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Die Wahrheit · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Ndniinistration: Wien, 11 , Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Anabhängige Heitfchnft für jüöifche Ganzjährig.K 14. - Halbjährig.X 7 — Adminisirarion 493811. fl. k üsterr. Vostivarkasia- S«eck-floino Nr. 100.918. Interessen. Für 5hi{tii?beiimtr: 'JWunjiibviil.K ll) In lernte: Die viermal geipaltene Nonvareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitng. Für Ail-l»nid: Ndoi'nemciile« und JnserlionS. <A„,iziavrig.8 Mark derraae und in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siögel Motte» ist Wahrheit!" ß Nudel oder I» tfrc«. Ur 8. Wien. 23 Februar HM2. Inhalt: Werner Sombart und „Die Zukunft der Juden". — Aus der Woche. — Oberrabbiner Dr. N. Ehrenfeld s. A. — Hillels Unterrichtsmethode. — Verband zur Unterstützung armer israel. Wöchnerinnen. — Wie die Psalmen beim Religionsunterrichte behandelt werden sollen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Nur romantisch. — Literatur. — Publikationen des österr.-nng. Kantoren-Vereines. Werner Sombart und „Die Zukunft der Inden" von Rabbiner Dr. D. Feuchtwang. Werner Sombart, der Verfasser des Buches „Die Juden und das Wirtschaftsleben" hat es für nötig gefunden, sein Bekenntnis in einer Druckschrift, unter dem Titel „Die Zukunft der Juden" abznlegen. Es hat ihm nicht genügt, „ein wissenschaftliches" Werk über die Bedeutung der Juden im Wirtschaftsleben zu schreiben, das berechtigtes Aufsehen, Staunen, Verwrmderung und heftigen Widerspruch erregte. Der „Erfolg" — und auf diesen kam es Sombart an — war da. Wir Inden wußten, offenbar vorher nicht, welche Rolle wir in der wirtschaftlichen Entwicklung der Welt spielen, und waren glücklich, daß es uns ein Nichtjude und noch dazu ein deutscher Professor sagte. Die wissenschaftliche Bewertung dieses Werkes können wir ruhig den Fachkreisen überlassen. Wir haben aber hoffentlich noch Geistesklarheit und Ehrgefühl genug, uns durch die blendende Darstellung und Scheinlogik Sombarts nicht täuschen zu lassen, der uns in den Grund lobt und zu Tode preist. Wissenschaft aber bleibe Wissenschaft. Werner Sombart genügt es jedoch nicht mehr, Gelehrter zu sein; der Geist der Wanderprediger ist über ihn gekommen und er schreibt nicht nur, er spricht von Ort zu Ort über „die Zukunft der Juden"; und hat „Erfolg". Der Einstuß der Juden auf Sombarts „Wirt« schaftsleben" macht sich ihm angenehm bemerkbar. Ich will nicht darüber rechten, ob es taktvoll ist, wenn ein Nichtjnde, auch wenn er sich seit Jahren mit der „Judenfrage" beschäftigt, vor Juden hintritt und sie rücksichtslos bei lebendigem Leibe zerfasert. Ji? jedem Falle zeigen die Inden einen Grad von Selbstverleugnung, der hart an die Grenze derSelbst- Verachtung reicht, wenn sie sich ruhigen Blutes sagen lassen: „Ich habe keine Sympathie für Euch. Ihr seid ein Wüstenltiib Wandervolk. Und Sombart ist — ich sage es auf die Gefahr, ihm Unrecht zu tun — mifer Feind, nufer gefährlicher Feind. Werner Sombart hat nun auch in Wien vor Inden — denn Nichtjuden waren wohl in verschwindender Minderzahl zugegen — über die „Zukunft der Juden" gesprochen. Er folgte in seinem Vortrage Schritt für Schritt dem Gedankengange und Wortlaut der gleichnamigen kurz zuvor erschienenen Schrift bis zu einer Grenze. Der „kluge" Sombart, der sich weit vorwagt und der die „Eigenheiten" der Juden genau kennt, zu denen auch offenbar Selbstbeherrschung und Wahrung des Gastrechtes gehört, dieser kluge, deutsche Professor ist in seinem Vortrage gerade demjenigen aus dem Wege gegangen, was in seiner Druckschrift die größte Entrüstung und sittliche Empörung jedes „ansrechten Juden" Hervorrufen muß, wenn nicht jedes Atom von Vernunft und Ehre in ihm verdorben und erstorben ist. Ein arischer Professor würde ein solches Vorgehen wahrscheinlich feige nennen; doch davon später. In der „Zukunft der Inden" bespricht Sombart zunächst die In den not. Wer kennt sie nicht? Er teilt sie in eine östliche und westliche. Man kann im einzelnen anderer Meinung sein, im ganzen aber liegen die Dinge so, wie er sie schildert. Die I n d e n n o t der sieben Millionen Ostjudeu besteht und schreit zum Himmel. Und diese Millionen wollen Juden sein und bleiben. Daß da Abwanderung und Kolonisation allein nicht Helsen, wissen wir alle. Was Sombart da zu sagen hat, ist dilettantisch und schwach. Kraftvoll tritt er der A s s i m i l i e r u n g s s u ch t entgegen. Er spricht uns da aus dem H e rzen. Die Arier h a l t u n g erscheint ihm, wie uns, als erstes Prinzip und oberster Grundsatz sittlicher Entwicklung. Deshalb steht er auch dem I u d e n st a a t e sympathisch gegenüber, in welchem jüdische Art sich am reinsten entfalten könnte. Uns „aufrechten Juden" braucht das nicht erst gesagt zu werden. Wir blicken mit Bedauern und Verachtung ans die Sorte Assimilanten, welche ihre Art verleugnen, ihr Jndentum verbergen und ihr Bekenntnis fälschen. Sie sind sittlich defekt und sollen von Juden und N i ch t j u d e n als Schädlinge beurteilt u u b verwertet werde n. Jeder vorurteilslose Kenner und Beurteiler unserer Zeitgeschichte wird dem Zionismus und Nationaljudentum das Verdienst znsprechen, daß sie in dieser Richtung mit großem Erfolg und mit nachhaltiger Wirkung aufgetreten sind. Ein gefährliches Spiel aber spielt auch Sombart mit der Blutsverschiedenheit. Wissenschaftlich ist sie ja nicht beweisbar; ebensowenig wie die von den Rassentheoretikeru als selbstverständlich angenommene „Eigenart" der Juden. Ethnologisch ist auch sie nicht nachweisbar, wenn sie nicht gefühlt wird. Wir lassen sie uns aber nicht gerne erst von Nichtjuden erklären. Gefährlich wird die Behauptung der Assimilationsunmöglichkeit in dem Momente, wo von der notwendlgen „Erhaltung der Art" der Juden in ihrem Verhältnisse zu den anderen Völkergruppen die Rede ist. Es mag richtig sein, daß Bolksbewußtsein und Staatsbürgertum nichts miteinander zu tun haben. In der Praxis aber führt es zu Kollisionen, nicht weil die Begriffe miteinander in Streit geraten, sondern, weil die

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