Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DieWahrcheit Nedaklio» »iid SIdininistration: Wie», II., Avvaragafse 27 Telephon: Nedaktio» 5509/1V. Unabhängige Aeitschrifi für jübische Aerurr»t'rei»: Äauzjäviig.K 1*.— Halbliidrig.K 7.— Administrakiou 4938/11. ft. k üsterr. Vostivarkasia- Scveck-ftonro Nr. 100.918. Interessen. Für!kull»sbeu»ite: .K 10 - Irilerato: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreilng. Für Aiie-luiid: NdoniienieniS- und Jnserlions- (Mui'iiltiQriii.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Uottes ist Wahrheit!“ t> Vlnvel oder IN Frc». II r. 11. Wien. 15. Mar; Inhalt: Aus der Woche. — Die Bedeutung der Jiideu für die menschliche Kultur. — Graf Aehrenrhal als — Psalmist. — Moses im Buche der Geschichte. — Talmudische Ethik des Alphabets. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Rat des Rabbi. — Jüdncher Schul-Berein. Ans der Woche. Von der Redaktion der „Ungarischen Wochenschrift" werden wir um Aufnahme folgender Zuschrift ersucht: Sehr geehrte Redaktion! Bitterstes Empfinden entlockt unserer Brust diesen Notschrei im Interesse gepeinigter und unschuldig verfolgter Bruder, und die jüdische Presse, auch außerhalb Ungarns, soll es sich zur Aufgabe stellen, einer gerechten Regierung, wie es die ungarische ist, über schweres Unrecht, das von ihren Organen begangen wird, die Angen zu öffnen. Die ungarische Grenzpolizei, aber hauptsächlich jene von M ä,r a ni a r o s ß i g e t, B Lr t f a, U n g v a r und jener Gegend, die an Galizien grenzt, geht in letzterer Zeit gegen die dortigen, wohl aus Galizien eingewanderten, aber schon seit vielen Jahren in Ungarn ansässigen Juden mit entsetzlicher Brutalität, mit furcht- und schreckenerregender Gewalt und mit einer Bestialität vor, wie man dies vielleicht nur bei den Cow Boy's des Wild-West vorsinden könnte. Ohne Erbarmen und ohne menschliches Gefühl werden Hunderte v o n E x i st e n z e n zugrunde gerichtet. Die verwilderten Satrapen von der Grenzpolizei, habgierige Stuhlrichter und sonstige Administrationsbeamte der dortigen Komitate veranstalten — in letzterer Zeit überhaupt — förmliche Hetzn u d Treibjagden auf die dortigen ans Galizien stammenden jüdischen Opfer. Bis vor Kurzem blieben diese Schrecklichkeiten dieser ungarischen Huligan's vor den Augen der großen Oeffentlichkeit ganz unaufgedeckt. Erst ein solch trauriger Fall, den der Redakteur unseres Blattes zufällig erfuhr, entrollte vor uns den Jammer und die Wehrlosigkeit jener Aermsten aller Armen. Jüdische Familien, die ein ganzes Leben in ehrlicher und strebsamer Arbeit znbrachten, die immer treue Bürger dieses Landes waren, erwachen eines schönen und für sie finstern Morgens und sie sind des Landes, verwiesen unter Androhung von quälenden Strafen. Der Vater wird seinen Kindern entrissen, die M u t t e r, d i e 10, 15, 20 oder gar 30 I a h r e m i t ihrem Gatten glücklich und zufrieden lebte, bleibt eine lebendige Witwe, h inansgestoßen in Elend und Verzweiflung. Hier eine kleine Blnmenlese: Rabbi Manasse Freilich, ein 60-jährig.Mann, kam vor 68 Jahren nach Ungarn. Im Jahre 1877 heiratete er eine geborene Ungarin: Channa Rapaport. Seit 35 Jahren führte er ein glückliches Familienleben, geehrt und geachtet von allen. Er wohnt in Felsvszinevvr (Maramaroser Komitat), wo er steuerzahlender Bürger, Besitzer von Liegenschaften und eines offenen Ladens ist. Sein Unglück wollte es, daß er wohlhabend wurde. Der Oekörmezöer Oberstuhlrichter, der argberüchtigte Emil Z o m b o r y, warf auf den unglücklichen Manu ein Äuge und nach 24 Stunden war er a n s g e w i e s e n. Der alte Mann hat 10 Kinder, von denen nur eine Tochter versorgt ist. 2 Söhne sind in derJeschiwah und die andern sind vaterlo s geblieben. Der alte Freilich irrt seit 4 Monaten herum, jammernd um sein Weib und seine Kinder. Vergebens waren seine Einwendungen, daß er doch gar nichts verbrochen habe. Nein, das alles nützt nichts. Der Jude, meint Polizei, Stuhlrichter und Vizegespan, muß vernichtet werden. Mandl Leib in Stropkö, seit 15 Jahren in Ungarn, seit 9 Jahren mit der Tochter des ungarischen Rabbinatsverwesers Rabbi Chaim W e i n f e l d in Sztropkö, Schsndl Chäje W e i n f e l d, verheiratet, Vater von 2 Kindern, von denen eines 8 Monate alt ist; zahlt jährlich 140 Kronen Steuer; ein recht braver und bescheidener Mann muß, so hieß es im Ausweisungsbefehl des schwarzen Antisemiten Josef 53 a n 6 Hauptmann der Bartfelder Grenzpolizei, der keinem Juden ins Gesicht schauen kann, binnen 15 Tagen bei Androhung einer Wegschnbbierung das Land verlassen. Dock hatte Mandel Glück im Unglücke. Er durfte binnen 15 Tagen an das Ministerium des Innern ein Ueberprüfungsgesnch einreichen, welches wohl ebenfalls keine günstigen Folgen hatte, weil auch diese allerhöchste Instanz die Ausweisung Mandelas bestätigte, doch das einzig Gute hatte, daß der Verfolgte noch einige Wochen bei Weib und Kind verbringen konnte. Als aber auch dieses Forum Mandel zum ewigen Inden stempeln wollte, ist es Julius Gabel, dem Redakteur eines jüdischen Blattes gelungen, den menschlich fühlenden und edler denkenden Ministerialrat Ladislaus v. S z a b o, den Landeschef der Grenzpolizei, zu überzeugen, daß da ein himmelschreiendes Unrecht gut gemacht werden muß. Und Mandl Leib ist glücklich. Mandel Leib gehört wieder seinem Weibe und seinen Kindern an. Nun soll mit Zuhilfenahme der Tages- und der jüdischen Presse, hochstehender, gerechter Leute von Herz und edlem Sinne eine Bewegung eingeleitet werden, die zur Sanierung dieser Schmach und Schande des im liberalen Rufe stehenden Ungarns führen soll. Auch die^österreichische Regierung soll darauf aufmerksam gemacht werden, daß da österreichische Untertanen ganz unschul-