Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 9 Die Wahrheit Teile 5. vorhanden wären. Wie verschieden ist doch der Abrahamismus vom Sombartschen Humanismus"!" In Wahrheit aber sind die Germanen die Schöpfer des Kapitalismus. Denn wer nur einigermaßen Volkspsychologie treibt, weiß es, daß in den Urgeschichten der Völker das Streben, die Sehnsucht und die Prädestination der Volkspsyche sich offenbaren. So sehen wir z. B. bei den Griechen, daß sie in ihren Urerzählungen von Kämpfen wegen eines schönen Weibes berichten, weil die griechische Volkspsyche in der Schönheit der Frau ihre Sehnsucht zur Aesthetik befriedigt sah, und ihre letzten Ausläufer waren wirklich Kunst und Philosophie. In den alten Sagen der Römer wird von Bruderkämpfen rechtlicher Natur und organisierender Macht berichtet. Ihre Volkspsyche sehnte sich nach Recht und organisierter Macht und sie krystallisierte sich in dem organisierten Rechts- und Militärstaat. Wie verhält es sich nun mit den Germanen? In ihren Urgeschichten spielt der materielle Schatz eine Hauptrolle und ihre Nibelungen (Nibelung d. h. Sohn des Dunkels) sind eben nach dem Nibelungenhort benannt. Die Volkspsyche der Germanen sehnte . sich also nach Kapital und wirtschaftlichen Werten und daher hat sie den Kapitalismus, das Wissen und die Technik geschaffen. Mit Recht behauptet nun Lassalle, daß feit dem Mittelalter, also seit dem Eintritte der Germanen in die Geschichte, alle Kämpfe nur aus ökonomischen und wirtschaftlichen Motiven geführt wurden. Die Inden aber erzählen in ihrer Thora (Thora, d. h. Lehre, klar machen) von Kämpfen religiöser Natur. Kain erschlägt den Abel wegen eines von Gott angenommenen Opfers. Esan und Jakob streiten wegen des väterlichen Segens. Die Volkspsyche der Juden sehnte sich nach religiösen, ewigwahren Gütern und sie schuf durch die ihr inne wohnende Kraft des reinen Monothoeismns die größten Kultnrwerte. Somlrart-Skand nl e. Vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus erhalten wir folgende Zuschrift: „Wenn Lungenkraft allein imstande wäre, Großes zu vollbringen, so hätten sich Sonntag den 25. Februar 1912 im Beethovensaal und in der Strauchgasse die weittragendsten Ereignisse vorbereitet, welche je die Welt gesehen. Mindestens wäre die Zionsidee mit einem Schlage verwirklicht worden — so gewaltig war das Geschrei und das Brüllen der zurzeit recht minderjährigen Anhänger Werner Sombarts. Zweifelsohne erblicken viele in diesem allgeblichen Forscher den Begründer einer neuen Heils-Aera. Anders läßt sich der ganze Spektakel, der da inszeniert wurde, nicht deuten. Wenn man aber nach dem Zweck des riesigen Lärmes fragt, so vermögen weder die A r r a n g e n r e, noch ihre leider allzu bereitwilligen Werkzeuge einen solchen anzugeben. So wollen denn w i r ihn offen und frei heranssagen: Es handelte sich gar nicht darum, Werner Sombart zu verteidigen, sondern weit'm e h r darum, gewissen Einzelnen die ä b h a n d e n g e k o m m e n e oder a u ch nie v o r h a il d e n gewesene Popularität w i e d e r, b e z w. neu zu verschaffen. Dazu mnßteu die vielen H u ll d e r t e junger Leute ihre H a u t z u Markte tragen. Dazu mußte der schadenfrohen übrigen Bevölkerung das Schauspiel geboten werden, wie Inden über Inden herfallen, wie sie einander rücksichtslos bis anfs Messer 'bekämpfen. Wahrlich ein widerlicher Anblick. Wüßten wir nicht, daß auch diese Sticht, sich hervorzntnn, zum guten Teil auf Rechnung der ewigen Verfolgungen und Beschimpfungen durch die christlich-arische Bevölkerung zu setzen ist — wir müßten verzweifeln an unserer Mission, den Haß gegen das Judentum abzuwehren, wo so viel Haß scheinbar in den eigenen Reihen anfgespeichert ist. Nichtsdestoweniger müssen wir derartige, wüste Auftritte anfs Ichärsste verurteilen, da sie nur zu sehr geeignet sind, den Widerwillen und namentlich die Vera ch tun g seitens der Antisemiten zu steigern. Es nimmt uns Wunder, daß dieser Gedanke noch niemals den Machern derartiger Exzesse gekommen ist, ebenfo wie jener, daß sie h i e d u r ch fr e ii Beweis erbring e n, wie ungeeignet gerade sie wären, die an sich große Idee des Zionismus in die Tat umzusetzeu. Dazu gehört wohl Mut, aber nicht Frechheit, wirklicher Verstand und Ausdauer. Mit impulsivem Geschrei richtet man liiemals etwas, am wenigsten, wenn man nicht einmal weiß, wie nur die Anfänge zitr Lösuilg eiugeleitet werden sollen. Auch ihr Apostel Sombart gestand doch dieses Unvermögen unumwunden ein! Wozu daher das Ganze? Wozu einen Mann beflegeln, der, wir Dr. Grunwald, mehr Verdienste um die Wissenschaft besitzt, als alle Sombarts und seine Anhänger zusammen. Wenn aber selbst die Arrangeure bis vor kurzem wirklich für die „Lehren" Sombarts eingenommen gewesen wäre'.! — für nns bedeuten sie nur eine Leere — dann hätten sie mindestens durch den vortrefflichen, gehaltvollen und geistreichen Artikel Dr. F e u ch t w a n g s in Nr. 8 der „Wahrheit" entsprechend aufgeklärt werden müssen." Wien. 27. Februar 1912. Verein zur A b w e h r des Antisemitismus. Israelitischer Kethansveren» „Am Uollrert". Am 18. Februar 1912, abends 6 Uhr. fand die 35. ordentliche Generalversammlung des israelitischen Belhansvereiues „Am Volkert" unter dem Vorsitze des tatkräftigen nnd umsichtigen Präsidenten, Herrn Knltnsvorstehers Adolf Schrämet, statt. Dieselbe lieferte einerseits den nnnmstößlichen Beweis, daß der Bethausverein auf der Bahn der planmäßigen Entwicklung und des gedeihlichen Fortschrittes stetig forlschreitet, andererseits das erfreuliche nnd wohltuende Bild des einträchtigen, zielsicheren und opferwilligen Zusammenwirkens zwischen Vorstand und Mitgliedern. Die heurige Generalversammlung bot auch die günstige Gelegenheit darzntun, daß dieser Bethausverein von Jahr zu Jahr in seiner Entwicklung sichtlich vorwärts geschritten ist und eines der wichtigsten Zentren des streng religiösen Lebens in Wien bildet. Hiefür liefern zwei wichtige Momente beredtes Zeugnis. Das erste bildet der Ankauf eines sehr geeigneten Baugrundes zur Errichtung des „Kaiser Franz Josef I.-Huldiguugstempel", dessen Einweihung hoffentlich in dem Nüstmonate zu den hohen Feiertagen wird stattfinden können, nnd ein zweites erfreuliches Zeichen liefert nebst der sichtlichen Steigerung der Mitgliederzahl das ungeahnte Wachsen der Talmud-Thoraschule, für welche auch im neuen Tempelgebände schöne und große Schulränme vorgesehen sind. Genau zur festgesetzten Stunde eröffnete der Präsident, Herr Adolf Schrame k, die 35. ordentliche Generalversammlung und begrüßte den iu Vertretung des Kultnsvorftandes erschienenen Delegierten, Herrn Dr. Anselm Halpern, den Vereinsrabbiner Herrn I. L. A b e l e s und die anwesenden Vereinsmitglieder. Ferner gedachte er des Heimganges des langjährigen Vorstands- und Ehrenmitgliedes Herrn Herma,m Kaiser, der im abgelaufenen Jahre das Zeitliche gesegnet hat. Ihr Ausbleiben entschuldigten die Herren Friedrich Alli n a. Moritz R o s e n b l a l t und kaiserlicher Rat Adolf W e n g e r. Nach Verifizierung des vom Schriftführer, Herrn Dr. Moritz K o h u. verlesenen Protokolles der vorjährigen Generalversammlung vom 19. Februar Ivll durch den Präsidenten, erstatteten die Vereinsrevisoren, Herren Moritz Fürth und Albert K ö r n e r, Bericht über die musterhafte nnd genaue Kassen- und Bnchführnng des Kassiers. Herrn Josef Fischer, worauf dem Vorstande unter allgemeinem Beifalle das Absollitvrium erteilt wurde. Als erster Redner dankt auch Herr Samuel Adler als Obmann der Talmud-Thora-Sektion den Vereinsvorständen nnd Mitgliedern für die werktätige Mithilfe zur Erhaltung der Bibelschule nnd hebt hervor, daß soeben der Obmann-Stellvertreter, Herr Michael G l o g a n, für sich nnd seine Gemahlin. Frau Therese G l o g a u, eine Gründerspende von je 100 L daher 200 K, weiters die Herren Adolf Glaser und kaiserlicher Rat Adolf W e n g e r ebenfalls die Gründerspende von je 100 L erlegt haben, was allgemein höchst beifällig anfgenommen wurde. Weiters weist derselbe auf die erfolgreichen Resultate hin, wovvtl