Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 0. Die Wahrheit. Nr. 7. die sogenannten F l e i s ch k r e u z e r, zu decken. In früheren Zeiten empfanden nun innere Glaubensgenossen, teils infolge der billigen Fleischpreise, teils wegen größererer Opferwilligkeit überhaupt, diese Einrichtung im allgemeinen nicht drückend. Gegenwärtig aber betragen solche Fleischkrenzer bereits 20 bis 30%. der ohnehin horrenden Fleischpreise und es ist daher nicht sozialpolitisch einwandfrei, die jüdischen Fleischkonsumenteu allein ohne Rücksicht auf ihre wirtschaftliche Lage für die Kosten der rituellen Schlachtung uitd Beaufsichtigung aufkommen zu lassen. Die Wiener Kultusgemeinde hat bekanntlich für die über 170.000 Seelen betragende, jüdische Bevölkerung Wiens nur etwa ein Dutzend Koscherfleisch-Bänke „unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates" errichtet und gleichzeitig allen anderen Koschersteisch-Verkänfern die Konzession entzogen, ein Koscher- Täfelchen anszuhängen. Diese Einrichtung ist zum mindesten unzulänglich, weil sie schon den örtlichen Verhältnissen nicht genügen kann. Außerdem ist es sicherlich nicht zu billigen, wenn die Knltusgemeinde es nur de «'wohlhabenderen Schichten der jüdischen Bevölkerung ermöglicht, rituell einwandfreies Fleisch zu erhalten. Die jüdische Knltnsgemeinde darf sich modernen, sozialfürsorglichen Prinzipien nicht verschließen, wenn es sich darum handelt, auch den zahlreichen verm ö g en s l.o s en Volksschichten die Beobachtung ritueller Veordnungen zu ermöglichen. zumal derartige gemeinsame Vorkehrungen dem jüdischen Geiste entspringen ntld entsprechen. . Gegenwärtig steckt die israelitische Knltnsgemeinde Wien in dieser Frage wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand. Die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung war und ist allezeit arm und es wirkt gewiß nicht religiös erziehend, wenn sich die Kultusverrretung über solche Tatsachen hinweg setzt. Die Belastung des Wiener Koscherfleisch-Wesens in seiner gegenwärtigen Organisation ist einfach n n z u l ä s s i g. Fühlt sich die Knltnsgemeinde verpflichtet, allen Inden den Bezug rituell einwandfreien Fleisches zu ermöglichen, dann darf sie die Kosten hiefür nicht den Konsumenten ausbürden, sondern muß dieselben aus K ultus ste u ern decken, damit der Koscherfleischpreis nicht erheblich höher werde als der allgemeine Fleischpreis. Die Wiener Kultusgemeinde müßte aber dann weit zahlreicher als bisher den Koscher-Fleischverkans in Wien organisieren. Schächter und Aufseher würde sie zu diesem .Zwecke gewiß in ausreichender Weise flnden. Durch eine progressive Kultussteuer und Heranziehung weiter Schichten zur Besteuerung unter gleichzeiliger Herabsetzung des Kulrusfteuerminimnms könnten auch für eine solche Maßregel die.Bedeckungskosten gesunden werden. Kann aber die Knltnsgemeinde diese Kosten nicht erschwiligen. dann muß sie die Verantwortung für den Verkauf von Koscherfleisch einfach d e n Verkäufer n ü b e r l a s s e n. In diesem Falle wäre die israel. Knltnsgemeinde gewiß berechtigt, von den Bewerbern um eine Lizenz für den Koscherfleisch-Verkaus nicht nur die Kenntnis der rituellen Fleischbeschau, sondern auch die Verpflichtung zu verlangen, nicht zugleich auch Trefah-Fleisch zu verkaufen. Gegenwärtig kann man häufig die sonderbare Tatsache beobachten, daß z. B. derselbe Händler Koschergänse und Wildprett zugleich verkauft. In unserer religiös unglaublich unwissenden Zeit gibt es tatsächlich jüdische Hanssrauen.- welche der Meinung sind, es gebe auch koscheres Wildprett. Entziehen könnte mau dann einem solchen Händler die Koscherfleisch-Lizenz freilich erst dann, wenn sich eine Anzeige wegen Nichtbeachtung der religiösen Vorschriften durch eilieUntersnchungskommission; bestätigt findet. Doch lehrt die Erfahrung, daß die gegenwärtigen diesbezüglichen strengeren Maßnahmen uicht viel nützen, weil die allgemeine jüdische Volksmeinung lautet: „Heißt jemand Hendl, so eß' ich aus seinem Pfeudl." Auch fungiert die Konkurrenz wirksamer als Ueberwachnngsinstitution als der private Religiouseifer. Bleibt aber die Wiener Kultusgemeinde in diesem Belange bei dem gegenwärtigen S ch e i n s y ste m e, daun niacht sie sich an der täglich weitergreifenden Mißachtung der einschlägigen religiösen Vorschriften mitschuldig. Die gegenwärtigen ci lt f v l i g a r ch i s ch e r Gr n n d l a g e aufgebanten.diesbezüglichen rituellen Einrichtungen der Wiener israel. Knltnsgemeinde erbittern nicht nur die wirtschaftlich schlecht gestellten jüdischen Volksschichten, sondern, nützen auch den wohlhabenderen Kreisen nicht, weil dieselben notorisch unreligiöser gestimmt sind, als ihre ärmeren Glaubensgenossen. Es ist Tatsache, daß gegenwärtig unzählige arme jüdische Familien durch die N o t und durch unzureichende Vorsorge g e z w u n g e n werden, ihr Fleisch von m i ch t l i z en t i e r te n Fleischständen zu. beziehen. Es ist so weit gekommen, daß nuwissende jüdische Hausfrauen ans diese Weise Trefahfleisch kaufen und dasselbe dann „koschermachen." In diesem Belange muß Wandel geschaffen werden? N. L. Generalverfammlnng des Tempelbmmereins des 8.Ke;.dsrStadt Wie«. Am Sonntag, den 11. d. M. fand im Tempelgebäude, VIII., Neudeggergaffe 12. die ordentliche Generalversammlung dieses Vereines unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder statt und gab Zeugnis von der stets fortschreitenden Entwicklung des Vereines unter der zielbewußten Leitung seines Vorstandes. Der Präsident, Herr Hermann Beck, erösinete die Versammlung und begrüßte die Erschienenen, insbesonders den Rabbiner des Tempels, Herrn Dr. Mor. Bauer, den Vertreter der Knltnsgemeinde, Herrn Dr. Schreiber re. rc. Er widmete den verstorbenen Mitgliedern, Herrn Leopold Frischauer, Bernhard Pollak, Isidor Süß, Jsaac H. Schnmer und Wilhelm Tenzer, einen warmen Nachruf, worauf der Schriftführer, Herr Dr. Sigmund Goldberger, den Rechenschaftsbericht erteilte. In demselben hob er hervor, daß der Verein an der Feier des 80. Geburtsfestes des Präsidenten der Knltnsgemeinde, Herrn Dr.. Alfred Stern, lebhaften Anteil nahm und bei der Gratulation durch eine Abordnung vertreten war, ferner daß die dem Jubilar von allen Tempelvereinen gewidmete „Menorah" nach dem Entwürfe des Vizepräsidenten, Herrn Architekten Jacob Modern, angefertigt wurde und dem Herrn Präsidenten bei Ueberreichung große Freude verursacht hat. Herr Dr. Goldberger teilte ferner mit, daß der Tempel, dank der Mnnifizenz der Mitglieder und Gönner, auf gesunder Grundlage stehe und ganz festen Fuß fassen würde, wenn die Knltnsgemeinde durch Erhöhung ihrer bisher geleisteten Subventionen Rechnung tragen würde. Er appelliert an die Befürwortung des Herrn Vertreters. Der Vertreter der Knltnsgemeinde,' Herr Dr. Schreiber, anerkennt die tüchtige Leitung des Vereines und spricht seine Freude über die günstigen Resultate, die im Rechnungs-Ausweis zum Ausdruck kommen, ans; was jedoch die Erhöhung der Subvention betrifft, weist er auf die vielfachen Ansprüche hin, die an die Knltnsgemeinde in jeder Richtung gemacht werden und die zu erfüllen weit über das Maß ihrer Möglichkeit hinansgehen. Er werde gewiß nicht unterlassen, das Gesuch des Vereins zu befürworten, zumal es ihn freue, konstatieren zu können, mit welchem Eifer der Gesamtvorstand unter Führung seines Präsidenten, Herrn Hermann Beck, die gedeihliche Entwicklung des Tempels anstrebe. Der vou den Revisoren geprüfte Kassenbericht wird zur Kenntnis genommen und dem Gesamtvorstande der Dank für seine hingebungsvolle Tätigkeit ausgesprochen. Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen wurden die anstretenden Vorstände, und zwar die Herren Adolf Beck, Adolf Getreuer, Friedrich Schiller, S. Steiner, Lazzaro Vitali, Heinrich Wagner wieder, Herr Gabor Rosenfeld neu, ferner als Revisoren die Herren Salomon Bauer, Hermann Stern, Philipp Weiß wieder gewählt. Mit einem Appell an die weitere Mnnifizenz der Tempelbesucher und Gönner des Vereins schließt der Vorsitzende die Versammlung.