Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6. Die Wahrheit. Nr. 6. solche Knaben ausgewählt werden, denen die Natur schon bei der Geburt das Geschenk eines glänzenden Organs gegeben hat und daß dies beim Vortrag sehr ausschlaggebend ist und schwer ins Gewicht fällt. Ich aber sage, daß jedes Kind durch Schulung, und zwar durch Schulung im Chorgesang, dasselbe treffliche Organ erhalten kann. Ja, ich gehe noch weiter und behaupte, daß Kinder, die notorisch tontaub sind, durch richtige Behandlung die Treffsicherheit im Tonieren erhallen müssen. Und nun komme ich zu dem Schluß, daß die jüdischen Eltern ihre Kinder in den Tempelchor schicken sollten, ohne auf. den kleinen Gehalt zu sehen, ja sie sollten es geradezu als Stolz empfinden, wenn ihre Kinder in den Tempelchor ausgenommen werden. Man denke sich nun einen so starken, von herrlichen Kinderstimmeu in Sopran und Alt ausgesüllten Chor, der die Gesänge des Altmeisters Sulz er in entsprechender Weise zu Gehör bringt. Für mich wenigstens wäre ein solcher Chor das Erhebendste, das ich mir denken kann. Es würde sicherlich auch auf jeden anderen dieselbe starke Wirkung ausübeu, und ein solcher im richtigen Piano, im richtigen Forte und Fortissimo singender Chor, assistiert von den trefflichen Tenören und Bässen, müßte einen Gottesdienst mit Damenchor und Orgel überflüssig machen. Die Furcht, daß der freiwillige Eintritt vieler Schulknaben in den Tempelchor für die Bedürftigen den Verlust eines kleinen Gehaltes bedeuten würde, ist ganz unbegründet, denn die Kultusgemeinde könnte ans diese freiwilligen Sänger, die ja. nur eine Verstärkung und Kräftigung bilden könnten, nicht mit voller Gewißheit, besonders in den Ferienmonaten, rechnen und so müßte sie natürlich die Phalanx kleiner, tüchtiger Sänger erhalten, die aber doch durch Einspringen der Freiwilligen entsprechend emlaster werden könnten. Und nicht allein die Eltern, sondern auch die Schule müßte hier mit ihrem ganzen Einfinß eingreiseu. Es wird ja leider io viel darüber geklagt, daß unsere Wiener Schulkinder das Beten gänzlich verlernen und das jüdische Lesen nach dem Austrittans der Schule überhaupt nicht mehr innehaben. Man versucht ja jetzt beim Jngeudgottesdieust, einmal in zwei Wochen, die Kinder zum Mitsingen und Mitbeten anzneifern — allerdings wirkt das Rezitieren des Aschre durch zwei Buben aus den Zuhörer recht eigentümlich, wenn nicht komisch — aber der richtige Eifer ist es nicht. Der Eintritt in den Tempelchor mit Aussicht aus Prämien für eine hohe Präsenzziffer, das Mitsingen in Kutte und Kappe, das wäre der richtige Ansporn, das wäre meiner Meinung nach das einzige Mittel, die Kleinen wieder ans Beten und richtige Lesen zu gewöhnen. Und um auch denen zu genügen, die ihre Kinder nicht öffentlich aufstellen möchten, damit man nicht meine, daß sie um Geld, singen, wäre es dringend zu raten, mit dem alten Gerümpel endlich einmal aufzuräumen und d e n C h o r v o m A l t a r weg ans die C h o r g a l e r i e zu bringen. Dieses Herumrennen der Kleinen und Großen, die Einsichtnahme in die Blicke und Kniffe des Dirigenten wirken derart störend und unästhetisch, daß ich mich bei dem großen und anerkannten Feingefühl des Wiener Vorstandes schon lange wundere, wie er dieses den Gottesdienst störende Herumstehen von zwanzig Leuten noch immer dulden kann. Mau höre doch einmal die Wirkung des Gesanges bei Hochzeiten, dann in den Tempeln am Alsergrund, in der Josefstadt und in der Schmalzhofgasse, wie der volle, zusammenhängende Ton wie ein Ganzes, mächtig imponierend, in die Halle hinausgeschmettert wird und man müßte mit diesem alten System sofort brechen, das sich für den polnischen Ritus vielleicht eignet, wo der Kantor einem Buben für einen Mißton staute xeäe und brevi manu eine Züchtigung erteilt. Für den verfeinertet! modernen Geschmack aber wirkt nur der Vorbeter allein am Altäre stehend, unterstützt von einem unbeobachteten und daher besser im Zaume gehaltenen Chor, wirklich erhebend.-Das Sprechen des Dirigenten mit den Sängern, das Lachen und Hin- und Herrennen der Kleinen, das störende Dirigieren des Chorleiters, dem der Vorbeter bisweilen durch Haudbewegnugen ein schnelleres Tempo andeutet, ist eine Farce. Und es wäre für alle. Tempel der Kultnsgemeinde eine der heilsamsten Reformen, wenn diesemUebelständ, zumal überall Chorgälerieu vorhanden sind/ äbgehölfen würde. — Der große, durch freiwillige Sänger verstärkte Tempelchor, dem der Dirigent ans erhöhtem Standpunkt, mit dem Taktstock in der Hand, gegenübersteht, der seine Schar vollkommen überblickt und der ungestört und sofort jede Anordnung treffen kann, der allein könnte jene bedeutsame Wirkung hervorbringen, - daß alle Eltern mit wahrem Stolze darauf Hinweisen würden, wenn anch ihre Kinder zu dem einzig erhebenden Gottesdienste beitrügen. Adolf Heinrich Landau. Der Sündendock. Nach den deutschen Reichsratswahlen. Nachdem die vereinigten Reaktionsparteien eine so empfindliche Schlappe bei den Reichstagswahlen erlitten haben, entladen sie allen ihren Haß und Zorn über ihre Enttäuschung gegen die — Inden. „Krenz-Ztg.", „Deutsche Tages-Ztg." machen im trauten Verein mit der antisemitischen Winkelpresse das Judentum für ihre Wahlniederlage v e r a n t w o r t l i ch. Wenn die deutschen Juden Anlagen zur Eitelkeit besäßen, könnten sie beinahe stolz sein ans den überragenden politischen Einfluß, den das Reaktionskartell ihnen — audichtet. Der kleine David hat den Riesen Goliath erschlagen. Die 600.000 Juden haben den 6 Millionen Christen in Deutschland bei der Reichstagswahl ihren Willen anfgezwungen. Also behauptet ganz ernsthaft die Presse der Hauptleidtragenden Parteien. Die „Krenz-Ztg." faselte von einem „unter jüdischer Führung stehenden Großkapital", das sich schon im vergangenen Sommer in die äußere Politik eingemischt habe, und fuhr dann fort: „Vielleicht erfahren wir noch die Lösung des Rätsels, über das sich die deutschen Diplomaten so gründlich ansschweigen, tvie man vonAgadir zu dem Marokko-Abkommen gelangt ist, und weshalb der Reichskanzler über dieses Abkommen so wehmütige Worte gesprochen hat. Schon hente finden Banksachverständige diese Lösung in der Kons e re n z d e r s ü h re n d e n G e l d m ä n n e r mit d e m Staatssekretär des Auswärtige n. Unwahrscheinlich ist das nicht, und die Beweise werden ja zu beschaffen sein. Ganz klar zutage aber liegt die direkte Einmischung der jüdischen F i n a n z i n die P a r t e i b e w e g n n g: Das Ansgehen des größten Teiles der nativnalliberalen Partei im Linksliberalismns und das durch diesen vermittelte Stichwahlabkommen des Gesamtliberalismns mit der Sozialdemokratie ist alles das Werk der ihrer Macht bewußt gewordenen Banknnd Börsenwelt, die sich so gern euphemistisch als „deutsches Bürgertum" bezeichnet und sich ebenso euphemistisch den Namen „Ha n s a b n n d" beigelegt hat..." Der Haß ist nun freilich ein schlechter Ratgeber. Das hat anch die „Krenz-Ztg." sehr bald zn ihrem Leidwesen erfahren müssen, denn die offiziöse „Nordd. All g. Z t g." erhielt vom Reichskanzler den Auftrag, die Behauptung von der Einmischung deutscher Finanzkreise in die äußere Politik des Reichs und von der Konferenz mit dem Staatssekretär des Auswärtigen in das Reich der Fabel zn verweisen. Wir brauchen wohl nicht erst hinzuzufügen, daß der angeblich beherrschende Einfinß des („jüdischen") Großkapitals auf die Wahlbewegnng und das Parteileben ebenfalls nur in der Phantasie der „Krenz-Ztg." besteht. Die Geldmittel des Hansabundes stammen nur zu einem geringen Bruchteile aus Börsen- und Bankkreisen, zum überwiegenden Teile aus den Kreisen der Industrie und des Handels. Oder hat das konservative Blatt vielleicht gar die Riesensnmmen im Auge, mit denen die beiden Ab w e h r v e r e i n e in die Wahlbewegnng „eingegriffen" haben? Die „Deutschsoz. Bl." wissen ja ebenfalls Schauergeschichten hiervon zu erzählen: „Gerade in 11 n sere Wahlkreise haben die j ü dische ir Verbände u u g e h e ur e S u m m e n hiueingeworfen. Kassel, Eschwege und Fritzlar haben den Juden Vermögen g e k o st e t. Wie tapfer unsere Leute dort geföchten haben, das ahnen die meisten gar nicht."' „Das „Vermögen", das die beiden Abwehrvereine der Wahlbewegung geopfert haben, beträgt ungefähr 40.000 M