Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seil« 4. Die Wahrheit.. . . Nr. 6. Konsequenz gezogen wird; ein aufrechter (assimilationsfeindlicher) I u d e-könne keine deutsche, französische Kultur besitzen. Und im Grunde seines Herzens und seiner Seele sagt das auch Sombart. Trotz seiner Versicherung, das Judenvolk sei es, das seit den Propheten den großen 'ethischen Ton in das Menschheitskonzert gebracht hat; der tragische Pathos, der die natürüche Welt versittlichen will, stamme doch -am Ende aus Juda „bezeichnet er in seinem Vortrage die Juden" als unser (der Deutschen) uns von Gott anserlegtes Schicksal, das man hiunehmeu müsse. Und in seinem Buche wieder erblickt er in dem nach Assimilation mit den Völkern strebenden und sie nicht erreichenden Inden „Ahasver", der nicht leben und nicht sterben kann. Wie reimt sich das? Ist dieses Schicksal so traurig? Haben die Völker Europas und der Welt wirtschaftlich und ethisch unter diesem Schicksal gelitten? Oder haben sie diesem Schicksal nicht dankbar zu sein. Sagt doch Sombart selbst: „Ich glaube freilich, daß wir dem Zufall (Vorsehung) Dank schulden für die nicht allzukarge Zuteilung jüdischer Elemente zu dem schon recht bunten Gemisch, das „wir Deutschen" darstellen. Also; was soll es aber heißen, wenn er wieder an anderer Stelle sagt: Ich wünschte, daß die „Verjudung" so breiter Gebiete unseres öffentlichen und geistigen Lebens ein Ende nähme; zum Heile der deutschen Kultur aber ebensosehr um der jüdischen. Und das hat er auch in seinem Vortrage gesagt; und das hörten wir — mit ruhigem Blute an! Wie? Die Juden haben wirtschaftlich ungeahnte Leistungen hervorgebracht, das ethische Pathos in die Welt gesetzt und doch spricht man von Verjudung, also in schlechtem Sinne. Ist es nicht eine Schmach für die Deutschen, ein Armutszeugnis für ihre wirtschaftlich ökonomische und geistig intellektuelle Potenz, daß sie sich „verjuden" lassen, von einem Volke, das nur ein Prozent der B e v ö l k e r un g s zi f fe r ausmacht? Ist es nicht eine Schmach für alle Kulturvölker, daß sie von diesen 11V» Millionen Juden in der ganzen Welt „Verjudung" befürchten und die Judenfrage für sich — nicht für die Juden — als ein Problem betrachten, mit dem sie sich nun seit Jahrhunderten beschäftigen? Nichts wäre i m st a n d e unseren weltgeschichtlichen Wert zu erweisen, a ls diese Tatsache. Die Not der östlichen Juden wird einfach registriert, mit einigem Bedauern über die mangelnde Gerechtigkeit der Regierungen. Von einer sittlichen Entrüstung aber keine Spur. Es ist furchtbar, die Kälte zu fühlen, welche dieser deutsche Professor ausströmt, wenn er von dem lebendigen Judentiune spricht, wie ein Anatom am Seziertisch. Haben wir es wirklich nötig, uns von d i e s e m M a n n e, der m i t unserem „Schicksal" ein gutes Geschäft macht, belehren zu lassen. Glaubt ihm ein vernünftig e r M e u s ch, daß unser Schicksal ihm Sorge macht? Hören wir einmal, wie er sich diese in ihrer „Art" und „Eigenart" erhaltenen Juden in ihrem Zusammenleben mit den Völkern denkt: „Die Staaten geben ihren jüdischen Mitbürgern die volle Gleichberechtigung, und die Juden werden die Klugheit und den Takt besitzen, diese Gleichberechtigung nicht überall und in v o l l e m U m f a u g e a u s z u- ' nützen. Für diese Frivolität gibt es keinen Ausdruck. Er verlangt die Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten bis an die Grenze derLeistungsfähigkeit; gesteht die außerordentliche Tüchtigkeit und Brauchbarkeit der Juden auf allen Gebieten des Lebens, ja ihren unersetzlichen Wert für die Welt und den Staat, er begreift aber nicht, wozu die Juden nach Staatstelleu streben; begreift nicht, wie sie, die Gut und Blut herzugeben bereit und die besten Patrioten sind, auch den Ehrgeiz haben können, Offiziere zu werden; begreiftnicht. wozu jüdische Gelehrte Lehrkanzeln an Universitäten als höchstes Lebensziel betrachten." All dies zu sagen hat freilich Sombart in seinem Vortrage nicht gewagt; nicht aus Takt — denn diese Empfindung ist ihm völlig fremd und sein ganzer Ton ist auf Selbstgefälligkeit und Dreistigkeit gestimmt — sondern aits. Unehrlichkeit. Was hilft uns da seine Begeisterung für Z i o n i st en un d N a ti o n a lj u d e n, w enn e r g er a d e dies e ,,.a u frech t e n" I u d e n i n i h r e n p r i m i t i v st e n Empfindungen verletzt und ihnen Ratschläge erteilt, welche nur Feiglinge un d Knechte b erfolgen können. Der „Arterhalter" Sombart, dieser unaufrichtige Schwärmer für „Jüdische Eigenart" und Reinheit jüdischen Wesens ist ein Freund/ vor dem uns Gott beschützen möge. Er ist ein umgekehrter Bileam. Er kommt scheinbar, um zu segnen und flucht. Hinter jedem seiner süßen Worte steckt ein vergifteter Stachel. Er bervegt sich in Paradoxen und Widersprüchen und mißbraucht die hochgehende Woge des jüdischen Nationalbewnßtseins, das uns allen so sehr am Herzen liegt und dessen Pflege wir ans Kanzel und Katheder lehren. Habet ihr Zionisten Sombart wirklich gerufen? Ich kann es nicht glauben. Eure eigene Sache ist euch zu teuer, als daß ihr sie so entweihen könntet. Eure Sache ist aber auch unsere Sache. Nur dürfet ihr nicht der Meinung sein, daß, weil wir unsere Religion als höchstes Gut hinstellen, uns nufere Nation nicht ebenso hoch steht, wie euch. Ihr dürfet aber nicht vergessen, daß unser letztes Ideal trotz Zion und Nation im G e i st e n n d Sinne der Propheten die Menschheit ist. Oder ist nur Sombart ener Prophet? Ans der Woche. Am 21. Februar feierten Erzherzog Rainer und Erzherzogin Maria K a r o l i n a das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Dem erlauchten Ehepaare, dessen Beliebtheit im Volke fast an die unseres gütigen Monarchen heranreicht, klangen aus diesem Anlasse in volltönender Harmonie die Jubelgrüße der Völker Oesterreichs entgegen und aus Kirchen und Synagogen stiegen fromme Segenswünsche zu dem Throne Gottes empor. Mit besonders dankbarer Verehrung blicken wir Juden ans diesen edlen Prinzen unseres Kaiserlichen Hauses, der, ein Förderer der Kunst und Wissenschaft, dem freiheitlichen Gedanken jederzeit ein mächtiger Fürsprecher war und gerade wegen seiner tiefen Religiosität und seiner aufrichtigen Anhänglichkeit an seinen eigenen Glauben in ganz, unzweideutiger Weise jene Richtung mißbilligte, die statt christlicher Liebe den Glaubens- und Rassenhaß als ihr Evangelium verkündete. * * ■* Gibt es einen schrecklicheren Gedanken, als ein hoffnungsvolles Menschenleben dem Untergange preisgegeben zu wissen, weil es an Anstalten mangelt, wo das kranke Kind seine Wiedergenesnng finden könnte? Und doch haben wir uns in Wien sehr oft mit diesem Gedanken vertrant machen müsseit und vornehmlich die arme jüdische Bevölkerung, die seit Beginn des antisemitischen Regimes von öffentlichen Wohltätigkeitsfonden nur höchst stiefmütterlich bedacht wurde, hat die Not an Kinderspitälern und vor allem den Mangel eines jüdischen Kinderspitales besonders hart empfunden. Nun fällt ein Hoffnungsstrahl in den düsteren Ausblick und der hochherzige Entschluß eines edelsiunigen Mannes wird der Not der Kleinen wenigstens zum Teile abhelfen. Herr David Ritter v. Gutmann hat der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eine. Spende von drei M i l l i o neu K r o n e n zur Errichtung eines Kinderspitales gewidmet und so derselben die Möglichkeit geboten, mit ausreichenden Mitteln an den Ban dieser so dringend notwendigen Anstalt zu schreiten. Der edle Spender, dessen Name bereits mit einer der schönsten Institutionen der Wiener Knltnsgemeinde innigst verknüpft ist, hat durch diese neue Tat sich und seiner Familie ein Denkmal aere perennius gesichert und bis in die spätesten Generationen werden dankbare Kinderlippen segnend des menschenfreundlichen Stifters gedenken. * * Zur galizischen Schänkerfrage wird dem „Israelit" aus Lemberg berichtet: Es ist still geworden um die jüdischen Schänker in Galizien. Doch hat sich ihre Lage um nichts gebessert. Tausende, die sich vom Wirtshausbetrieb recht und schlecht ernährt hatten, sind durch die Konzessionsentziehung brotlos geworden. - Noch schlimmer