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Die Wahrheit · 1912-03-01 · Heft 9 (1.3.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheil Seite 7. Nr. 9die für die Demolierung bestimmt ftitb, der isralitische Te mp el, der noch nicht einmal hundert, Jahre alt, bereitsein Weghindernis geworden sein soll, nunmehr in seiner Existenz bedroht! * Ein „alter Wiener" erinnerte vor kurzem in der „Neuen Freien Presse" alle diejenigen, denen der architektonische Wert unseres Tempels unbekannt war, daß er das beste Werk des Meisters Ko rn Häusel, des Erbauers der Weilbnrg in Baden bei Wien und vieler anderer Kunstwerke ist. Von der Liebe und .Sorgfalt, mit welcher mein Vater vor wenigen Jahren die Restaurierung streng im Stile und genau nach den allen Plänen vorgenommen, nicht erst zu reden. — Dieses „Juwel der Em- -pirebanknnst" soll nun geopfert werden.*) Vor zirka vier Jahren wurde im Wiener KnltuSvvrstande das Projekt einer Gruudtransaktion eingebracht, bei welcher die Demolierung des alten Tempels vorgesehen war. Kaum hatte der Antragsteller geendet, so erhob sich mein Vater znr Abwehr. Die ungeheure Erregung, welche meinen Vater beim bloßen Erzählen der damaligen Vorgänge ergriff, bleibt mir unvergeßlich. Die Worte, die in jener denkwürdigen Sitzung sielen, waren von solcher Wucht und leidenschaftlichen Jmpetnositüt — mein Vater erhob gerechte Zweifel an dem jüdischen Fühlen derjenigen, die auch nur den Gedanken einer Tempeldemolierung fassen konnten —, daß ich mich scheue, dieselben ungemildert wiederzngeben. Ihre Wirkung war eine vollkommene: tief beschämt zog der Antragsteller das Projekt zurück, und so lange mein Vater dem Kultusvorstande angehörte, wagte niemand, ein derartiges Sakrileginm zu begehen. Die heutige Situation mag wohl eine schwierige, die Verlockung. endlich au den Tempelban schreiten zu können, eine große sein, allein die Gefühle der Gemeiudemitglieder. die. wie ich, den größeren Teil ihres Lebens hinter sich haben und ihre ganzen religiösen Gefühle, insbesonders aber ihre Jugeuderinnernng mit der Andacht dieses Gotteshauses verknüpfen, sie sträuben sich gegen den „Vandalismus", der vielleicht einer kommenden Generation dienen soll, die heute Lebenden aber schwer verletzen würde. Da drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf: Fühlt denn niemand, daß in der Atmosphäre dieses Gotteshauses noch die Worte eines Mannheimer und Jellinek, die Töne eines Sulzer fortklingen. Sieht niemand die Schatten der großen, gläubigen Juden, die in diesem heiligen Raume bei der Verherrlichung des Gotteswortes mitgewirkt? Handanlegen au unseren weihevollen Tempel deucht mich ein Verbrechen — gleich einem Valermord. Ist man aber nicht in der Lage, auf die pekuniären Vorteile der Transaktion, wie es bei der vorliegenden zu sein scheint, zn verzichten, dann heißt es eben resigniert ein anderes Projekt hervorznholen; je früher — je besser! Was aber die Frage der Stadtregulierung in dem Häuserblock betrifft, in welchem auch der Tempel steht, so hat das Gotteshaus wohl das Recht zu beanspruchen, daß sich jene nach seiner topographischen Lage richte: die Baulinie, nicht aber der Tempel hat zu weichen. Wohl müssen die häßlichen Fenermauern, die sich fast drohend gegen die Verlängerung des Fleischmarktes erheben, so bald als möglich verschwinden, wohl mag die Regulierung der umrahmenden Straßen unumgänglich nötig sein, allein die Notwendigkeit her Demolierung unseres Tempels ans diesem Titel erscheint mir unglaubwürdig. Oder trägt mau maßgebenden Ortes vielleicht Bedenken, daß ein geringerer oder größerer Teil des Tempels freigelegt und sodann mit einer öffentlich sichtbaren Fassade versehen werden könnte? *) Die erwähnte Ruprechtskirche, ein Wahrzeichen unserer Stadt, vermag in künstlerischer Hinsicht dem alten Tempel nicht Stand zu halten; allein der Pfarrer von St. Ruprecht, besorgt um das Schicksal des ihm anvertrauten Gotteshauses, unternahm alles; was zur Erhaltung und Verschönerung desselben nötig war; insbesondere gelang es dem hochwürdigen Herrn, die Aufmerksamkeit eines fein - kunstsinnigen Prinzen auf den traurigen Zustand, in welchem sich die Kirche samt ihrer Umgebung 'befand, zu lenken; und wenn ich nicht irre, so hatte er Erfolg. Ich erwähne diesen Umstand aus rein doktrinären Gründen; in den meisten Punkten wsrh rpohl die Analogie nicht stimmen? Die Kttltnsstätten der Inden in Oesterreich fiiib zürn kleinen Teile ehrwürdigen Alters; noch weniger Tempelbanten entstammen aber vormärzlicher Zeir des neunzehnten Jahrhunderts. Anstatt nun alles anfznbrelen, um das Vorhandene zu konservieren, statt Mittel und Wege zn suchen, durch Ergänzung zn vollenden nnd zu verschönern, was die Vorschriften des Ghettos eingeengt und verunstaltet hatten, will man nun das einzige Baudenkmal, auf das die Wiener Judenschaft einmal, wie ans ein Wahrzeichen ihrer alten Seßhaftigkeit Hinweisen könnte, - ärger als der schlimmste Feind — dem Boden gleich machen. Vor vielen Jahren lief einem kleinen Kirchlein auf der Landstraße in Wien die neue Banlinie in die Quere, so daß es über kurz oder lang Hütte verschwinden müssen. In ihrer Not wandten sich die Ordensschwestern an meinen Vater und dieser hatte als Mensch wie als Künstler Mitleid mit dem unglücklichen. bedrohten Gotteshanse, und nahm sich seiner im Gemeinderate mit Erfolg au; so blieb das Kirchlein erhalten.. . Sollte unser ehrwürdiges Gotteshaus in der Seitenstettengasse gar keinen Fürsprecher finden, der es vor Untergang bewahrt? Sollte sich in der Kunststadt Wien, in welcher gerade in der jüngsten Zeit so viel Eifer zugunsten der Erhaltung künstlerisch und historisch wertvoller Baudenkmäler bekundet wird, kein energischer allgemeiner Protest gegen die Demolierung des alten Tempels erheben? Talmndijche Ethik des Alphabets. Bon Dr. D. Leimdörfer, Rabbiner und Prediger in Hamburg. Im Tatmudtraktat Sabbat Seite 104 a sprechen die Rahbinen von jüngeren Besuchern des Lehrhauses, die das Alphabet so geistreich anszulegen verstehen, daß ihre Exegese seit den Tagen Josnas des Sohnes Runs, d. h. seit Beginn der Forschung über die schriftl. Lehre ihresgleichen sucht. Der Jernsalemische Talmud, Traktat Megitla und der Midrasch Babba zu Genesis rechnet zit diesen Jüngern der Wissenschaft die berühmten Schüler Ben Saccais nach der 2. Tempelzerstörnng: Rabbi Elieser ben Hyrkanos und Rabbi Josua den Chanauja, Meister der Auslegung der Schrift zur Zeit der heidnischen Römerherrschaft, als Eifersüchteleien der Samaritaner Kaiser Hadrian bestimmt hatten, sein gegebenes Wort, den Tempel wieder anfbanen, znrückznnehmen nnd sein grausames Edikt znr Verbreitung des Ideales und seiner Lehre zn erlassen. Wie dem edlen Meister R. Jochanan b. Sakkai die Schule mehr galt, als der palestinische Staat, so galt der geistige Ausbau der Gotteslehre seinen Jüngerit als wirksamstes Mittel znr Erhaltung des Jndenlums. Sie forschten nicht nur über die Gesetze der Bibel, sondern auch über jedes Wort, ja selbst jeden Buchstaben der göttlichen Urkunde, nnd so kam es. daß man auch dem kleinsten der heiligen Sprache Beachtung nnd Würdigung in höherem Maße znwaudte. Ans der Benennung der Buchstaben des Alphabets der Hebräer, die heute jedem Kinde geläufig und die die Grundlage der Bezeichnung des griechischen Alphabets bilden, ferner aus der Form der Onadralschrist. sowie aus der Folge nnd Ordnung, schloffen diese Jünger der Wissenschaft ans das Vorhandensein eines tieferen Sinnes im Buchstabenkörper der heiligen Schrift. Wer sich diese Exegese nur oberflächlich ansiehr, wird nicht umhin können sie als eine Spielerei zu bezeichnen, als eine müßige Spekulation, als ein willkürliches Hineindenteln, als ein phantastisches, an den Haaren herbeigezogenes Rebus geistreichelnder Weisenschüler. Wer aber tiefer schaut nnd der Sache auf den Grund geht, wird auch hierin ein ethisches Bestreben, den Drang, die Lehren von Gott und reinem Menschentum, von Sittlichkeit, Güte und Jugend, selbst in die Grundbestandteile der Sprache gelegt, und demgemäß der Pädagogik eiuverleibt zn wissen, erkennen. Ja, noch mehr; ich vermute eine Tabelle humanistischer Erziehnngsregeln. eine methodisch angelegte Systematik für Ideen eines ethischen Unterrichtes in diesem Phantasiespiel zu finden. Lassen wir nur vorerst den Talmnd zn Wort kommen. Ans Alpha-Befca ,2 .8 rva -^rr wird hier Alef-Bina d. h. „l er ne Be r n uns t". ans Grimmel-Daliet ,i ,2 r\h^ ba-i lesen sie heraus: bsnaol-DalLin qbi bpi

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