Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 9. das im heurigen Jahre veranstaltete Ehannkafest beredtes Zeugnis ablegre. Die Schülerzahl und die Neuanmeldungen sind so groß, daß sogar die weitere Aufnahme sistiert werden mußte, welchem Uebelstande jedoch in dem neuen Tempel ditrch Errichtung, dreiergroßer Lehrsäle abgeholfen werden wird. Mit Freude begrüßen wir daher den Ansgang aus diesen engen Räumen und mit Sehnsucht harren wir der Vollendung unseres großen Vereinsrempels. Schließlich dankte er dem Vereinsrabbiner und dem Schriftführer für die Mühewaltung nnd Beaufsichtigung der Lehrknrie. Nachdem Herr Adolf Glaser dem überaus rührigen und nimmermüden Vereinspräsidenten für seine besonders im heurigen Jahre, anläßlich des Tempelbaues, erfolgreiche Tätigkeit den Dank ansgesprochen und die ganze Versammlung zum Zeichen der allgemeinen Wertschätzung sich von den Sitzen erhoben hatte, rühmt auch Herr Josef Autscherl als .Volksschnlnnd Religionslehrer der Kultnsgemeinde die besonderen Leistungen der Bibelschule und hebt den Wunsch hervor, daß auch im Elternhause unserer Religion sorgsame Pflege geboten werden möge, damit nicht die Schule erst die Religionsgedanken zu wecken genötigt werde. Hierauf erwähnte er rühmend den feierlichen Gottesdienst im Vereiustempel und erbittet eine kurze Skizziernng der neuen Tempelanlage. Herr Architekt Ignaz Reiser kam diesem Wunsche nach und entwarf eine Skizze über die Gesamtanlagen des Tempels, wobei er das feierliche Versprechen gab, als langjähriges Vorstandsmitglied sein ganzes Augenmerk auf die exakte Durchführung des Baues und auf die architektonische Ausschmückungdesselben zu richten. Herr Knltusvorsteher Dr. Anselm Holpern dankt für die ihm seitens des Präsidenten zuteil gewordene liebenswürdige nnd herzliche Begrüßung nnd erklärt, daß es auch ihn jederzeit freue, in diesem ihm lieb gewordenen Kreise zu erscheinen. Steht ja an der Spitze des Vereines mein. Kollege im Knltusvorstande, der unentwegt alles anfgebolen hat, um die Mittel zum Baue des herrlichen Gotteshauses zu sichern und der auch den reichlichen Beitrag der Knltusgemeinde zu erzielen wußte. Wenn auch letztere einem gewissen Pflichtgefühle Rechnung trug, so muß bedacht werden, daß einer so großen Korporation oft nnd wiederholt die Pflichterfüllung beim besten Willen und Vorsatze schwer fällt. Nur der musterhaften Leitung dieses feit 35 Jahren bestehenden Gotteshauses nnd seinen Bestrebungen, an den hohen Feiertagen einem größeren Kreise von Glaubensbrüdern die Teilnahme an einem würdigen Gottesdienste möglich zu machen, sowie der Anglrederung einer stark besuchten nnd meistens von armen Kindern besuchten Talmud-Thora-Schnle, die bisnun ans den Kultusmitteln nicht subventioniert worden ist, trug die Kultusgemeinde Rechnung und hat durch die Gewährung eineransehnlichen Beisteuer zur Bansumme die Anerkennung der Vereinstätigkeit zum Ausdruck gebracht. Ich bin auch, so fuhr der Redner fort, von dem Kultnspräsidenten Herrn Dr. Alfred Stern und dem I. Vizepräsidenten Herrn Dr. Gustav Kohn ermächtigt worden, dies ihrer rühmenswerten Korporation bekanntzugeben, unter Abstattung des vollsten Dankes der Kultusgemeiude und des speziellen Dankes dieser beiden Herren für die in dem Jahresberichte enthaltenen Danksagungen. In meinem Berichte an die Kultusgemeinde werde ich mit Vergnügen ihre für Kultus und Religion an den Tag gelegte Begeisterung hervorheben, sowie ich dieser Pflicht auch im Vorjahre nachgekommen bin und soll es mir zur Ehre gereichen, wenn Sie mich zur Tempeleinweihung laden werden. Präsident Herr Adolf S ch r a m e k spricht seinem Kollegen im Vorstande für diese herzlichen Ausführungen den Dank ans, zumal er hiedurch wie allzeit die echt jüdische Seite der Kultusrepräsentanten hervorgekehrt hat, hervorhebend, daß dieser Dank der Kultnsgemeinde seinen bewährten Mitarbeitern und vorzüglich dem Schriftführer, Herrn Dr. Moritz K o h n, abzustatten ist. Nachdem noch Herr Michael G log au dem allgemeinen Wunsche, daß die nächste Generalversammlung schon im neuen Tempel abgehalten werden möge, Ausdruck gegeben und Herr Samson Lehnmann in sinniger und zutreffender Weise die Vorzüge der Talmud-Thora und den Wert des Tempelbesnches gerühmt hatte, ergriff Herr Vereinsrabbiuer I.-L.. Ab.eles das Wort. Er lobte das Zusammenwirken und das Zusammenschließen des Vorstandes, der gerade hiedurch diese glänzenden Erfolge zu erreichen in der Lage ist,, und hob rühmend die Opferwilligkeit nnd Opferfreudigkeit des Gesamtvorstandes und nnd der Mitglieder hervor. Mit kurzen Worten bewirbt sich sodann Herr Josef A n t s ch e r l, städt. Lehrer, um ein Mandat im verstärkten Vorstande und gibt die Versicherung, daß er bestrebt sein werde, diesen Ehrenposten in der Schulsektion voll und ganz atlsznfülleu. Bei der hierauf folgenden Wahl, die von den Skrutatoreu Herren Josef S e h e r. Josef Meininger, Josef F r i e dtauber und Moritz B i ß durchgefnhrt wird, werden die turnnsmäßig ausfcheidenden Herren Hermann. E h r e n f e l d, Heinrich Gaff n er, Salomon H o f f m a u n, Bernhard P i ck nnd Josef Werner wieder unb Herr kais. Rat Adolf Weng er für das verstorbene Vorstandsmitglied, Herrn Hermann Kaiser, neu gewählt. Der Schriftführer dankt namens des abwesenden kais. Rates W e n g e r für die Neuwahl, worauf die Generalversammlung nach zweistündiger Dauer geschlossen wird. Die konstituierende Sitzung wurde für Samstag, den 24. Februar 1912 angesetzt. Zur Frage des neue» Wiener Stadttempels. Fast lebhafter als der Kulttlsvorstand beschäftigt sich in letzter Zeit die öffentliche Diskussion in Tages- und Wochen-, blättern mit der Frage des projektierten neuen Tempelbanes in der inneren Stadt und unter anderen nimmt zu derselben auch der Sohu des verewigten Banrates Wilhelm Stiaßny, Herr Dr^ Sigmund Stiaßny, in. einem Artikel der Berliner „Allgemeinen Zeitung des Jndeittnms" Stellung. Da diese Frage die Wiener Jndenschaft viel mehr noch als die Berliner interessiert, mögen die Ausführungen des Herrn Dr. Stiaßny im Nachfolgendem wiedergegeben werden: Bereits vor mehreren Dezennien (nnd seither wiederholt) bemühte sich mein Vater, Banrat Wilhelm Stiaßny, als Vorstandsmitglied der Wiener israelitischen Kultnsgemeinde, Mittel und Raum für einen neuen großen, der Gemeindemitgliederzahl entsprechenden Tempel in der inneren Stadt zn beschaffen; leider vergeblich. Und so war es ihm nicht vergönnt, den Grundstein zn diesem Werke, das die Krone seiner architektonischen Schöpfungen werden sollte, zu legen. Am 11. Juli 1910 schloß Baurat Wilhelm Stiaßny feine Augen für immer. Mit ihm sank aber mancher herrliche Gedanke, manch großer Entwurf zum Tempelban ins Grab. Anlaß zur Tempelbanfrage eben jetzt das Wort zu ergreifen und die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Thema zn lenken, geben in der jüngsten Zeit in den Tagesblättern auftauchende Nachrichten, die den Eindruck eines „dallon d'essai“ machten, die Gefühle der Inden im besonderen unb zwar weit über die Grenzen der Stadt Wien hinaus auf das unangenehmste zu berühren. Das alte Wien hat gerade in den letzten Jahren bedeutende, wenn auch nicht immer die glücklichsten Veränderungen erfahren müssen. Insbesondere war es der älteste Teil der Stadt, der Ranm zwischen Rotentnrmstraße nnd Morzinplatz, dem gar arg mitgespielt wurde. Da hieß es immer: die >Dtadt müsse reguliert, die Verkehrsverhältnisse müssen gebessert, Licht und Luft müßten hereingelassen werden usw. Inmitten dieses, so bedeutenden Evolutionen unterworfenen Stadtteiles liegen zwei historisch wertvolle Gotteshäuser, beide die ältesten ihrer Religionsgenossenschaften in Wien: die Ruprechtskirche vielleicht schon ans dem achten Jahrhundert, stammend, wird restauriert, im Wege stehende Gebäude werden niedergelegt, um den Kirchenplatz zn regulieren; Neubauten in der Umgebung müssen mit ihrem Hanptgesimse auf dasjenige der Kirche Rücksicht nehmen; kurzum es geschieht alles, was vom Standpunkte des Künstlers als geboten erscheint. Wenige Schritte entfernt, an der gegenüberliegenden Front der Seitenslettengasse, befindet sich, rings von Häusern umgeben,