Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Februar hat der Reklamationstermin für die kommenden Gemeinderalswahlen begonnen und da die christlich-soziale Partei nach den katastrophalen Ergebnissen der Reichsratswahlen im Juni 1911 volle Ursache hat, wieder eine schwere Einbuße zu befürchten, so ist nach ihren bekannten Wahlpraktiken und Wahlmanövern fast mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß in solchen Bezirken, wo die jüdischen Wahlstimmen entscheidenden Einstuß besitzen, viele Namen jüdischer Wähler in den Wählerlisten fehlen dürsten, wie dies auch bei der letzten Reichratswahl der Fall war. Daraus erwächst füralle aufrechten nud zielbewnßten jüdischen Wähler die Pflicht, rechtzeitig in die Wählerlisten Einblick zu nehmen und eventuell ihr Wahlrecht zu reklamieren. Dabei werden ihnen die dentschfortschrittlichen oder sozialdemokratischen Reklamationsbureanx gern Hiffe leisten. Im 4. Wahlkörper, der zuerst wählen wird, dürften bei der ersten Wahl wenige Entscheidungen fallen, weil dieser Wahlkörper das Tnmmel- und Versuchsfeld für alle vorhandenen Parteien bilden wird. Der erste Wahltag wird zur Abhaltung der Heerschau benützt werden und jeder intelligente Staatsbürger handelt unverzeihlich, wenn er den Mangel der Wahlpflicht bei den Gemeinderatswahlen zur Wahlenthaltung benützen würde. Doppelt zu verurteilen wäre aber eine solche Passivität eines jüdischen Wählers, weil gegenwärtig nicht nur die christlichsoziale, sondern auch die ans deutschnationaler Grundlage geschaffene neue ..Deutsche Wirtschastspartei" die Judenfeindschaft, ja geradezu die Boykottierung ihrer jüdischen Mitbürgerin ihr Programm ausgenommen hat. Im 4. Wahlkörper dürften die Christlichsozialeu in den meisten Wiener Bezirken mit den Sozialdemokraten in die Stichwahl kommen. In diesem Falle ist für die jüdischen Wähler ihre moralische Pflicht bei der 2. Wahl recht klar vorgezeichnet. Sind aber beide gegnerischen Kandidaten bei der Stichwahl Judenfeinde, dann haben die jüdischen Wähler keine Veranlassung, bei dieser Wahl zu erscheinen. Besonders interessant dürfte sich die 1. Wahl in Währing abspielen, wo im 4. Wahlkörper nicht weniger als 6 Kandidaten anstreten. Von diesen 6 Bewerbern sollen die Christlichsozialen ei men, die deutsch-nationalen Judenfeinde drei, die deutschfortschrittlichen Deutsch-Demokralen ein e^n und die Sozialdemokraten auch einen ausstellen. Tun die etwa 800 jüdischen Wähler des 4. Wahlkörpers in Währing am ersten Wahltage ihre Pflicht und vereinigen sie ihre Wahlstimmen ans den dort zum ersten Male aufgestellten deulsch-demokratifchen Wahlwerber, dann kann es den Dentschfortschrittlichen gleich am ersten Wahltage gelingen, eine verhülluismäßig große Zahl von Anhängern zu erzielen, zumal der deutsch-nationale General dieses Bezirkes, Herr Dr. Waber, durch seine bekannte Abstimmung im Staatsangestellten-Ausschnsse betreffs Verquickung des Verhaltens außer dem Amte mit der Qualifikation unter der Staatsbeamtenschaft mit Recht Mißtrauen und Entrüstung ausgelöst hat. Er hat dadurch dieselbe st a a t s b ü r g e r l i ch e Unfreiheit für die Beamten durchzuführen beabsichtigt, wie es Dr. Geßmanu durch die Bestimmung über das „freie Ermessen der Schnlbehörden. das Verhalten der Lehrpersonen in nud außer der Schule zu beurteilen" in n. ö. Landesgesetze vom 26. 8. 1910 für die ganze Lehrerschaft der Volks- und Bürgerschulen Wiens und N. Oe. zuwege brachte, obgleich Dr. Waber se lb st im Jahre 1907 aus Grund dieses Rechtstitels diszipliniert wurde. Im 2. Wahlkörper ist es für die freisinnige Bürgerpartei in Währing nicht ausgeschlossen, sogleich in die Stichwahl zu kommen, denn in diesem Wahlkörper beträgt die Zahl der Wühler etwa 4300. Die jüdische Wählerschaft Währings bestndet sich Dank ihrer Intelligenz und hohen Stenerleistung zum größten Teile im 2. Wahlkörper und dürste die Zahl 500 erreichen. In diesem Wahlkörper bestnden sich aber auch mindestens 300 Sozialdemokraten, welche ihre Stimmen wohl den Deutschfortschrittlichen geben werden, weil sie selbst im 2. Wahlkörper in Währing keine Kandidaten aufstellen und sich in offener Fehde mir den Deutschnationalen befinden. Betragen nun die bürgerlich gesinnten arischen Beamtengegner Dr. Wabers nur 300, so kann die Deutschdemokratische Partei 1100 Stimmen auf sich vereinigen, was sicherlich zur Stichwahl genügt. Zu Währing besaß Dr. Waber anläßlich der Reichsratswahl im Juni 1911 leider auch jüdische Agenten und er versicherte durch dieselben jedem einflußreichen Juden m i t seinem Ehre n wort e, daß er kein Antisemit sei nud im Falle seiner Wahl nichts gegen Juden unternehmen werde. Diese Versicherung ließ er auch dem Vorstandsmitgliede der israelitischen Kultusgemeinde. Herrn Emanuel Hofs m a n n. znkommen und erreichte dadurch dessen tätige Wahlhilse, ohne welche er nicht in die Stichwahl gekommen wäre, da der sozialdemokratische Wahlwerber nach dem 1. Wahltag nur um 100 Stimmen hinter Dr. Waber zurück war. In diesem Wahl-