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Die Wahrheit · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheil Seite 5. Nr. 6. Sva;ii b a lt imb Justizrat Fuchs an. Der Leitung der deutschen Könferenzgemeinschaft wurde einstimmig ein Vertrauensvotum erteilt. * * * .. Airs Petersburg wird dem ..Israelit" berichtet: Am 23. Januar fand hier eine Versammlung der Emigratiousgesellschafl unter Beteiligung der Emigrationsvereine aus Kowno, Minsk, Wittebsk, Mohilew, Kiew, Warschau, Riga, Wilna und Lodz statt. Die Verhandlungen drehten sich in der Hauptsache um die Frage des Allgemeinen Emigrationskongresses, die nicht vorwärts rücken lvill. Es war geplant, eine Deputation nach Amerika zu schicken, um dort für den Kongreßgedanken zu propagieren. Die Erfolge der Propaganda, die man in Europa nach dieser Richtung hin entfaltet hat, sind aber so gering und entmutigend, daß man sich in ernsten Kreisen die Muhe einer neuen Agitation in Amerika ersparen möchte. Ans dem aus der Versammlung erstatteten Bericht über die Propaganda in Europa geht hervor, daß die großen philanthropischen Organisationen für den Kongreßgedanken noch nicht gewonnen sind. Es wird ihnen zum Vorwurf gemacht, daß sie sich die Sache der jüdischen Answanderung überhaupt nicht angelegen sein lassen. Die Beteiligung am Kongresse lehnen sie unter Berufung aus Jakob H. Schiss ab. der ein ausgesprochener Gegner des Kongresses ist. Es war auch nicht gelungen, Herrn Schiff in dieser Beziehung eines Besseren zu belehren. Eine Deputation, die sich im letzten Herbste zu ihm in dieser Angelegenheit nach Frankfnrt begab, wurde von ihm n i cf) t empfangen. Nach einer lebhaften Debatte wurde beschlossen, trotzdem die Propaganda für den Emigrativnskongreß in Europa wie in Amerika fortzusetzen und eventuell den Kongreß auch ohne Mitwirkung der großen Organisationen einzubernsen. * * * Wie gering die Aussichten sind, daß in nächster Zukunft eine Besserung der- Lage der russischen Juden eintreten könne, und wie wenig auch der russisch-amerikanische Paßkonffikt an den gegenwärtigen Verhältnissen etwas ändern werde, geht aus Aenßernngen hervor, die vor kurzem Ministerpräsident Kokowzew gegenüber dem Petersburger Korrespondenteu eines amerikanischen Blattes über die Kündigung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages machte: „Keine Regierung eines zivilisierten Landes", meinte Kokowzew, „habe jemals Einspruch erhoben gegen das selbstverständliche Recht eines jeden Staates, nach eigenem Gutdünken zu bestimmen, welche Kategorien von Ausländern für den betreffenden Staat unerwünscht sind. Dies sei eine der Hauptgrundlageu des Völkerrechts, und auch Amerika habe von diesem Recht ausgiebigen Gebrauch gemacht, indem es die Einwanderung gewisser ausländischer Elemente, die dort aus wirtschaftlichen, sanitären, rassenpolitischen, religiösen oder moralischen Ursachen als „unerwünscht" angesehen werden, gesetzlich verbot. So hat die amerikanische Gesetzgebung Angehörige von Glanbensgemeinschaften, die die Polygamie dulden, von'der Einwanderung ausgeschlossen, während z. B. die russische Regierung in dieser Einwanderung, keine Gefahr sieht. Weder die russische noch die amerikanische Regierung habe jemals die verschiedenen Einwandernngsbeschränknngen, die in den Jmmigrationsgesetzen beider Länder enthalten sind, mit den Bestimmungen des Handelsvertrages vom Jahre 1832 unvereinbar gefunden. Nun hat die russische Gesetzgebung aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen für die jüdischen Untertanen Rußlands eine Reihe von Begrenzungen getroffen. Es sei unter diesen Umständen selbstverständlich, daß die russische Regierung den ausländischen Juden keinen freien Zutritt nach Rußland gewähren könne, da ja sonst die ausländischen Inden mehr Rechte in Rußland besäßen, als die jüdischen Untertanen des Reiches. Daß die russische Gesetzgebung die eingeborene Bevölkerung des arbeitenden .Standes gegen die. Herrschaft eines Fremdvolkes (!) schützen wolle, sollte doch dem amerikanischen Volke verständlich sein, das aus ähnlichen Motiven die Einwanderung von Asiaten nach den Vereinigten Staaten nicht zuläßt". ' - * * ' - * : In einer am vorletzten Sonntag in London stattgehabten Delegirtenversammlnng wurden in der Chief-Rabbisrage zwei Resolutionen angenommen. Die erste Resolution bestimmt, daß an der Wahl eines Chies-Rabbis nur diejenigen Gemeinden und knlturellen Bereinigungen durch eine ihrer Beitragsleistung entsprechende Anzahl von Wahldelegierten teilnehmen können, welche schon bisher zur Erhaltung des Chief-Rabbipostens Beiträge geleistet haben. Durch diese Resolution wurden alle jene wichtigen knlturellen Körperschaften des East-End von der Einflilßnahme .aus das Chief-Rabbinat ausgeschlossen, ivelche durch ihr ganzes inteiisiv religiöses Leben und durch ihre Sorge um die Erhaltung des religiösen Sinnes innerhalb der englischen Jndenschast bei der Auswahl der Persönlichkeit für das Chies-Rabbiamt am meisten interessiert sind. Noch engherziger ist die zweite Resolution, welche besagt, daß für die Wahl eines Chies-Rabbipostens nur ein englischer Rabbiner in Betracht kommen könne. Durch diesen Beschluß wird der Kreis derjenigen, welche bei der Wahl nunmehr in Betracht gezogen werden können, so enge gezogen werden, daß es aus sehr viele den Eindruck macht, als ob diese Resolution direkt ans den Leib einer bestimmten, schon vorher ins Auge gefaßten Person.zugeschnitten worden wäre, welche man vor der Konkurrenz auswärtiger bedeutender Rabbiner hat von vorneherein schützen wollen. Der Wert des ChorgesanKes. Ich hatte Gelegenheit, am vorigen, sowie am letzten Samstag im Tempel in der Seitenstettengasse zwei kleiner» Knaben znzuhören, die als Barmizwa die Hafthara rezitierten. Beide Knaben gehörten dem Tempelchore an. Der erste hatte den deutschen Vortrag eiustudiert, der zweite den traditionellen Vortrag gewählt. Und beidemal wurde mir ein wahres und aufrichtiges Vergnügen bereitet. Tenn ein so reiner, schöner Vortrag, mit so Heller, klarer Sopranstimme wiedergegeben, eirr io korrektes Lesen, ein so verständnisvolles Betonen wird in der Regel bei den Barmizwaknaben nicht wahrgenommen. Ich mußte mir also sagen, daß hier die Schulung im Chorgesang, der Zwang, die Gesangstücke auswendig und richtig auswendig zu können, diese Geläufigkeit im Beten und diese Sicherheit im Rezitieren schafft. Auch die sonst zn beobachtende Befangenheit schwindet hier, da die kleinen Jungen stets bei vollgepfropften Tempeln singen und ihnen das Lampenfieber fast gänzlich fehlt. Und deshalb diese Sicherheit, deshalb dieses resolute Selbstgefühl, und was da herauskommt ist ein vollendetes Ganzes, eine abgerundete Leistung, die auch der beste Vortragende unter Erwachsenen nicht trefflicher zn bringen vermag. Hat der eine der Knaben den schönen deutschen Vortrag tadellos zn Gehör gebracht, so mußte man bei dem anderen das bravuröse traditionelle Rezitieren der Brvches loben; er hat da offenbar die Vortragsweise des Oberkamors nachgeahmt und er führte sogar den Chor stets zum richtigen Ton, was bei den Besncherir des Tempels Heiterkeit, bei mir aber eine offensichtliche Freude anslöste. Und nun muß ich fragen, ob diese beiden kleinen Jungen, die in Krrtte und Kappe ihren Barmizwavortrag hielten, die gleiche schöne Leistung erbracht hätten, wenn sie nicht durch den Chorgesaug im Vortragen und Auswendiglernen geschult wären? Ich glaube nicht. Und ich habe schon vielen Jungen in verschiedenen Wiener Tempeln zngehört und kann mich nicht erinnern, einen so klaren, lauten irnd zum Aufhorchen zwingerrden Vortrag gehört zu haben. Ich bin also der Ansicht, daß hier der Chorgesang unsere Kleinen zu so trefflichen Rezitatoren gemacht hat und daß diese Art des lauten Bortragens, des richtigen Aussprechens, des freien furchtlosen Auftretens eine heilsame Folge der Schulung im Chore ist. Und so wäre die vom Rektor der Wiener Universität, Hofrat Bernatzig, so intensiv propagierte Schulung für den öffentlichen Bortrag, die Schaffung einer Lehrkanzel für Rhetorik und die Uebnng im freien Sprechen im jüdischen Chore ans eine einfache und spielende Weise gelöst. Denn der kleine Junge, der ein Stück aus den Propheten io tadellos vortragen lernt, ist sicherlich rroch in höherem Maße fähig, ein gleiches deutsches Stück in meisterhafter Weise zu Gehör zn bringen. Man wird mir erwidern, daß hier nur

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