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Die Wahrheit · 1912-03-08 · Heft 10 (8.3.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Anläßlich der Jnniwahlen im Jahre 1911 für den österr. Reichsrat galt im freisinnigen Wien die Losung „Nieder mit den Christlichsozialen" und auch die jüdischen Wähler glaubten dieser Losung unter allen Umständen Folge leisten zu müssen. So verhalfen sie auch dort, wo sie die Entscheidung in der Hand hatten, deutsch-nationalen Wahlwerbern, trotzdem deren Rassenantisemitismus bekannt war, zu Abgeordnetenmandaten wider die Christlichsozialen. Auf diese Weise kamen die Wiener Führer der Rassenantisemiten, Dr. W a b e r und Dr. Pollauf von Währing, in den österr. Reichsrai, trotzdem ich damals schon die Wahl dieser Männer öffentlich bekämpfte, wozu mir auch die „Wahrheit" ihre Blattspalten wacker zilr Verfügung stellte. In No. 9 der „Wahrheit" vom 1. März 1912 begann ich nun die gleiche Aktion gegen den Einzug der deutsch-nationalen Rassenantisemiten in das Wiener Rathaus. Meine Behauptungen bezüglich der jndenseindlichen Gesinnung dieser Männer und ihres hinterhältigen Benehmens gegenüber der jüdischen Wählerschaft Währings wurde bisher nicht dementiert, wohl aber durch denZ ns a m m e n t r i t t mit V e r g a n i n n d anderen A n t i s e m i t e n behufs Bildung des Z w ö l f e r k o m i t e e s bestätigt. ' Im „Deutschen Volksblatte" vom 3. März 1912 wird hervorgehoben, daß die von diesem Zwölserkomiree gebildeten deutsch-nationalen „Deutsch-wirtschaftlichen Wählervereine" nicht mit den „judenliberalen" gleichen Namens zu verwechseln seien. In No. 9 der „Wahrheit" wies ich darauf hin, daß der I n d e n b o y k o t t in den deutsch-nationalen Wählervereinen eben diesen Unterschied ausmache. Die jüdischen Wähler Wiens haben deshalb ebenso wenig Anlaß, den im Reichsrate mächtig und darum übermütig gewordenen deutsch-nationalen Rassenautisemilen die Steigbügel zu ihrem geplanten Einzüge ins Wiener Rathaus zu halten, wie etwa den Christlichsozialen. Gelingt den Deutschnationalen die Eroberung Wiens, dann findet „die Schonzeit sür die Juden" ihr Ende, denn sie sind dann in der Lage, im Bunde mit den Christlichsozialen die ohnehin wenig widerstrebende Regierung zur Duldung des Judenboykottes zu zwingen. .. Für die jüdischen Wähler Wiens ist es gegenwärtig unumgänglich nötig, einig und z i e l b e w n ß t die Wahl einer großen Zahl deutschnationaler Gemeinderäte möglichst zu verhindern und die Losung dieser Wählerschichte muß lauten: „Gegen d e u t s ch n a l i o n a l e R a s s e n a n t i s e m i t e n und C h r i st l i ch s o z i a l e." Anläßlich einer eventuellen Stichwahl zwischen genannten Nuancen von Judenfeinden haben jüdische Wähler gar keinen Anlaß mehr mitzulun. Die deutsch-nationale Partei in Oesterreich ist vermöge ihrer rassenantisemitischen Tendenzen weder d e m o k r a t i sch, weder antiklerikal noch Volks freundlich. Aus dieser Partei sind die Kultus- und Unterrichtsminister hervvrgegangen, welche die Verklerikalisierung der öffentlichen Schulen in Oesterreich derart durchführteu, daß gegenwärtig ein Knltusnnd Unterrichtsminister möglich geworden ist, der seinerzeit die Aufhebung des Konkordates durch die Krone nicht anerkannte. Das deutsch-nationale Mitglied des Herrenhauses, Dr. G r a bm a y e r, erklärte offen, man müsse in Oesterreich jedem Kulturkämpfe aus dem Wege gehen und der alte Führer der Deutschnationalen, Dr. S t e i n w e n d e r, führt unter dem jubelnden Beifalle der Christlichsozialen die Schulverschlechternng in Kärnten vollständiger durch, als es bisher die Christlichsozialen versucht hatten. Der deutsch-österreichische Lehrerbnnd wird vom mächtigen deutsch-nationalen Verbände im Abgeordnetenhause durch Verschleppung seiner rechtlichen und wirtschaftlichen Forderungen hinters Licht geführt und die Staatsangestellteu werden von deutschnationalen Abgeordneten im Staatsangestelltenansschnsse betreffs ihrer staatsbürgerlichen Rechte verraten (Antrag Dinghofer und Abstimmung Dr. Wabers), so daß die Regierung Mut fassen kann und bereits erklärt hat, die beamtensrenndlicheren Beschlüsse dieses Ausschusses (Antrag G l ö ck l) im Falle der Annahme durch das Abgeordnetenhaus der kaiserlichen Sanktion nicht vorlegen zu wollen. Dies alles geschieht im Einverständnisse und mit Unterstützung der Christlichsozialen, und auch bezüglich des Doppelspieles gegenüber ihren städtischen und ländlichen, industriellen und agrarischen Wählern gleicht-die dentsch-nationale Partei den Christlichsozialen wie ein Ei dem andern. Diese Partei dürfte deshalb auch unter der arischen Beamten- und. Lehrerschaft, sowie allen aufrichtigen Freiheitssreuuden gewaltig an Gefolgschaft eingebüßt haben und die Deutschsreiheitlichen fänden bei einiger Energie ein geeignetes Feld, den psendofreiheitlichen Deutschnationalen die Erbschaft der zusammenbrechenden Christlichsozialen streitig zu machen. J

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