Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die. Wahrheit. Nr. 11. big verfolgt und für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht werden/deren ganze Sünde nur darin besteht, daß sie Juden und Galizianer sind. Auch die Mithilfe der „Wiener isr. Alliance" muß da in Anspruch genommen werden. Bemerken wollen wir, daß die Inanspruchnahme fremder; Hilfe nicht gegen die ungarische Regierung gerichtet ist, die von ihren Subalternen aus den verwerflichsten Gründen ganz irregeführt wird. Die ganze Aktion ist nur von dem Bestreben geleitet, die Regierung, die — zu ihrem Lobe sei es gesagt und konstatiert — wenn ihr Gewalttaten unmenschlicher Beamter zur Kenntnis gebracht werden, immer helfend eiligreift, ans die moralische Gefahr ans- : merksam zu machen, welche geeignet ist, das liberale Ungarn in den Augen Enropa's nicht nur n e b e n, sondern weit über Rußland zu stellen. * * * Die in Budapest abgehaltene Landeskonferenz der ungarländischen israelitischen Kultnsgemeinden, au der über 600 Delegirte der derzeit in drei Lagern gespaltenen Gemeinden teilnahmen, um die Schaffung einer einheitlichen Autonomie anzubahnen, hat folgende Resolution angenommen: „Die Landeskonferenz hegt einstimmig die Ueberzengung, daß die israelitische Konfession trotz der bestehenden verschiedenen Parteien und Schattierungen, vermöge ihrer gemeinsamen Geschichte. ihres alten Glaubens und laut den vaterländischen Gesetzen und den ans dem konfessionellen Leben des gesamten Judentums geschöpften Beweisen eine einheitliche und unteilbare ist, die von niemandem und unter keinem Titel in zwei oder mehr Konfessionen geteilt werden kann. Jnwlgedessen beschließt die Konferenz, ans dieser Basis noch im Lause dieses Jahres in Budapest unter Teilnahme der Delegierten der vaterländischen Kultusgemeinden einen Landeskongreß zu veranstalten, dessen Aufgabe es bilden soll, alles zu tun, um m unserer Konfession, die durch ungefähr vier Dezennien unter Zwietracht und Spaltung leidet, das Einvernehmen und den Frieden wiederherzustellen, damit hierdurch die der rezipierten israelitischen Konfession im Sinne der Gesetze gebührende Autonomie auf einheitlicher Basis 'gesichert werden könne. Zur Durchführung dieser Beschlüsse entsendet die Landeskonferenz ein Landeskomitee, das die Aufgabe haben wird, den Kongreß vorznbereiten und einznbernfen, dessen Tagesordnung sestzusteüen und bei den Vorbereitnngsarbeiten auf die inzwischen eiugetretenen Verhältnisse zu achten sowie auf die Erhaltung und Beschützung unserer avitischen Institutionen und ans die Zerstreuung der in dieser Hinsicht auftanchenden Bedenken hinznwirken, so zwar, daß innerhalb des Rahmens der anszubauenden Autonomie rechtskräftige Verfügungen eine treue Erhaltung und Pstege der von welcher Konfession immer erhaltenen Institutionen und Traditionen sichern sollen. Das Komitee soll ferner dem Kongreß geeignete Vorschläge wegen Sicherung des Rechtszitstandes der Rabbiner und Beamten der Kultnsgemeinden, sowie im Interesse der Schaffung eines für sie bestimmten Pensionsinstituts unterbreiten. Die Konferenz erwartet, daß jeder wahre und unbefangene Glaubensgenosse, alle Gehässigkeit beiseite lassend, nach bester Einsicht, mit bestem Können im Interesse der Schaffung einer für die einheitliche ungarische Jndenschaft zu erkämpfenden einheitlichen Autonomie Mitwirken wird." Zur Vorbereitung des Kongresses wurde eine Hnndertkomitee gewählt. 2- * Der deutsche Reichstag beschäftigte sich jüngst in zweitägiger Debatte mit der Natnralisationsfrage. voll deren glücklicher, resp. unparteiischer Lösung das Schicksal vieler Tausenden ausländischer, aber auch in Deutschland selbst geborener, aber dort nicht heimatsberechtigter Juden abhängt. Bei diesem Anlässe trat der nationalliberale Abgeordnete Freiherr v. Richthofeu für die volle konfessionelle Gleichberechtigung ein und. seine freimütigen und wirklich freisinnigen Ausführungen, die mit Ausnahme der Antisemiten allseilige Zustimmung fanden, seien nachstehend auszugsweise wiedergegeben. Er sagte unter anderem: ,>Es wäre vielleicht recht notwendig, in dem Gesetz etwas detailliertere Bestimmungen darüber zu bringen, welches denn die Gründe sein sollen, ans denen eiii Bundesstaat berechtigt fein soll, die Aufnahme eines.Ausländers in den Staatsangehörigkeitsverband eines anderen Bnndesstaatsverbandes. abznlehuen und insbesondere möchte ich darauf Hinweisen, daß w i r ■ uit b eb i n g t d a b e i a u s s ch l i e ß e.n mit ssen alle konfession e'l l e n T e n d e n z e n. In der Beziehung müssen wir. doch . nicht etwa irgend welchen anderen Ländern nacheifern, sondern ganz ausschließlich die Toleranz, üben, die uns die Verfassung vorschreibt, n a ch d er bei uns eine Konfession so behandelt werden soll wie die and e r e. (Bravo links.) Ich würde von meinem Standpunkt nichts dagegen haben, wenn wir im Gesetz ausdrücklich betonen, daß koitfessionelle Momente hier bei der Entscheidung der Bundesregierungen nicht mitznwirken haben." * * sS; Aus einem durch das „Berliner Tageblatt" veröffentlichten geheimen Aktenstücke ergibt sich, daß bereits im Jahre 1905 von dem Minister des Innern, Dnrnowo, ein den jetzigen amerikanischen Forderungen vollkommen entsprechendes Paßreglement ansgearbeitet und vom Zaren genehmigt worden war. In diesem Entwürfe lautet § 38 wöitlid) wie folgt: „Inden, Untertanen anderer Staaten, die nach Rußland kommen, intterliegen den allgemein für Ausländer geltenden Paßvorschriflen". In der Begründung wird das Unsinnige der bestehendenden Paßvorschriflen schlagend nachgewiesen. Daß die ablehnende Stellung der russischen Regierung gegenüber den von amerikanischer und jetzt auch von englischer Seite erhobenen Forderungen in der Paßangelegenheit lediglich auf antisemitisches Vorurteil zurückzuführen ist, war zwar jedem Eingeweihten klar, ist aber nun zum Ueberflnß amtlich bestätigt worden. * * * Wie dem „Jüd. 'Volksblatt" berichtet wird, ist eine friede liche Lösung des. zwischen der Pariser ^Zentrale und dem deutschen Bureau des Alliance Jsraelite Universelle entstandenen Konfliktes zu erwarten. Mehrere Mitglieder der D.C.G. haben auf Grund des § 8 Absatz 1 der Satzungen der D.C.G. die Einberufung einer außerordentlichen Tagung an einem neutralen Platze Mitteldeutschlands beantragt und muß diese Konferenz auf Grund der Statuten innerhalb 3 Wochen stattsinden. Es ist begründete Aussicht vorhanden, daß, wenn jene 18 Männer unter sich zu einer Beratung znsammentreten, Ersprießlicheres dabei herauskommen wird, als wenn man in Berlin. Frankfurt, Nürnberg rc. Versammlungen abhält, welche die Parteien immermehr auseinander aber nicht zueinander bringen. Durch Resolutionen und Manifestationen wird man nicht znm Ziele kommen. Daß man auch in Paris geneigt ist, Frieden zu schließen, geht daraus hervor, daß, nachdem von orthodoxer Seite in Deutschland das Verlangen gestellt wurde, auch orthodoxe Rabbiner in das Zentralkomitö zu wählen und man von Paris ans. Vorschläge erbeten hat, man in Paris entsprechend diesen Vorschlägen für die am 30. April d. I.' in Paris stattfindenden Kooptationswahlen präsentiert; die Wahl des Rabbiners Dr. Nobel in Frankfurt a. Main (orthodox) und die Wahl des Oberrabbiners Dr. Loew in Szegedin (liberal). Gleichfalls hat Paris die Wiederwahl der zur Wahl stehenden Herren Rabbiner Dr. Werner München und Dr. Vogelstein-Königsberg vorgeschlagen. ' * * -i- Jn Portugal tritt ein offizielles Journal „O Secnlo" für eine Art Z u r ü ck b e r u f liit g der Juden ein. Nachdem die Zeitung von der Kolonie Angola gesprochen, fährt sie fort: „Die erste europäische Kolonisation von St. Thomas wurde voll Juden begründet, die aus Portugal vertrieben worden waren und wenig später war sie in großem Flor. Es ist durchaus bewiesen/ daß der ökonomische und geistige Verfall Portugals von der Vertreibung der Juden datiert. Was gäbe daher Besseres für uns, als uns an die russischen Juden zu wenden, denen in ihrem Lande 'jede Freiheit verwehrt ist und deren fruchtbringende Tätigkeit wir in den Gegenden, in denen sie sich angesiedelt haben, kennen, znm Beispiel in Palästina,