Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 6. Das Beispiel der Leipziger Universität, die vom 1. April ab ein Lektorat für späthebräische, jüdisch-aramäische und talmndische Literatur einrichlet, dürfte bald auch an anderen Universitäten Nachahmung sindeu. Zn einfinßreicheil jüdischen Kreisen Berlins wird die Errichtung eines Lehrstuhles für die Wissenschaft des Judentums an einer preußischen, womöglich der Berliner Universität angestrebt. Zn diesem Zwecke sollen Anfang März d. I. in allen preußischen Gemeinden Geldsammlnngeu veranstaltet werden. Bedenken bestehen nur in der Richtung, ob ein einziger Lehrstuhl für das umfangreiche Gebiet der jüdischen Wissenschaft genügt. Die ungarische Regierung trägt sich schon lange mit dem Gedanken, an der Budapester Universität einen Lehrstuhl für Talmud und talmndische Literatur zu errichten. Die Verhandlungen stießen ursprünglich in den Kreisen des hohen Klerns auf Widerspruch. Nun sind diese Verhandlungen so weit gediehen, daß die Vereinbarung getroffen wurde, anstatt einer Lehrkanzel zwei solche für Talmud zu schaffen, und zwar eine auf der katholisch-theologischen Fakitllüt und die zweite auf der philosophischen Fakultät. Die maßgebenden Kreise haben sich auch bereits auf die Personen der für diese Disziplin zu berufenden Gelehrten geeinigt. Demnach wurde für die talmndische Lehrkanzel auf der katholisch-theologischen Fakultät der Jesuitenpater Professor Leopold Hube r, gegenwärtig Lehrer am erzbischöflichen theologischen Seminar in Kolocsa, und für die philosophische Fakultät der Professor für Talmud am Budapester Rabbinerseminar, Dr. Ludwig Blau, in Aussicht genommen. Beide Lehrkanzeln sollen zn Beginn des nächsten Schuljahres inauguriert werden. * * * Den 200jährigen Geburtstag Friedrich des Großen hat die antisemitische Presse in Deutschland nach Maßgabe ihres Geschmackes und Taktes gefeiert, indem sie aus der Fülle seiner Randbemerkungen eitiige unwillige Aenßernngen des Königs auf Bittgesuche und Beschwerden zitierte. Die Order Friedrichs des Großen, daß in den kleinen Städten die „schlechten und geringen Juden nach aller Möglichkeit weggeschaffet werden," und daß Breslau nicht zn einem „ganzen Jerusalem" gemacht werden solle, findet ihre Erklärung in den damaligen Verhältnissen. Auch Männer wie Friedrich der Große waren bis zu einem gewissen Grade Kinder ihrer Zeit; wir erinnern nur an die überragende Stellltng, die er beispielsweise dem Osfiziersstande zngestand. Aber ein Fürst, von dem Geist und den Charaktereigenschaften des großen Friedrich, konnte nicht Antisemit sein. In seinen Landen sollte jeder nach seiner Fasson selig werden; es sollten alle Religionen toleriert werden; — mit diesem Grundsätze vertrugen sich nimmermehr antisemitische Anschauungen. Wie er über die Judenfrage dachte, das beweisen aufs deutlichste die Worte, die einem seiner Briefe an d^Alembert (veröfientlicht in dem halbamtlichen Militärwochenblatt) aus dem Jahre 1781 entnommen sind: „Erlauben Sie mir. Ihnen zu sagen, daß unsere jetzigen Religionen der Religion Christi so wenig gleichen, wie der irokesischen. Jesus war ein Jude, und wir verbrennen die Juden. Jesus predigte eine gute Sittenlehre, und wir üben sie nicht ans. Jesus hat keine Lehrsätze aufgestellt, und wir haben reichlich dafür gesorgt." Und in der „Geschichte des Hauses Brandenburg" sagt Friedrich H.: „Der falsche Eifer ist ein Tyrann, welcher die Länder' entvölkert. Die Toleranz ist eine zärtliche Mutter, welche sie nährt und zur Blüte bringt." Uebrigens hat der große König auch Juden gegenüber eine huldvolle Gesinnung bekundet. Dem Handelsmann Pinkus Seligmann Pappenheim in Pitschen (O.-Sckl.), der in der Schlacht bei Leuthen einen hohen preußischen Offizier ans den Händen der Feinde befreite, stand er hilfreich zur Seite, als der Magistrat in Pitschen ihm den Aufenthalt und den Gewerbebetrieb innerhalb der Stadt untersagen wollte, er ließ durch die Breslauer Domänenkammer anordnen, daß es sein unumstößlicher Wille sei, daß der Jude Pappenheim in Pitschen wohnen und dort mit Spezereiwaren usw. handeln dürfe, da er eine der sieben privilegierten Banden besitze. * » * Anknüpfend an die Reminiszenzen ans der Zeit Friedrichs des Großen erscheint es vielleicht zeitgemäß, ans den Lebenserinnernngen des Philosophen Geheiinrat Moriz Lazarus eine Episode aufzufrischen, die das ritterliche Verhalten Kaiser Wilhelm I. gegenüber dem jüdischen Gelehrten besonders kennzeichnet. Im Jahre 1868 war der damals schon gefeierte Philosoph, der niemals im Besitze eines Taufscheines sich befunden, zum Professor der Philosophie an die — Kriegsakademie berufen! In dem preußischen Militärstaate ist also tatsächlich mal ein nicht im Besitze eines Taufscheines befindlicher jüdischer Gelehrter an der Kriegsakademie einige Jahre lang tätig gewesen. Sehr schön tritt der edle und ritterliche Charakter Kaiser Wilhelm I. in dem Kapitel 19 hervor. Der General v. Etzel — ein herrlicher Mensch — war seit 1866 Direktor der Kriegsakademie; er trat warm ein für die Berufung des jüdischen Gelehrten. Gegen dessen Berufung hat aber der bekannte Pädagoge Geheimrat Wiese, der von 1864 bis 1870 Mitglied der Militärstttdienkommissiott war, Bedenken. Offiziere sollten als Schüler dem jüdischen Gelehrten nicht untergeordnet werden. Seite 515 heißt es nun wörtlich: „Indessen beharrte General v. Etzel auf dem einmal gefaßten Entschluß. Er hatte den Vortrag beim König und legte auf Grund des Majoritätsbeschlusses das eventuelle Patent zur Unterzeichnung vor. König Wilhelm in seiner Gewissenhaftigkeit ließ sich alle Vota wörtlich wiederholen und sagte dann: „Nun? Was also meint denn Wiese?" Etzel las zunächst das überaus anerkennende Urteil des Genannten vor. König Wilhelm hörte aufmerksam zn und sagte dann nochmals: „Was hat denn Wiese gegen den Mann?" „Daß er ein Jude ist, Majestät." Darauf König Wilhelm trocken: „Wenn es sonst nichts ist" — nahm die Feder und unterschrieb." £ 4- Von Kaiser Wilhelm II. wird erzählt, daß er einmal, als die Frage der Berufung des Generaldirektors der Hamburg- Amerika-Linie, Ballin. in ein höheres Staatsamt erörtert wurde, auf den gleichen konfessionellen Einwand eine ähnliche abwehrende Antwort erteilt haben soll. Bisher ist jedoch noch kein Jude in der preußischen Armee aktiver Offizier, kein jüdischer Jurist Landesgerichtspräsident, kein jüdischer Regiernngsassessor — wenn es solche überhaupt gibt — Landrat, geschweige denn ein hervorragend befähigter Mann jüdischen Glaubens, etwa gar Minister oder Staatssekretär geworden. Und doch hat selbst ein Bismarck, der in seinen Jngendjahren gewiß kein Jndenfrennd gewesen ist, als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident in seiner Abgeordnetenhansrede vom 30. Jänner 1872 anerkennen müssen: „Sobald wir den Staat in konfessionelle Stücke schneiden . . ., so kommt auch noch die ganz beträchtliche Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Betracht, deren Mehrheit sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäfte anszeichnet." * * * Am Sonntag, den 28. v. M., fand in Berlin eine von der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle einberufene Delegiertenverfammlung der deutschen Lokalkomitees statt, die zn dem Vorgehen der Pariser Leitung Stellung nehmen sollte. Die Versammlung war sehr stark beschickt. Nach längeren Verhandlungen wurde mit allen gegen eine Stimme die Grüttdung eines Deutschen Landeskomitees der Alliance Jsraelite Universelle beschlossen und ein Komitee ans fünf Personen eingesetzt, das bis zur Einsetzung des definitiven Vorstandes die Geschäfte des Landeskomitees führen wird. Diesem vorbereitenden Komitee gehören auch die Herren Geheimrat