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Die Wahrheit · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6 Die Wahrheit Nr. 8. in. althergebrachter Opferwilligkeit und Begeisterlmg unsere hehren haben die in her-Konferenz vertretenen jüdischen Emigrations- Vereine nach Schluß der Tagung .eine Deputation an den Präsidenten Taft entsendet, pm ihn über die Stimmung in den jüdischen Kreisenauszuklären. Präsident Taft, der zu jener Zeit unpäßlich war und sonst keine Besuche empfing, machte dieser Deputation gegenüber eine Ausnahme. Nach Anhörung ihrer Wünsche hielt der Präsident an die jüdische Abordnung die folgende kurze, aber kräftige Rede: „Gentlemen! Sie werden es wohl begreifen, daß die Regierung in'der Behandlung der Emigrationsfrage große Vorsicht walten taffen muß. Ich gehöre aber nicht zu jenen, die in den Einwanderern eine Gefahr für das Land erblicken. Unser Land ist groß genug, und Amerika kann jedem, der hieherkommt und hier ein friedlicher, die Landesgesetze respektierender Bürger werden will, die gleichen Rechte gewähren, und ich habe durchaus nicht die Absicht, den Immigranten dieses Recht zu nehmen. Wir brauchen viele Arbeitskräfte, wir fangen znm Beispiel erst jetzt au, den großen Mangel an Arbeitskräften in der Produktion von Lebensmitteln zn verspüren. Wir brauchen eine Bevölkerung, welche die Produktion von Nahrungsmitteln zu ihrem Lebensbernfe macht. Das einzige, dessen wir bedürfen, ist, die Immigranten nicht in den großen Städten abnützen zn lassen, sondern sie gleich nach ihrer Ankunft der Bodenkultur zuzuführen. Ich bin überzeugt, daß es sich den jüdischen Einwanderern bei ihrem Fleiße und ihren bekannten Fähigkeiten eher lohnen würde, große Zentren für Lebeusmittelprodnktionen zu schaffen und bei den immer steigenden Preisen der Nahrungsmittel sogar in kürzerer Zeit Vermögen zn schaffen, als znm Beispiel, wie es gar so viele von ihnen um, m den großen Städten Zeiinugsunternehmungen zu gründen. Ich werde naturgemäß alles ansbieten, damit die nuerwünschten Elemente nicht nuch Amerika kommen, aber andererseits werde ich gleichzeitig mit allen Kräften daran arbeiteii, daß die ehrlichen, gesnndeil und gesetzliebendeu Immigranten, welche Hieherkommen, Um hier ein Gebiet ehrlicher Betätigung zii finden, ungehindert und ohne Schwierigkeiten hereingelasseu werden." Die Deputation hat diese Ansführungen des Präsidenten mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Oberrabbiner Dr. U. Ghrenfeld s. A. Samstag, den 17. d. M. ist in Prag nach monatelangem Siechtum, allzufrüh für die Seinen und Israel, Herr Oberrabbiner Dr. Ehren feld im 69. Jahre seines frommen, dem Judentume geweihten Lebens verschieden. Zu Ungarn 1843 geboren, besuchte er dort die bedeutendsten Talmndschnlen und ging dann nach Wien, um Philosophie zu studieren. In Deutschland erlangte er das Doktorat, wirkte hierauf in einzelnen deutschen Gemeinden und kam von Guefen nach Prag, wo er 22 Jahre als Oberrabbiner segensvoll wirkte. Er war ein Muster von Frömmigkeit, Herzensgüte und Lauterkeit; er besaß tiefe lalmudische und religionsphilosophische Gelehrsamkeit und eine zündende Beredsamkeit; er wirkte hervorragend in zahlreichen Humanitären Vereinen und half, wo immer es nur möglich war. Seine talmudischen Vorträge, die er für Talmudjünger Jahre hindurch hielt, waren wegen ihrer Klarheit und Schärfe bekannt und geschätzt und seine Reden durchglühten jene wahrhafte Gottesfurcht, die uns erhebt und durchwärmt, labt und stärkt. Sein tiefer Glaube, seine aufrichtige Frömmigkeit, die das ererbte Vatergnt treu hütete, seine Milde und Sanftmut gewannen ihm rasch die Liebe intb Wertschätzung aller. Ans seinen Augen leuchteten Herzensgute wie Begeisteriurg für unser großes Erbe, das zu erhalten er für feine höchste Aufgabe hielt, wie andererseits die Glaubensschwäche und Zaghaftigkeit unserer Zeit ihn mit tiefer Trauer und Wehmut erfüllte. Das Leichenbegängnis fand Dienstag, den 20. d. unter großer Beteiligung aller Kreise von der Klaussyuagoge aus statt und gab Zeugnis von der seltenen Beliebtheit und Verehrung des edlen Meisters, der zu jenen Großen gehört, bereu Wirken und Schaffen ihnen ein dauernd Gedenken sichert. Sein Gedenken sei uns ein Born des Segens und Ansporn, gleich ihm Güter zu wahren und. zu pflegen. Sein Geist lebt in allen fort, die das Glück persönlicher Bekanntschaft mit diesem Gottessucher genossen hatten; mögen, seine Lehren und Bestrebungen, seine. Arbeit und Mühe seine Nachfolger zu weiterem Erfolg für das hart bedrängte Judentum aneifern unb lenken! Laallsr zadik liwrocho! Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld beweinen nebst seiner Gemeinde, seinen Schülern und Verehrern seine wackere Gattin. Frau I d a, eine Tochter des Frankfurter Rabbiners Posen, zwei Söhne, Salo, Professor am Weinberger Gymnasium und Semi, der in Wien lebt, und drei Töchter, von denen eine mit Herrn Dr. Brody, den bekannten Hebraisten und Stellvertreter des Verblicheneil, die zweite mit Herrn Danzinger in Wien vermählt und die dritte noch ledig ist. Mögen den Schwergeprüften die Trauer und Teilnahme aller Kreise einigermaßen Trost gewähren und mögen sie von der dauernden Hochachtung und Liebe der Fennde des großen Priesters überzeugt sein. Man geivann beim Besuche dieses Hauses die Ueberzengnng von der Wahrheit des Wortes: be88o su isclito, sein Hans, das ist seine Frau, deren Herzensgüte und Lauterkeit im Vereine mit wohlerzogenen, hingebungsvollen Kinderti sein Heim mit Frieden, Freude und stillem Glücke durchstrahlten. Gott tröste sie. K rum au, 2. Adar 5672. Dr. Hirsch. Hilleis Unterrichtsmethode. Hillel der Große, der bekanntlich jedes Geschick, mochte es noch so hart gewesen sein, mit philosophischer Ruhe geduldig und gottergeben ertragen hatte, zeichnete sich durch unvergleichlich große Bescheidenheit, wie durch liebenswürdiges Benehmen, ausdauernde Geduld, Sanftmut, Herzensgüte und Versöhnlichkeit vorteilhaft ans. Diesen. seineil Tugenden hatte er es zu verdanken. daß es ihm oft gelang, selbst verstockte Skeptiker eines Besseren zu belehren und zn bekehren. Einst kam ein Heide, der in den Verband des Jndentnms ausgenommen zn werden wünschte, zn dem berühmten Lehrer Schamai und stellte an ihn die Bitte: „Mache mich vertraut mit dem ganzen Inhalt der Thora in der kürzesten Zeit, solange man auf einem Fuße stehen kann. Mir ist es nicht möglich, meine kostbare Zeit und Kraft, die ich anderseitig verwerten mnß, dem Stndlum der religiösen Wissenschaft zu widmen. Ich will daher in gedrängter Kürze die Grundlehren der Thora erlernen, um als Jude leben zn können." Der strenge Lehrer Schamai war ganz entrüstet über die unausführbare Bedingung, die dieser Mann zn stellen gewagt und wies ihn recht barsch ab. Nun begab sich der gute Mann zu dem milden, sanftmütigen Hillel und stellte an ihn das gleiche Ansuchen. Hillel empfing ihn sehr freundlich llnd erteilte ihm folgende Antwort: „Was Dir unlieb ist, das tue auch Deinem Nebenmenschen nicht, das ist das wichtigste Gebot der ganzeu Thora — su kol Thora Kulloh — alle anderen Gesetze und Vorschriften bilden den Kommentar hinzu, weidoch perusciie. Willst Du Dich hievon überzeugen, so gehe hin und lerne, dringe ein in den Geist der Thora und Du wirst erfahren, daß nicht nur die Gesetze der Humanität, sondern auch die rein religiösen Vorschriften und Satzungen — wie z. B. Sabbath- und Festgesetze. Speisegesetze und sonstige, ans die Hygiene der Wohnung, Kleidung, Nahrung, Reinheit und ans die ganze Lebensweise des Menschen Bezug habenden Vorschriften — humanitäre Zwecke verfolgen." Diese in so edler, milder und wohlwollender Weise erteilte Antwort verfehlte nicht, einen überzeugenden Eindruck auf das Gemüt des Heiden -zu machen. Er war sehr befriedigt und beherzigte den Rat des milden, frommen Hillel. Uebrigens war ja auch Möses schon der Ansicht, daß man nicht durch Zwang, nicht durch Strenge und Gewalt, sondern nur durch Liebe, Güte und Milde Menschen überzeugen und für das Höhere, Religiöse und wahrhaft Göttliche erwärmen und begeistern kann. Als Jetro, zur Zeit als er bei Moses zu Gast war, bemerkte, daß dieser treue Hirte Israels den ganzen Tag, vom Morgen bis znm Abend, vollauf mit den Angelegen-

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