Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8.;Die Wahrheit.Gelte geht es aber den „Bevorzugten", die auch nach dem neuen Gesetze in den Besitz einer Konzession gelangen konnten. Die zuständigen Staatsbeamten, denen diese Armen auf Gnade und Ungnade ausgelieferl sind, bedrücken und schikanieren die jüdischen Schanker nach Möglichkeit und legen ihnen Lasten auf. bei denen sie wirtschaftlich zusammenbrechen. Dnrch das neue Gesetz gingen dem Staate 7 Millionen Kronen an Konzessionsgeldern verloren, die nun durch eine erhöhte Steuerleistung der eingeschränkten Schänkerzahl wieder ersetzt werden sollen. Diese Lasten sind aber nicht gleichmäßig verteilt, vielmehr ist es dem Gutdünken der lokalen Fittanzbeamten überlassen, die Höhe des Betrages nach Maßgabe des Vermögens und des mutmaßlichen Absatzes für jeden einzelnen Wirt zu bestimmen. So kommt es denn, daß die wenigen jüdischen Schankwirte ganz der Willkür antisemitischer Beamten ausgeliefert sind und oft das drei- und fünffache zahlen müssen als ihre christlichen Berufsgenosseu. Viele dieser „bevorzugten" Schanker waren unter diesen Umständen gezwungen, ihren Beruf freiwillig aufzugeben. Vorige Woche hielten die notleidenden jüdischen Schankwirte eine große Versammlung in Lemberg ab, die mittels einer Deputation ihre Wünsche der Regierung unterbreitet hat. Die Antwort steht noch aus. » * -r- . In der spaniolischen Synagoge in Sosia fand anläßlich der Großjährigkeitserklärung des Kronprinzen Boris ein feierlicher Gottesdienst statt, der imposant verlief. Es waren u. a. anwesend: Vertreter des Königspaares, Ministerpräsident Geschow und mehrere Mitglieder des Kabinetts, der Chef der Spanischen Sondermission, Graf de la Vianzn, spanischer Botschafter in Petersburg, der Vorsitzende der Heiligen Synode, Erzbischof V a s s i l i, ferner der Erzbischof von Sofia P a r th e n i und die Vertreter aller anderen Religionsgenossenschasten. Der Besuch hoher kirchlicher Würdenträger in der Synagoge geschah hier zum ersten Male und ist von guter Vorbedeutung für das friedliche Zusammenleben der Bürger. Großrabbiner Dr. Ehrenpreis hielt eine sehr eindrucksvolle Festrede in bulgarischer Sprache, die von der bulgarischen Tagespresse vollinhaltlich wiedergegeben wurde. Bei dem am Abend abgehaltenen offizielleit Empfang am Hofe wurde Dr. Ehrenpreis von König Ferdinand zu seiner Rede und zum schönen Verlauf der Feier beglückwünscht. Der König dankte für die patriotische Kundgebung und schloß die Unterredung mit den Worten: „Ich kenne die Treue und Loyalität der jüdischen Bürger." Am darauffolgenden Tage erschien Dr. Ehrenpreis mit den Mitgliedern des Zentralkonsistoriums beim Thronfolger, Kronprinz Boris, um die Glückwünsche aller jüdischen Knltusgemeinden des Königreiches zu überbringen. * * * Aus Athen wird gemeldet: Im nächsten Frühjahr sindet hier ein Kongreß der jüdischen Gemeinden Griechenlands statt. Die Zahl der Inden des Königreiches wird auf etwa 8000 Seelen geschätzt; die bedentendsten Gemeinden sind die in Trikala, Korfu, Larissa. Volo und Athen. Eine jüdische Schule gibt es bloß in Larissa. Dieselbe wird von der Regierung subventioniert. Obwohl die Juden Griechenlands in ihren Reihen eine ansehnliche Zahl wohlhabender Personen zählen, ist doch infolge des allgemeinen Jndiffereutismns allem Jüdischen gegenüber im ganzen Lande kaum eine nennenswerte jüdische Institution vorhanden. So z. B. gibt es selbst in Athen keine einzige jüdische Schule. Wohl hat der Präsident der jüdischen Gemeinde Athens, Herr Constantinides, vor Jahren 600 Pfund für die Errichtung einer Synagoge samt Schule gespendet, doch konnte man den Ban bis heute nicht in Angriff nehmen, angeblich, weil das Zentralkonsistorium, auf dessen Namen die Gebäude eingetragen werden müßten, seit vielen Jahren aufgelöst ist, ohne daß eine Neuwahl vorgenommen wird. — Ans dem gleichen Grunde ist es unmöglich, die Gemeindemitglieder zu besteuern,, da eine solche Besteuerung der Genehmigung des Parlaments auf Grund einer Eingabe des Konsistoriums bedürfte. Diesen unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen, ist eben der geplante Gemeindekongreß berufen, für den sich im ganzen Lande —' auch unter den Nichtjnden — lebhaftes Interesse kundgibt. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhält folgendes Telegramm aus Kiew: Die Mordaffäre Justschinski zieht nach den Enthüllungen des Korrespondenten Brasul Bruschkowski immer weitere Kreise. Jetzt ist auch die ehemalige Geliebte des mutmaßlichen Mörders Miste, die als Hauptzeugin gegen ihn auftrat, als Beteiligte am Morde blvßgestellt. Eine gewisse Frau Malitzkaja, die zur Mordzeit unterhalb der Tscheberjakowa wohnte, hörte durch die dünne Zimmerdecke am Tage des Verbrechens ein sehr verdächtiges Geräusch mehrerer geschäftig hin und her gehender Personen und das erschütternde Schreien eines Kindes. Es wurde weiter festgestellt, daß in der Wohnung der Tscherberjakowa nach dem Mordtage blutgetränkte Lappen gefunden wurden, die mau in die Müllgrube warf und mit Saud bedeckte. Außer den durch die ersten Enthüllungen bloßgestellten Persollen sind jetzt noch zwei Männer namens Monzeselewsky und Ladischew dringend des Mordes verdächtig. -r- * Daß der jüdische Dumadeputierte Nisselowitsch eine Einladung zu dem zu Ehren der englischen Parlamentarier vom hiesigen englischen Botschafter veranstalteten Bankett ablehnte, hat sowohl auf Seiten der Engländer als auch in den Kreisen der russischen Politiker besonderen Eindruck gemacht. In einer Unterredung, die ein englischer Journalist mit Nisselowitsch hatte, begründete dieser sein Fernbleiben damit, daß er arigesichts der deprimierenden Situation, in welcher sich die Juden Rußlands gegenwärtig besinden, nicht in der Stimmung sein könne, an freudenrauschenden Festlichkeiten teilzunehmen. Obgleich er persönlich die Freundschaft Rußlands mir dem freien England, in welchem es keinen Unterschied zwischen Juden und Christen gibt, aufrichtig begrüße, könne er es doch nicht übers Herz bringen, den Vertretern des englischen Volkes zil begegnen. Er hätte, wollte er die Festesstimmung nicht stören, geradezu eine Maske anlegen müssen, wenn in seinen Gesprächen mit den Engländern die unendlich traurige Lage der Juden in Rltßland berührt worden wäre. „Ich habe deshalb", erklärte er, „der großen Ehre entsagt, welche der Vertreter des großen englischen Reiches mir, dem Vertreter der' geknechteten Juden in der russischen Reichsdnma, zugedacht hat. Ich will nur gerne hoffen", so schloß Nisselowitsch seine Ausführungen, „daß unsere Freundschaft mit England den Zeitpunkt näher bringen werde, daß auch in Rußland den Juden die Gleichberechtigung gewährt werden wird." * * Die Direktion der Hedschasbahn hat beschlossen, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, um den Bart einer Zweiglinie Kerak— Jerusalem ehestens nt Angriff zu nehmen. Dadurch würde Jerusalem eine direkte Eisenbahnverbindung mit Damaskus und Mekka erhalten. Ingenieure der Hedschasbahn sollen bereits Anfang April nach Jerusalem kommen, um die Trasse abzustecken, vermutlich wird mit dem Bau noch im Laufe dieses Jahres begonnen werden; innerhalb zweier Jahre dürfte die neue Zweiglinie betriebsfertig hergestellt sein; die Baukosten der 85 Kilometer langen Bahn werden auf zirka 40 Millionen Francs geschätzt. Nach Vollendung der Linie Kerak—Jerusalem soll sogleich mit dem Bart einer zweiten Zweiglinie Haifa—Jerusalem begonnen werden. * * * Zur Einwanderungsfrage, die nicht nur die amerikanischen, sondern auch die europäischen Juden mit Interesse verfolgen, wird dem „Israel." aus New-Iork folgendes mitgeteilt: Dem amerikanischen Kongresse liegen jetzt nicht weniger als nemt neue Gesetzentwürfe vor, welche mehr oder minder strenge Maßnahmen zur Einschränkung der Einwanderung in Amerika bezwecken. Vor einigen Tagen fand nun in Washington eine Delegiertenkonferenz des Verbandes aller einwanderungsfreundlichen Orgauisatinnen in Amerika statt, welche zwei volle Tage in Anspruch nahmen. An der Konferenz durften auch Gegner der Einwanderung teilnehmen und das Wort ergreifen, um auf diese Weise die Möglichkeit einer gründlichen Anssprache aller Parteien und einer Beleuchtung der wichtigen Frage von allen Gesichtspunkten zu ermöglichen. Unter ben Erschwerungen, welche die erwähnten Gesetzentwürfe planen, gibt es einige, die sich direkt gegen die osteuropäischen Inden richten. Aus diesem Grunde