Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063632--07746-3074856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Serie 4. Dre Wahrheit. Nr., 9. bezirke (29.) gab es damals aber nahezu 400 jüdische Wähler. Freilich waren dieselben noch rechtzeitig von dem Schreiber dieser Zeilen über die Jndenfeindschaft Dr. Wabers anfgeklärl worden. Dr. Waber kandidierte bekanntlich schon im Jahre 1907 für den österr. Reichsrat auf ein liberales Programm, indem er damals erklärte, „für die rechtlichen und wirtschaftlichen Interessen aller Beamten und Angestellten, sowie Gewerbetreibenden o h n e Unterschied d e r N a t i o n u n d K o n f e s s i o n" eintreteu zu wollen. Trotzdem hatte Dr. Waber im Vereine mit Dr. Pollauf und Dr. Schubert früher schon den „I. dentschwirtschastlichen Wählerv.rein in Währing" (Gersthof) gegründet, für den gewisse Leitsätze festgesetzt wurden. § 19 dieser Leitsätze lautet nun: „Die Semiteufrage ist als eine R a s s e n f r a g e, das Semilentum selbst aber in allem als ein besonderes Volkstum anzusehen, dessen ungesundes U e b e r w u ch e r n über die altangestammteu d e uts ch a r i sch en Wirtschaftsinteressen entschieden zu beheben ist." „Insbesondere ist der dauernde Aufenthalt ausländischer Semiten in Zisleithanien. sowie deren Aufnahme in ben österreichischen Staatsbürgerverband n ich t zu g e st a t t e u." § 21 „Alle Kultur- und Wirtschaftsbedürfnisse, sowie alle Staats-, Landes- und andere Auslagen überhaupt haben Volksweise aus den gleichfalls Volksweise zu verrechnenden Abgabenleistungen. also ausschliesslich aus dem Größenverhältnisse der letzteren, von den einzelnen Völkern selbst, gesondert bestritten zu werden." „Diese Leitsätze enthalten auch Vorschriften über „besondere Wiener Fragen." Unter diesen ist besonders § 13 für die jüdische Bevölkerung Wiens bemerkenswert. Er lautet: „In jeglichen desinitiveu oder provisorischen Dienst der Stadt Wien dürfen nur deutsche V o l k s a n g e h ö r i g e aufgenommen werden, sowie au solche irgend welche städtische Lieferung vergeben werden." „Bei den für die Stadt geschehenden Arbeitsvergebungen ist auch die Bedingung zu unterschreiben und unter Kontrolle zu stellen, daß zur Durchführung der übernommenen 'Arbeiten nur deutsche Arbeiter, beziehungsweise A ng este l lt e verwendet werden." Es ist bekannt, daß die Judenfeinde und ganz besonders die R a s s e n a n t i s e m i t e n den Juden das Deutschtum absprechen und tvenn sie in Sprache und Kultur des Deutschtums itoch so hervorragende und nützliche Förderer desselben wären. Es ist also klar, rvessen sich die Juden zu versehen hätten, wenn das deutsch-wirtschaftliche Programm in Wien zur Ausführung käme. Freilich wurden zitierte Leitsätze auch von der christlichsozialen Partei teilweise dnrchgeführt und die jüdischen Gemeindeuud Laudesbeamten sowie die WienerKommuuallehrer wissen davon ein Liedchen zu singen. Dieselben sind während der christlichsozialen Schreckensherrschaft s ch u l d l o s inoralisch und wirtschaftlich um Tausende von Kronen geschädigt worden und neue jüdische Beamte und Lehrer wurden nicht a n g e sie l l t. Die reichen Juden machten aber keine schlechteren Geschäfte, besonders die Banken florierten. Kommen aber die Rassenantisemiten in Wien ans Ruder, dann müssen sie in dieser Frage die Christlichsozialen übertrumpfen niib sehen sich gezwungen, ihren Judenboykott auch auf die reichen Juden anszudehnen. Doch zurück zum Wiener Führer der Deutschuationaleu, Dr. Waber und den Währinger Wahlverhältnissen. Dr. Waber trieb schon im Jahre 1911 ein Doppelspiel. Nach einer Notiz des „Deutschen Volksblattes" vom 28. Mai 1911 erklärte er sich schon damals als Antisemit. Den Juden gegenüber leugnete er dies jedoch, weil er ihre Wahlstimmen notwendig brauchte. Diesmal scheint er sich aber bereits sicher zu fühlen, denn nach einer Notiz des „Morgen" vom 9. Februar 1912 trat er mit Vergani und anderen Antisemiten vor kurzem zur Gründung eines Zwölferkomitees behufs Bildung der Deutschen Wirtschaftspartei" zusammen mit» schlug gelegentlich der Entrostung des von ihm und Vergani ausgearbeiteten Kommunalprogrammes recht antisemitische Töne au. Dr. Heilinger rügte die Tatsache, daß dieses Programm a u f d i e freiheitlichen Wähler gar keine Rücksicht g e n.o m m e n h a b e, und zwang dadurch Dr. Waber und Vergani zur Umarbeitung ihrer „Grundsätze". Diese Grundsätze sind wohl mit den von mir vorhin zitierten „Leitsätzen" identisch. Dr. Waber stellt sich vermöge seiner hohen Intelligenz, der skrupellosen Verwendung seines Ehrenwortes und der Leichtigkeit seiner Programmänderungeu als ein gefährlicher Nachfolger Dr. Luegers dar und sein Einzug in das Wiener Rathaus muß von den einsichtigen Juden ebenso bekämpft werden wie die Wiederwahl der Christlichsozialen. Ja, eine eventuelle Wiederwahl der Christlichsozialen in einem oder dem anderen Bezirke Wiens erscheint für die Juden weniger gefährlich als der Einzug der Ressenantisemiten; denn eine geschwächte christlichsoziale Partei kann im Wiener Gemeindernte den Juden gewiß weniger schaden als eine aufstrebende rassenantisemitische. Auf jeden Fall haben die Juden Wiens die Pflicht, ihr Wahlrecht mutig und zielbewnßt anszuüben. Sie haben in vielen Bezirken die Gestaltung ihres weiteren Schicksals in der Hand. R. L. Sombart und die Inden. Bon H. Löw.-Vogel. Es ist am Sonntag im Beethoven-Saale darüber, gestritten worden, ob Sombart Antisemit sei oder nicht. Diese Fragestellung ist eine unrichtige und infolgedessen muß auch die Beantwortung dieser Frage eine unrichtige sein. Vielmehr müßte die Frage lauten: Ist die Lehre des Professor Sombart eine antisemitische oder nicht? Darauf' muß man mit einem entschiedenen Ja antworten. Denn Sombart hat in seinen Werken den Beweis zu erbringen gesucht, daß die Kraft des Judentums nicht der reine Monotheismus, sondern das gerade Entgegengesetzte vom Monotheismus, nämlich der Mammon ist. Wenn Chamberlain in den Grundlagen des t'.eunzehnten Jahrhunderts den Beweis erbringen wollte, daß die Inden religionslos sind und daher ihr Rassen- und Kultnrwert, da sie sich auf keinem anderen Gebiete als auf dem der Religion betätigt haben, gering ist, so ist sein Verfahren ein negatives. Denn er sucht nur zil beweisen, daß znm Beispiel David kein Homo hebraicus. sondern ein Moabiter war, daß die Propheten größtenteils im götzendienerischen Reiche Israel ausgetreten sind und daß Christus kein Jude, sondern ein Germane war. Chamberlain hat also nur beweisen wollen, daß die Juden die Psalmen nicht hervorgebracht haben, daß die Juden keine Propheten aus ihrer eigenen Mitte hatten und daß der Stifter des Christentums nicht Fleisch von ihrem Fleische ist. Das sind aber lauter negative Beweise, die schon nach dem Talmud: (.th-, nrx ah negative Beweise sind keine Beweise), keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben können. Sombart aber geht weiter und ergänzt die antisemitische Lehre von der Religionslosigkeit der Inden durch die positiye Behauptung, das Judentum ist nichts anderes als eine wirtschaftliche Macht, die den Kapitalismus erzeugt liub vermehrt. Das Judentum ist also nach Sombart die Lehre des Mammon. Mau braucht nur zehntausend Zentner Silber dem Staate für das Judentum gu geben, dann wäre es überflüssig, wenn die Bnntscheckigkeit der Kultur nicht darunter'leiden würde. Sombart ist 'daher nicht für die Ausrottung der Juden. Nicht aus Mitleid mit den Juden will er sie erhalten lassen, sondern ans Liebe, zur Farbenpracht. Dem Professor Sombart wurde die Offenbarung zuteil, daß die Inden dem Untergange geweiht sind, da fiel er anfs Knie und flehte nach christlicher Art für den Fejnd: Vater unser, laß die Inden wegen der Vielfärbigkeit der Kultur nicht nnterg.ehen. Als unserem StmMvater Abraham her Untergang Sydonis verkündet wurde, so flehte er zu Gott um die Erhaltung Sodoms wegen der allgeuteiilen Gerechtigkeit und wegen her Gerechten, hie etwa in Sodom noch