind ein älteres Kulturvolk als die arischen Völker und darum konnten sie die Lehrmeister der jüngeren, unwissenden Völker werden. — Das wäre mehr eine Entschuldigung der Arier als eine Verkleinerung der Verdienste der Inden. Denn der Lehrmeister ist immer älter und kenntnisreicher als der Schüler. Unser Staunen steigert sich aber ins maßlose, wenn wir die Bedeutung der Inden für die Kultur der Neuzeit ins Auge fassen. Da sind doch schon die Völker ans ihrem Schlafe erwacht, da haben sie sich doch Kenntnisse, überreiche Kenntnisse auf allen Gebieten erworben. Schluß folgt. Moses im Lichte der Geschichte. In einem demnächst erscheinenden Werke „Moses und feine Zeit" unternimmt der Berliner Universitätsprofessor Hugo Greßmann die schwierige Aufgabe, die historische Bedeutung des „Schöpfers Israels" darzulegen und den geschichtlichen Kern feiner Persönlichkeit aus den Erzählungen des Alten Testaments herauszulösen. Die Resultate seiner Forschungen faßt er schon jetzt in einem Aufsatz der „Deutschen Rundschau" zusammen. Moses hat dem Volk Israel,, daA ursprünglich zahlreiche El genannte Gottheiten hatte, die Jahve-Religion geschenkt. Als er sich zum Führer seiner Landsleute ansschwang, war nicht die Befreiung ans Egypten, nicht der Zug durch die Wüste die Großtat, die er vollbrachte, sondern als Frucht dieser gewaltigen Anfrüttelnng des Volksgeistes die Stiftung der israelitischen Religion. Als . Moses in den Fenerglnten des Sinai Jahve und Israel znsammenschmolz, als er den Berggott von seiner altgewohnten Stätte löste und zu dem allein angebeleten Landesgott Palästinas machte, ward er der eigentliche Schöpfer Israels. Den Auszug der Juden und die Vorgänge, die sich daran anknüpften, schildert Greßmann ans Grund einer kritischen Sonderung der Texte und genauer Kenntnis der Oertlichkeiten folgendermaßen: Im Laufe des XIV. Jahrhunderts hatten sich die Hebräer im Lande Gosen angesiedelt, einem fruchtbaren Tal, dessen idyllischer Charakter aber unter Ramses II. durch die Verlegung des Schwergewichts des egyptischen Reiches an die syrische Grenze zerstört wurde. Die Nähe des Pharao mußte den freiheitsdnrstigen Söhnen der Wüste das Joch der Sklaverei unerträglich machen, und als ihnen in Moses der berufene Führer erstand, wandten sie sich zur heimlichen Flucht. Das Ziel der Hebräer war Kades, der Südrand Palästinas, die Heimat, ans der ihre Vorfahren nach Gosen gezogen waren, und die einzige Straße, die sie dahin führen konnte, war der auch heute noch übliche Karawanenweg, die Schilfmeerstraße, die Suez mit Akaba verbindet und im Norden der Sinai-Halbinsel die Batietet-Tih genannte Wüste dnrchschneidet. Zur eigentlichen Sinai-Halbinsel sind die Hebräer nicht, abgebogen, denn auf diesem dürren, trostlosen Granitbarren hätten sie den sicheren Hungertod finden müssen. Die Ueberlieferung, nach der der Berg der Gesetzgebung auf dieser Halbinsel liegt, ist erst mit dem Entstehen des christlichen Mönchtums nachweisbar und völlig unhaltbar. Mit dem Schilfmeer kann auch nicht der Golf von Suez, sondern nur der Golf von Akaba gemeint sein. Entscheidend für die Bestimmung des Berges aber ist es, daß er in der Bibel deutlich als Vulkan geschildert,, mit einem Schmelzofen verglichen wird, über dem eine dichte Rauchwolke lagert. Auf der Sinai-Halbinsel gibt es keine Vulkane, aber fast längs der ganzen Ostküste des Roten Meeres erstrecken sich in langer Kette die gewaltigen Vnlkanfelder der Harras, deren zerrissene, mit unzähligen erloschenen Kratern bedeckte Oberfläche sich landeinwärts hineinzieht. Von einem dieser Vulkane, der ..Feuerharra" Jind Ausbrüche in nachchristlicher Zeit bezeugt. Jedenfalls muß der Berg des Gesetzes östlich des „Schilfmeeres", das heißt des Golfes von Akaba im Lande Midian gesucht werden. Und nun wird auch die Katastrophe am Schilfmeer verständlich. Die verfolgenden Egypter wurden durch einen plötzlichen Ansbruch des Vulkans in eine wilde Panik hineingetrieben. „Der Berg brannte, so daß die Lohe mitten in den Himmel schlug." heißt es 5. Mose 4, 11. und Hebräern wie Egyptern mußte es scheinen, als ob der Berggott Jahve selbst im Feuer herniederfahre. Bei Vulkanausbrüchen ist es nun typisch, daß auch das Meer in Mitleidenschaft gezogen wird. Von der Eruption des Mont Pele 1902 entwirft ein Augenzeuge ein ganz ähnliches.Bild, wie es sich damals am Schilfmeere entfaltete: „Das Meer ist schwarz; es wallt auf und hebt sich drohend, und von Zeit zu Zeit rollte eine gewaltige Woge dunkel und lautlos in die Stadt und über die Felder der Umgebung." Des Nachts hat sich zwischen die Egypter mit) die ihren Vorsprung gut ansnützenden Israeliten eine Fener- und Wolkensänle geschoben. Daß sie dem anserwählten Volke von Ort zu Ort vorausgewaudert sei, ist zwar sagenhaft, aber das der Erzählung zugrunde liegende Naturereignis ist ganz deutlich, denn wie stets vor Eruptionen hing über dem Berg eine dichte, unbewegliche Rauchwolke, die sich des Nachts, durch den glühenden Feuerschein im Innern des Krates zu einer Feuersäule verwandelte. Während die Jsraeliteu bei dem Ausbruch sich sicher fühlen und darin das Wunder und die Hilfe eines gewaltigen Gottes erblicken, werden die Egypter von sinnloser .Angst ergriffen und suchen in wilder Flucht über den trockengelegten Meeresboden dem Verderben zu entrinnen. Aber