Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Dis- Wahrheit Nr. 10. ZuaiM. Am 4. d. M. hielt Rabbiner Dr. I. K a h a n im jüdischen Turnverein einen Vorrrag über die Bedeutung der Juden für die menschliche Ntttnr. Es haben sich zu demselben der ganze Turnrat mit dem Obmann Robert Weiner, Ober-Bezirk-arzt Dr. Wolfen st e i n, Dr. R o s e n s e l d, Dr. H e s k i, Prof. Dr. Spitzer, Direktor P r tf, Alexander Weiß, viele andere Herren und Damen, sowie eine große Anzahl Studenten eingesunden. Der Vortrag erregte großes Interesse .und fand der Vortragende stürmischen Beifall. Dr. Kahan eröffnete eine Diskussion, an welcher sich verschiedene Redner beteiligten. Groß-Meseritsch. Am 20. Feber verschied hier Herr Jakob G. M Ä l l e.r, Präses der hies. israel. Knltnsgeuieinde, Mitglied des Sradtverordneten-Kollegiums und des k. k. BezirksichnlrateS, Obmannsteüvertreter des Orrschulrates, Delegierter des mähr. jüd. Landesmassasondes rc. Die allgemeine Sympathie, Hochachtung und Wertschätzung,' der sich der selig Entschlafene nicht nur hierorts, sondern auch in weitesten Kreisen ersrenre, manifestierte sich in der ungemein zahlreichen Beteiligung bei dem am 22. Februar startgefundeneu Lerchenbegängnisie. Es hatten sich im Trauerhause eiiigesundeu: Eine Abordnung der k. k. Bezirkshauptmanuschaft mit dem k. k. Amlsleiter Herrn Dr. M a k o v i c, die Stadtbehörde und der Geuieiudelat unter Führung des Bürgermeisters kaif. Rat C z e r m a k, die Herren des k. k. Steueramtes mir dem k. k. Amtsvorstaud Haas, der Orrfchulrar mit dem Obmann Emil K a l l a b. die Direktoren der Landesoberreal--, Bürger-, Ackerbau- und Volksschule die Repräsentanz der Kultusgemeinde Trebitsch mit Präses T a u s i i g, in Vertretung der Kultusgemeinde Jglau k. k. Oberlaude-g uichtsrar Lieber nild Fabrikant F e l d m a n n und Holleschauer Gemeinderat L a in p l, Direktor Plachetka der gräsi. Harrach'schen Schlösser, Direktor F o j r i k der Baron Baraiha'schen Domänenverwaltung „ aus Budischan, das Gremium der Kaufmannschaft niit dem Präses Major; der Gewerbe- Verein und die Gastwirtegenosienschast mit Obmann P a v e l k a, in Vertretung der sreiw. Feuerwehr Hanplmaiin Plachetka rc. rc. Vollzählig erschienen waren von hier: Der Kultusvorstaud und die Gememdemitglieder, die Mitglieder der Chewra-Kadischa, die Gemeindeangestellren und die Schüler der deutschen Volksschule unter Führung des Oberlehrers H a b a n. Im Traucrhause stimmte zunächst unser Oberkantor Steiner in erhebender Weise den Sulzer'schen Joschew-Besesser an, der vom verstärkten Tempelchor und unter Mitwirkung des Oberkautor Fuchs aus Trebitsch feierlichst gesungen wurde. Nach einem kurzen deutschen Gebet, gesprochen von Herrn Rabbiner Dr. S t ö ß l e r ans Trebitsch, wurde der Sarg von Kultnsmitgliederu gehoben und in den schwarz drapierten Tempel getragen, woselbst Rabbiner Dr. Stöhlet dem teuren Verblichenen einen großartigen Nachruf hielt; sowohl dieser, alS auch da» vom Chor uutcr der Leitung des Oberkantors Steiner gesungene deutsche Trauerlied „Seele, was betrübst Du Dich" übte auf die Trauernden einen erschütternden Eindruck aus. In der Friedhofhalle hielt nach der Rezitation des Hazur Tomim Oberkantor (Steiner einen Nachruf namens des Vorstandes der Kultusgemeinde, Chewra- Kadischa. sowie sämtlicher Vereine und dankte dem t. Verblichenen für sein hiugebendes und verdienstvolles Wirken während seiner Tätigkeit als Präses der Gemeinde. Nach Absingen des Schiwissi wurde der Sarg von den.Söhnen des Verklärten zum Grab getragen, er wurde hinabgesenkr und bald siel unter allseitiger Trauer, unter Tränen und Schluchzen, die erste Erde auf den Sarg, der den Stolz seiner Familie, aber auch den Stolz seiner Heimarsgemeiude in sich schließt und für beide einen nie ersetzlicheu Verlust bedeutet. Ehre dem Andenken! Friede seiner Asche! Erwähnt sei, daß Herr Jakob Müller sei. And. gelegentlich der vor 2 Jahren in Groß-Meseritsch stattgefundenen Kaisermanöver beim Empfange Sr. Majestät des Kaiser Franz Joses I. von Höchstdemselbeu durch ein Ansprache ausgezeichnet wurde. — Am 25. Februar wurde hier Frau Charlotte Blum, Witwe nach Herrn Joachim B l u m, sei. Aird., der durch viele Jahre Kultusvorstandsmitglied unserer Gemeinde war. unter reger Beteiligung zu Grabe getragen. Oberkautor Steiner hielt der Verblichenen den wohl verdienten Nachruf, der auf alle Anwesenden erschütternd wirkte. Friede ihrer Asche! Preßburg. Alljährlich bildet der sich an künstlerischen Erfolgen immer steigernde Konzertabend des Kantoreuverbandes „Schir Chadasch" unter der befeuernden fachtüchtigen Leitung des Kantors I. K i e w s k y ein Ereignis der Saison. Auch in diesem Jahre reiht sich der Abend am 25. v. M. im Hotel „König von Ungarn" glänzend seinen Vorgängern an und der Veranstalter und Leiter I. Kiewsky bewies mir den künstlerischen Darbiemngen seines Chores, was Tüchtigkeit, Begeisterung und volles Einsetzeu in die Sache vermögen. Der vorzügliche, gottbegnadete Konzertsänger Ton Reuardo (Oberkantor Fuchs ans Wien), Herr Arthur Wolf (Opernnnd Konzertsänger aus Wien) begeisterten das .Publikum durch ihre schöne sympathische Stimme. Der Deklamationsvortrag des Herrn Prof. H. S e b e st y 6 n hat auch sehr viel zum Gelingen des Abends beigetragen. Auch müsieu wir den humoristischen Vortrag des Herrn Fritz W i e s e n t h a l aus Wien besonders hervorheben. Die humoristischen Vorträge des Herrn Dr. B. W u n sch aus Wien gaben dem Abend das volle Gepräge. Ein besonderer Dank und Anerkennung gebührt den Herreu D. W e i u b e r g e r. und. Dr. Otto L i l e s aus Wien für ihre tüchtige und allseits mit großem Beifall gezollte Klavierbegleitung, so auch dem talentvollen 12jährigen Knaben. Robert Schwarz (Sohn des bekannten Drogeristen Alfred Schwarz). Den Schlußeffekt dieses sehr gelungenen Abends bildete der Chorgesang „Adaun Aulam", welcher durch den Sologesang des Herrn Oberkantors Fuchs mit voller Begeisterung ausgenommen wurde. Alle Mitwirkenden, besonders der sich so überaus verdient gemachte Pfadfinder der nunmehr unentbehrlich gewordenen, schönen Abende, Herr Kantor Kiewsky, wurden mit Beifall belohnt und geradezu gefeiert. Waööiner und MorsteHer. Von Babette.Fried, Prag. In einer kleinen Gemeinde Böhmens lebte der Rabbiner" mit dem Vorsteher in ewigem Zank und Streite, und zwar war es kein Streit um materielle Güter, denn diese waren bei den Streitenden höchst ungleich verteilt, da der Rabbiner von solchen blutwenig besaß, während dem Vorsteher mehr als genug beschieden waren. Dankte er ja auch nur diesem Umstande seine Wahl znm Führer der Gemeinde, da er doch sonst keinerlei hervorragenden Eigenschaften besaß. Der Streit zwischen ihm und dem Rabbiner bewegte sich immer aus religiösem Gebiete.. Dem Roschhakohel war auf Erden gar nichts heilig. Die ernstesten Dinge begoß er mit der scharfen Lange seines Spottes, und da suchte er zu diesem Zwecke das bischen jüdische Wissen hervor, das unter der Asche der Gleichgiltigkeib nnd des Jndiffereittisnitls etwa glimmen mochte, nni es mühsam zu entfachen und daran seinen schalen Witz aufzuwärmen. Der Rabbiner hingegen war ein glaubenseisriger Mann, voll feuriger Ideale, dem das Judentum nnd seine Gebote bis zur kleinsten, scheinbar unbedeutendsten Zeremonie über alles galt, für dessen Ehre er bereit gewesen wäre, sein Leben ans dem Scheiterhaufen zu lassen. Und dennoch, trotz des Ernstes, mit welchem er religiöse Fragen zn behandeln pflegte, fand er doch immer eine witzige Antwort ans die sophistischen Fragen, mit denen ihn der sich superklug dünkende Vorsteher belästigte undin Verlegenheit zu bringen suchte. Wußte er doch, daß ihn sein in diesem Falle übel angebrachter Eifer in den Augen des leichtfertigen -Spötters nur lächerlich machen würde, während eine witzige Abweisung den Spott eindämmte, und ihm jedenfalls die Spitze abbrach. Es war an einem Schabbos hagodal, dem letzten Sabbate vor dem Pesachfeste. Der Rabbiner hatte die für-diesen Tag obligate Predigt gehalten, worin er die Pflichten, die das Fest anferlegt, herzählte, und zum gewissenhaften Einhalten derselben ermahnte. Zum Texte nahm er, wie alljährlich, eine Stelle aus der Hagada. Nachmittags besuchte ihn der Vorsteher, um mit ihm über manche Veranstaltungen in der Gemeinde, die anläßlich des herannahenden Festes üblich waren, Rücksprache zu nehmen. Als dies erledigt war, entspann sich folgendesGesprächr „Ihre heutige Predigt war wirklich schön, ausgezeichnet. Die darin an die Gememdemitglieder ergangene Aufforderung, im Falle nötiger Aufklärung über die Vorbereitung zum Feste,., sich direkt mit einer Frage an Sie zn wenden, ungemein löblich.. Ich benütze daher die ergangene Aufforderung, um an Sie eine Frage zu stellen. In den beim Seder vorgetragenen Dajenus ist so vieles auffallend. Daß wir uns mit dem Genüsse des Mannas zufrieden stellen und aus das Gebot des Sabbates verzichten, ist im Grunde recht logisch. Wem liegt hier zu Lande gegenwärtig an dem Sabbat, wem ist er nicht eine Last?^ Aber wie verstehen Sie das Weitere: Wenn uns Gott zum Berge Sinai geführt hätte, ohne uns daselbst die Thora zu geben, hätte es uns auch genügt? Wozu hätten denn unsere Vorfahren nnd mit ihnen unsere Seelen an dem Berge gestanden,, als um dort die Thora in Empfang zu nehmen? Was hätten sie dort getan, wenn dies unterblieben wäre?" Der Rabbiner besann sich nicht lange und antworteter. „Da die Thora der Inbegriff alles Wissens ist, wie der weise König sagt: Der Anfang aller Weisbeit ist Gottesfurcht, und nur das Wissen den Menschen über das Tier erhebt, so wären die Kinder Israel ohne Empfang der Thora dortgestanden — wie der Volksmnnd sagt — w i e die Ochsen am Berge." „Herr.Rabbiner," begann er nach einer Pause, „ich würdeso-gerne zuhören wie sie den Seder geben." „Nicht ist einfacher als dies. Kommen Sie znm Seder zu mir. Sie werden unser lieber Gast sein. Doch dürfen Sie sich keine allzuhohen Begriffe von Meiner Sangeskiinst oder rhetorischen Tätigkeit machen. Ich kann nicht einmal arboo bonim answeisen. .Von meinen beiden Buben ist. einer ein solcher Chochom, daß er nicht mehr frägt, als was in der Mannischtaue vorgeschriebeii ist,, eingedenk des Satzes, daß ein Tor mehr fragr als zehn Weise.beantworten können, und' der andere ein Scheenojodea . lischol, der noch nicht sprechen, folglich nicht fragen kann/"