Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Srite 4. Die Wahrheil. Nr. 10. Aus der Woche. Gleich einer alten Kurtisane, die mit abgebrauchten Schönheitsmitteln gern den Glanz ihrer Jugend auf ihr abgelebtes Gesicht zaubern möchte, aber dadurch noch abstoßender wirkt, greisen die Christlichsozialen wieder zu jenen Mitteln, mit denen sie zur Zeit ihres Ausstieges das leichtgläubige Volk von Wien betörten und hoffen aus diese Weise sür die bevorstehenden Gemeiuderatswahlen ihr in dem intelligenten Teil der Wiener Bevölkerung vollkommen diskreditiertes Ansehen ein wenig zu heben. Unter dem alten Schlachtruf „Nieder mit beu Juden!" dringen sie gewaltsam in die Versammlungen der Freiheitlichen und glauben durch Rohheit und Gewalt die Kraft der Argumente ersetzen. Aber der von ihnen lange mit Erfolg geübte Trick, die Schuld des wirtschaftlichen Niederganges ans.die Inden zu wälzen, hat durch die skandalöse Mißwirtschaft der Christlichsozialen seine Wirkung völlig verloren und das znm Bewußtsein gelangte Wien kann nicht mehr darüber getäuscht werden, wo seine Freunde und wo seine Feinde zu finden sind. £ * Auf Anregung des Präsidenten der jüdischen Knltusgemeinde in Szabadka, Dr. Adolf Klein, fand am 20. d. M. in Budapest eine Landeskonferenz der jüdischen Knltnsgemeinden statt, all der über 600 Delegierte der Knltnsgemeinden des Landes reilnahmen. Die Konferenz hatte den Zweck, die Frage, zu erörterll, auf welche Weise eine einheitliche Autonomie der m drei Lager gespaltenen jüdischen Kitltnsgemeinden (orthodoxe, neologe und Statnsquo-Gemeindeil) erzielt werden könnte. Es wurde eine Resolution angenommen, derzufolge noch im Laufe dieses Jahres ein Lalldeskongreß der jüdischen Gemeinden aller Richtungen einbernfen rverden soll, der die Aufgabe haben wird, den Frieden zwischen den verschiedenen jüdischen Parteien im ungarischen Judentum wieder herzustellen, damit der jüdischen Glaubensgemeinschaft die ihr im Sinne der Gesetze gebührende Autonomie auf einheitlicher Basis gesichert werden könne. — Die Einheilsbestrebungen, deren Wortführerin die Landeskonferenz war, werden übrigens von der Laudesvertretung der orthodoxen Knltnsgemeinden (orth. Landeskanzlei) entschieden bekämpft. Diese strebt eine separate Autonomie der orthodoxen Gemeinden au uitd will von einer organisatorischen Gemeinschaft irgendwelcher Art--mit den fortschrittlich (liberal) gesinnten Gemeinden nichts wissen. Bisher hat es die ungarische Regierung vermieden, in dieser Streitfrage Stellung zu nehmen. Von ihr allein hängt es aber ab. ob die ungarische Judeuheit nach dem Muster der christlichen Konfessionen eine autonome Verfassung überhaupt — auf einheitlicher oder dualistischer Grundlage — erhalten wird. Große Neigung, den Juden dieses Zugeständnis zu. machen, scheint bei der Regierung nicht vorhanden zu sein, vielmehr bietet ihr die Haltung der orthodoxen Landesvertretung offenbar den erwünschten Vorwand, den Juden das ihnen gesetzlich zustehende Recht zu versagen. Der Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe, der den deutschen Bundesregierungen bereits zur Begutachtung zugegangen ist und drmllächst den Reichstag beschäftigen wird, enthält die Bestimmung. wonach in Betrieben des Handelsgewerbes, die am Sabbat und an jüdischen Feiertagen gänzlich ruhen, Angestellte jüdischen Glaubens an Sonn- und Festtagen bis zur Dauer voil füuf Stunden beschäftigt werden dürfen, vorausgesetzt,'daß die Geichäftsränme für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben. * Das Arbeitsamt für jüdische Akademiker in Berlin wird demnächst an sämtliche jüdische Gemeinden der Ostprovinzen einen Fragebogen versenden, um durch das so erhaltene Material der stärkeren Ansiedlung jüdischer Akademiker in den Provinzen des Ostens die Wege zu bahnen. In der begleitenden Zuschrift heißt es: ,^Ein großer Mangel unserer Zeit liegt darin, daß nufere Glaubensgenossen die kleinen Städte in großer Anzahl verlassen und den großen Städten Zuströmen. Ehemals blühende Gemeinden sind znm Teil sehr klein geworden, zum Teil vollständig ausgestörben. Mögen auch die Gründe, welche die Juden veranlassen, die größeren Städte anfzusnchen., mit Rücksicht auf beit auf dem Lande herrschenden größeren Antisemitismus verständlich sein, so ist dennoch der starke Zuzug nach der Großstadt zu bedauern. Die Juden der, kleinen Städte stehen vielmehr im Mittelpunkte des gewerblichen, geistigen und gemeiudepolitischen Lebens als der großstädtische Jude. Es ist nicht zn bestreiten, daß durch den Zndrang der Akademiker nach den Großstädten sich allmählich ein Notstand herausgebildet hat, der eine baldige Beseitigung erforderlich macht. Wie viele Akademiker, bereu Ausbildung mit großen Kosten verbunden war, bleiben in den Großstädten ohne lohnende Beschäftigung, während in den kleinen Städten ihrer reiche Arbeitet wartet! Es ist bekannt, wie beliebt besonders unter dem Landvolk der jüdische Rechtsanwalt und der jüdische Arzt ist. Voll Vertrauen wendet sich das Landvolk in seinen Nöten an sie. Es ist deshalb durchaus notwendig darauf hinzuwirken, daß der jüdische Akademiker mehr wie bisher die Kleinstadt, insbesondere die Kleinstadt des Ostens als Ort seiner Niederlassung wählt. Dem Akademiker blüht in der Kleinstadt nicht nur Aussicht auf eine gute Praxis, er kann auch der geistige Mittelpunkt der kleinstädtischen jüdischen Gemeinde werden. Der heutige jüdische Akademiker, den während seiner Studienzeit die großen, die jüdische Welt bewegenden Fragen viel mehr beschäftigt haben, als es bei den früheren jüdischen Akademikern der Fall gewesen ist, bringt jüdischen Interessen ein großes Maß von Verständnis entgegen. Nach dieser Auffassung der Entwicklungsmöglichkeiten erachtet das Arbeitsamt für jüdische Akademiker es für eine seiner wichtigsten Aufgaben, durch Sammlung reichen statistischen Materials den überzeugenden Nachweis vieler bisher nnausgenützter Chancen für jüdische Akademiker zu erbringen und damit zugleich eine größere Auswahl paffender Ni'ederlassungsplatz'e an die Hand zn bekommen." Es handelt sich also hierbei um ein förderuswertes Unternehmen nicht nur für die jüdischen Akademiker, sondern im allgemeinen jüdischen Interesse, besonders der östlichen Kleinstadtgemeinden. Daher ist es wichtig, daß von den berufenen Stellen eine möglichst genaue und ausführliche Beantwortung der gestellten Fragen erfolgt, um ein klares Bild der Sachlage zu erhalten. : > -r- % Wie dem Warschauer „Haint" aus sicherer Berliner Quelle berichtet wird, hat der Hilfsverein der Deutschen Inden beschlössen, in den nächsten Wochen eine jüdische Emigrationskonferenz nach Berlin einzuberufen. Nach-dieser Meldung soll das Präsidium des Hilfsvereins die gegenwärtige Lage der jüdischen Emigration sehrkritisch finden und es für notwendig halten, Ordnung in diese Frage zu bringen. Zu der Konferenz, für welche die Einladungen bereits ausgesandt worden seien, werden sämtliche jüdische Organisationen, welche sich mit Emigrationsfragen beschäftigen, Delegierte entsenden. An dieser Berliner Beratung werden auch die Vertreter der Jca und der Alliance Jsräelite Universelle teilnehmen. Die^ Tagesordnung ■ tief Konferenz soll schon in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Die Schirl ergruppierungen für de» israel. Relitzionsrmterricht. Wie ans den Berichten über die Sitzung^ des n.-ö. Landtages-vom 1. Mäpz d. I. zn entnehmen war. wurde von dieser Körperschaft eine für, die Erteilung des israelitischen Religionsunterrichtes wichtige Entscheidung getroffen. Es handelt sich um Folgendes: . : , Bis znm Anslebentreten des Landesgesetzes vom 25., Dezember 1904,- des sogenannten iReßmann'schen Schulgesetzes, war vom Unterrichtsministeriunl als Norm festgesetzt, und auch durch Entscheidungen des iVerwaltungsgerichtshofes Ausgesprochen, daß die. Gruppierung der Schüler für den Religionsunterricht -nicht' ungünstiger gestaltet sein dürfe, als ,es beim Unterricht in den anderen Lehrgegenständen der Fall ist. Das zitierte neueLandesgesetz/vöm Jahre 1904 brachte nun im § 12' die Bestlinmung,