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Die Wahrheit · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die. Wahrheit Seite 7. Nr. 6. so viel sind insgesamt zum gemeinsamen Wahlfoitds eingegangen und in etwa 20 Wahlkreisen mehr oder minder nutzbringend .angelegt worden. Den Konkurs hat kein Jude wegen allzu generöser Dotierung des Wahlfondes anznmelden brauchen, nur eine politische Partei hat Konkurs machen müssen, die dentschsoziale Partei. Die „Deutsche Tages-Ztg." erblickt ebensalls im Hansab u n d e die Inkarnation des „j ü d i s ch e n Gei st e s", behauptet, daß „Kapitalismus, Proletariat und Judentum stets .zueinander gehört" haben, nnd stellt, ohne zu erröten, die ungeheuerliche Behauptung anfl: „Es kann ohne eine Silbe ' U e 6 e r t r e i b lt n g gesagt werden, daß in diesem Wahlkampfe die rechtsstehenden Parteien mit den Mitteln der Wahrheit arbeiten konnten und n u r mit ihnen gearbeitet habe n. Es ist kein erfreuliches, wohl aber ein lehrreiches Zeugnis, wenn hinzngefügt werden muß. daß die Lüge vielfach den Sieg erfochten hat, die j ü d i s ch e L ü g e." Die „Krenz-Ztg." betrachtet jetzt jeden Tag als einen -verlorenen, an dem sie nicht an den Juden ihr Mütchen kühlen kann. Mit grimmiger Freude übernimmt sie die Zuschrift (28.1.) eines Industriellen, der von dem gleichen — nahezu alttestamentlich anmntenden — Rachegefühl gegen die Inden beseelt ist; dieser Herr, der angeblich bisher der Jndenfrage indifferent gegenüberstand, schreibt ihr n. et.: . „Die Reichstagswahlen in diesem Monat sind es, welche mir diese Gedanken eingegeben, ja, welche mich nunmehr zu -einem unversöhnlichen Antisemiten gemacht haben. Ich möchte wünschen, daß das Judentum die Quittung für seine verhetzende Tätigkeit in unserem deutschen Vaterlaude erhält und daß der Antisemitismus in einer Weise ansl lebt, wie wir ihn bisher noch nicht kannten, denn geschieht nichts gegen diesen zersetzenden Einfluß des jüdischen Geistes und Kapitals, dann geht Deutschland eher daran zugrunde, als an der Sozialdemokratie an sich." Auch G ra s Mirbach,' der Führer der konservativen Herrenhausfraktion prophezeit in der „Krenz-Ztg." (29. 1.) als Folge des Auftretens des Hansabundes „eine scharfe Wiederbelebung der antisemitischen Bewegung", allerdings mit der Einschränkung, daß das „doch nicht gerade erfreulich" sei. Also eine frisch-fröhliche In d e n h a tz soll nach den Wünschen der agrarischen Desperados den von den Führern in den Sumpf gefahrenen konservativen Parteikarren wieder flott anacheu und die Regierung soll das verschlissene Banner des Rassen- und Glaubenshasses den in der Wahlschlacht von 1912 invalide gewordenen reaktionären Herrschaften vorantragen. So verlangt es auch das christl.-soziale „V o l k" (26. 1.), das die Niederlage des schwarz-blauen Blockes vornehmlich dem Umstande zuschreibt, „daß man sich an den F ü h r e r st e l l e n unseres Volkes gegen ein eingehenderes Studium der Jude n f r a g e systematisch verwahrt nnd a b s ch l i e ß t. — "Der Herr Reichskanzler von B e t h m a n n H o l l w e g, der Manu der „gottgewollten Abhängigkeiten", weiß also jetzt, was er zu tun hat, wenn er sich nicht das Wohlwollen der „wahren Patrioten" verscherzen will. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. Dienstag, den 6. Februar, 6 Uhr abends fand unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt, deren Tagesordnung faktisch geeignet war, in hohem Grade öffentliches Interesse zu erwecken. Zunächst wurden zwei Statutenänderungen beschlossen, die einerseits durch die Einverleibung des Bezirkes Floridsdorf in das Gebiet der Wiener Knltnsgemeinde, andererseits durch die Wirksamkeit' des Pensionsversicherungsgesetzes vom Jahre 1906 bedingt waren, und hierauf wurde mit der Vorlage eines neuen Lehrplanes für die zwei obersten Klassen der Mittelschule die Frage der Reform des Religionsunterrichtes aufgerollt, die besonders in letzter Zeitin intensiver Weise die öffentliche Diskussion beschäftigte. Der neue Lehrplan, der, wie wir dem überaus instruktiven Referate des Abteilungsleiters Guido Fuchsgelb entnahmen, vorläufig nur an drei Wiener Mittelschulen versuchsweise eingeführt werden soll, basiert auf einer vom Knltnsvorsteher Dr. Maximilian Steiner angeregten Aendernng in der Methodik des Religionsunterrichtes und verfolgt den Zweck, das Interesse der Jugend für den Religionsunterricht zu erhöhen. Mag man dem Versuche noch so skeptisch gegeuübersteheu, so wird man doch bekennen müssen, daß schon das Bestreben an sich, auf diesem Wege der zunehmenden Entfremdung der jüdischen Jugend Einhalt zu gebieten, Achtung und Würdigung verdient. Im Nachstehenden der Bericht: Einlauf. Dankschreiben der Geschwister Baum garten für den Beschluß des Kultnsvorstandes betreffend die Aufnahme ihres Vaters des sel. Herrn Emannel Banmgarten in die Haskara der Gemeindebethänser. — Dankschreiben des Herrn kais. Rad Wilhelm für die Glückwünsche des Vorstandes anläßlich seines 70. Geburtstages. — Zuschrift des Herrn Professor Dr. Ludwig Stein (Dank für die ihm anläßlich seines Vortrages in Wien gewordenen Ehrungen). — Dankschreiben des Herrn geh. Regierungsrates Professor Dr. Ludwig Geiger für die Zusendung des Bibliothekskataloges der Salo Cohnschen Schenkungen. — Dankschreiben des Herrn I. V. Baß für die Glückwünsche des Vorstandes anläßlich seines 70. Geburtstages. — Dankschreiben des Herrn Schriftstellers Alois Knlka für die Gratulation des Vorstandes anl. seines 70. Geburtstages. Nach Verlesung des Einlaufes konstatiert der Vorsitzende die zur Statutenänderung notwendige Präsenzzahl der Vorstandsmitglieder und erteilt hierauf dem Vertreter Wilhelm Ku ffuer das Wort, der ttamens des Vertreterkollegiums den Antrag stellt, von den in Aussicht genommenen Statutenänderungen heute nur die Aendernng des § 66 betreffend die Ruhegenüsse der Angestellten nnd die Erhöhung der Anzahl der Vertrauensmänner — beide mit Rücksicht auf ihre besondere Dringlichkeit — vorznnehmen und die weniger dringliche Aendernng einzelner Bestimmungen des Regulativs der Stenerbemessnngen schon aus Rücksicht für den erkrankten Referenten Dr. Leopold Kohn zu vertagen. Nach einer formellen Debatte, an welcher sich die Herren Dr. '.Schreiber, S. Brod, kaiserl. Rat Weil und der Vorsitzende beteiligen, wird der Antrag Kuffuer angenommen und hierauf in das Meritum der Statutenänderungen eingegangen. Bersorgnngsgennsse der Angestellten. Abteilungsleiter Dr. Leopold Stern referierte über die mit Rücksicht auf das Pensionsversichernngsgesetz notwendige Aendernng des § 66 des Statutes betreffend den Anspruch der Angestellten der Knltnsgemeinde ans Versorgnngsgenüsse. Der betreffende Paragraph soll nach den Anträgen des Vertreterkollegiltms nunmehr folgendermaßen lauten: „Sämtlichen in Gemäßheit der staatlichen Gesetzgebung versichernngspflichtigen Angestellten (Religionsdienern und Verwaltungsbeamten) gebühren seitens der Knltnsgemeinde für ihre Person und für ihre Hinterbliebenen — unbeschadet bereits erworbener oder etwa in Hinkunft zugestehender weitergehender Rechte — unter den gesetzlichen Voraussetzungen nnd zumindest in dem gesetzlichen Ansmaße die im Gesetze vom 16. Dezember 1906. R.-G.-Bl. Nr. 1 ex 1907 eventuell in etwaigen anderen an Stelle dieses Gesetzes tretenden gesetzlichen Bestimmungen normierten Versorguugsgenüssen." In hierauf folgender Debatte stellte Dr. Jakob Engel die Frage, ob es nicht möglich und znläßig wäre in diesen Paragraphen auch die Funktionäre der Tempelvereine, die gleichfalls zur Versicherungspflicht herangezogeu werden, einzubeziehen und Dr. Heinrich Schreiber beantragt eine konditionelle Fassung des Paragraphen. Die Anregung Dr. Engels wird allseits als undurchführbar bezeichnet, der Antrag Dr. Schreiber als inopportun abgelehnt und hierauf die Aendernng des § 66 in der vom Referenten vorgeschlagenen Faffnng einstimmig angenommen.

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