Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 6. Das zahlreiche, vornehme Publikum nahm die interessanten, mit bewundernswerter Eloquenz vorgetrageuen Ausführungen beifällig auf. Sodann trat Rabbiner Dr. Michael Guttmann an den Borlesetisch und sprach über die fremden Kulturen im Talmud. Er wies auf das innige Berbältnis hin, das. zwischen den Juden und den verschiedenen anderen Völkern bestand, und konkludierte dahin, daß der Talmud die fremden Kulturen unvoreingenommen aufnahm und kritisierte. Vukovar. (B o r st a n d s w a h l.) Bei der am 30. Jänner statt' gehabten Vorstandswahl, wurde zum Präsidenten Herr Tr. L. Velio ein° stimmig gewählt. Herr I. Pfeffermann wurde zum Vizepräsidenten, Her* B. Obersohu zum Tempelvorstcher, Herr S. F- Klein zum Kasiier und Herr Dr. M. Schön zum Schriftführer gewählt. ^London. Herr Rabbiner Dr. Moritz Jung aus Ungarisch-Brod (Mähren) wurde von der „Federation of Synagogues“ in London, deren Präsident I^ord Lwaytlllirig - Älontagn ist, zum Ober-Rabbiner gewählt. Die Federation ist ein Verband von 51 Synagogeugemeinden, erhält eine große Zahl von jüdische» Schulen, die von dem auf diesem Gebiete besonders hervorragenden Manne reorganisiert werden sollen und zählt zirka 80.000 Mitglieder. — Dr. Jung, ein gebürtiger Ungar, besuchte die Talmudschulen der rabbinischen Koryphäen zu Prcßburg, Huszt usw., ging dann nach Marburg, wo er. ein begeisterter Schüler Professor Cohens, philosophische Studien intensiv betrieb, frequentierte hierauf die Universitäten Heidelberg, Würzburg und wurde in Leipzig zum Doktor Promoviert. — Dr. Jung gründere unter den größten Schwierigkeiten drei jüdische Mittelschulen — hat seinen Namen über die Grenzen Oesterreichs hinaus bekannt gemacht. Die neue Srelle dürfte dem Organisationstalente und der unermüdlichen Tatkraft des Tr. Jung ein bedeutendes Wirkungsfeld bieten. FeuiUeton. Mur romantisch! Humoristische Skizze von Babette Fried, Prag. Gefährlich ists, den Leu zu wecken, Schrecklich ist des Tigers Zahn; Doch das Schrecklichste der Schrecken — Ist die Suche, nach 'nein Mann. Auf dieser Suche befand sich Frau Rosalia Lindenstamm. Doch nicht für sich suchte sie einen Lebensgefährten, sie hatte dies Gott sei Dank nicht notwendig. Sie war schon seit fast fünfundzwanzig Jahren mit einem Herrn und Gebieter versehen, der noch obendrein die hohe Stelle eines israelitischen Kultusgemeindevorftehers bekleidete. Ihr Auslugen nach einem Heiratskandidaten galt aber ihrem Töchterchen, das sie gerne bald unter die Haube brächte. Da aber besagtes Töchterchen gar nichts dazutat, die vorsorgliche Mutter in ihren Bestrebungen zu unterstützen, fiel die ganze Last des Männersuchens auf die Schultern der letzteren. Und in bewährteren Händen hätten die Interessen Schön- Elschens auch nicht liegen können. Frau Rosalie führte Buch über alle heiratsfähigen Männer auf zehn Meilen in der Runde, welche für ihre Elfe in Betracht kommen konnten, und wehe demjenigen, ans den Frau Lindenstamm ihr Augenmerk gerichtet! Dieser wurde mit Einladungen ins Hans, zu Unterhaltungen, Ausflügen und Picknicks derart bestürmt, bis er eine Erklärung bei Fräulein Else wagte und — einen Korb erhielt. Denn Fräulein Else war im Punkte der Wahl eines Ehegenossen ungemein anspruchsvoll. Nicht als ob ihr künftiger Gemahl ein Adonis sein sollte, oder ein .Krösus oder Apollo, oder wie sonst nach Papas Ausdruck das Getier des Mythologenreiches heißet — nein nichts von dem allem. Sie war, was die äußeren Vorzüge ihres Zukünftigen betraf, sehr bescheiden, bescheidener, wie es sich für die Tochter eines wohlbestallten israelitischen Kultusvorstehers und Brenuereibesitzers eigentlich ziemte. Aber sie verlangte nach einer romantischen Liebe. Jemand,' der ihr auf eine alltägliche Weise seine Liebe bekannt gab, oder unter der Aegide der Mutter um ihre Hand an hielt, der war im Vornherein verloren. Furchtsam sollte sich ihr der Auserkorene nahen, nach des Dichters Worten „errötend ihren Spuren folgen", und statt der Brillantboutons, wie sie ihre Freundinnen zum Geschenk erhielten, sollte er. ihr einen Strauß der lieblichen Kinder Floras bringen, das Schönste auf den Fluren suchen, um seine Liebe damit zu schmücken. Doch trotz seiner Schiller'schen Schüchternheit sollte er für seine Liebe alles wagen, sich ihretwegen in Kampf und Gefahr bringen mögen. So träumte sich Else Lindenstamm eine romantische Liebe. Aber leider, bis jetzt hatte sich niemand gesunden, der diesem geträumten Ideale nur im eutseriitesteu nahe gekommerr war, und die gute Mutter mußte sich nach jedem mißlungenen. Heiratsprojekte besorgt zugestehen, daß es ihr nicht so leicht werden könne, ihre einzige Tochter und mit ihr die in der Wertheimkasse vorbereiteten Staatspapiere an den Mann zw bringen. Da trat in der Gemeinde ein Ereignis ein, welches die Aufmerksamkeit Frau Rosalies von ihrer Tochter ab und zu ihren anderen Pflichten, als Vorstehersfran nämlich, hinlenken sollte. Der. alte, abgeplagte Rabbiner war in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Es war dies eine Menncha ohne Simcha, das heißt, ohne ausreichende Pension: aber der König ist tot, es lebe der König! Die vakant gewordene Stelle mußte frisch besetzt werden. Es wurde zu diesem Behufe ein Konkurs ausgeschrieben. In der Ausschußsitznug legte der Vorsteher die eingegangenen Offerten vor. Unter allen schien den Herren die eines blutjungen Kandidaten, der eben erst das Seminar verlassen hatte, das berücksichtungswerteste zu sein. Nicht als ob seine Zeugnisse die allerbesten von allen gewesen wären, oder daß ihm der Ruf eines gewaltigen herzbewegenden Redners vorangegaugen wäre, sondern ans rein praktischen Gründen. Erstens habe ein lediger Mann selbstverständlich keine Familie; könne daher anständig von dem ausgesetzten Gehalte leben, was bei einem Familienvater nicht der Fall ist, die Gemeinde daher so manche Nebeneinkünfte schaffen müßte. Zweitens käme bei einem unverheirateten Rabbiner kein Wochenbett seiner Frau, kein Konfirmationsfest seiner Knaben, keine Verlobung seiner Töchter vor, welche freudigen Familienereignisse den Gemeindemitglieder gewöhnlich Kosten bereiten. Diese weisen Auseinandersetzungen wurden von dem ganzen engen und verstärktem Ausschüsse mit begeisterten. Ausrufen der Zustimmung begrüßt. Nur ein einziger der Herren wagte in der allgemeinen Begeisterung eine schüchterne Einwendung. Er sagte: „Wenn aber dann der neue Rabbiner heiratet, nachdem er eine Anstellung erhalten hat?" Diese vorwitzige Bemerkung verursachte bei den würdigen Gemeindehäuptern ein allgemeines Schütteln des Kopfes und ein stummes ratloses Vorsichhinstarren. Mit einem vernichtenden Blicke streifte der Vorsteher den unberufenen Störer. Dann aber sprach er mit der vollen Würde seines Amtes: „Wenn dieser Fall, was wir hoffen, eintreten wird, dann bekommt der neue Rabbiner doch eine Mitgift, so daß er jedenfalls besser daran ist, als einer, der diese Mitgift schon verzehrt hat' und statt Geld und Aussteuer eine Schar von Kindern in die Gemeindewohnnng mitbringt. Ein allgemeines Bravo! lohnte den für das Gemeindewohl besorgten Vorsteher. Auf den nächsten Schabbos Nachamu wurde dieser junge Rabbiner zur Abhaltung einer Probepredigt eingeladen. Die Synagoge war in allen Räumen vollgepfropft, was nur selten und nur während der hohen Feiertage zu sein pflegte, und gleich der Text der Predigt hatte es allen Zuhörern angetan, so daß an der Aufnahme des Redners nicht zu zweifeln war. Der junge Prediger hatte mit den Worten des Propheten ans . der" dieswöchentlichen Haftara die Rede begonnen: „Eine Stimme rief mir zu: Verkünde! Natürlich war diese Stimme der Ruf der Gemeinde,, welche ihn zu diesem Vortrage eingeladen hatte. . (Fortsetzung folgt.)