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Die Wahrheit · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ein frischer, freier Zug geht durch die Lande, der liberale Gedanke, der lange Zeit ganz außer Kurs gefetzt war, scheint wieder an Geltung zu gewinnen und überall, wo das Volk zur Urne berufen wird, haben, wie der Ausgang der Reichsratswahleu in Deutschland und die Laudtagswahlen in Bayern beweist, die reaktionären Parteien starke Verluste erlitten. Auch bei uns in Oesterreich bereitet sich ein Waudlungsprozeß vor, die innere Korruption der christlichsozialen Partei tritt auch für das blödeste Auge immer deutlicher zutage, langsam aber sicher wendet sich die Bevölkerung von den Demagogen ab, die Klasse gegen Klasse und Rasse gegen Rasse hetzten, um bei dem angefachten Brande ungestört ihr kräftiges Süpplein kochen zu können, und vielleicht werden schon die nächsten Gemeinderatswahlen dem christlichsozialen Regime in Wien das schon lange verdiente Ende bereiten. * Ueber d i e Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation in O este r r e i ch wird uns folgendes mitgeteilt: Im Anschluß an die vor kurzem statlgehabte Versammlung im Sitzungssaale der Wiener Kultnsgemeinde hat sich in Wien .ein Komitee gebildet, das in erster Linie die Förderung der F i n a n z i n st i t u t e der A. I. K. O. zum Zweck hat und dessen Mitglieder bereits eine Reihe von Beteiligungen gezeichnet haben. Sobald das Komitee auf dem Wege der Kooptiernng seinen Ausban vollendet hat, wird es an namhafte Mitglieder der Wiener Kultusgemeinde einen Aufruf erlassen. Ferner beschloß das Komitee, die von Dr. Alfred N o s s i g und Herrn Ernst L ö w e n b e r g in der Wiener Versammlung erstatteten Referate in Druck zu legen und zu verbreiten. Am 28. Jänner hat nun auch in Prag in Festsaal des Israelitischen Rathauses eine Versammlung zu Gunsten des Werkes der A. I. K. O> stattgefunden. Die Einladungen waren. von einem Kreise angesehener Mitglieder der Prager Kultusgemeinde ausgegangen, dem n. A. der Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, die Leiter der Kultnsgemeinde Dr. Arnold Rosenbache r, Dr. Ludwig B e n d i e n e r, kais. Rat S. Hau r owitz, kais. Rat Robert Fuchs, kais. Rat Moritz Hahn, Dr. N. L. K o h n e r. die Präsidenten der Hnmanitätsvereine B'nai Brith Dr. Moritz Hammerschlag, Dr. Gustav G i n tz, Dr. Arnold P o l l a k, der Leiter der Prager Filiale der Israelitischen Allianz Heinrich Denhof, ferner die Herren kais. Rat Leon Bon dy, K. G. Bacher, Ad. Glaser, k. k. Kommerzialrat M. I o ß, Dr. Friedrich K a u s m a n n' Präsident der Advokatenkammer für das Königreich Böhmen, S. L i e b e r s und Dr. W e l t s ch angehörten. Unter den Anwesenden bemerkte man kais. Rat Goltlieb P o l l a k, Dr. P o r g e s, Vorsteher der Kultnsgemeinde Karolinenthal, Dr. A r j e, Rabbiner von Smichow, kais. Rat D. T r o l! e r, Dr. Ludwig P i ck, Dr. W. S ch l e i ß n e r, kais. Rat B. K l e mp e r e r, kais. Rat M. T h i a s und viele andere hervorragende Mitglieder der Prager Kultusgemeinde. In seiner warm gehaltenen Eröffnungsansprache hob der Vorsitzende, Dr. L. B e n d i e n e r die Motive hervor, die seiner Zeit zwei internationale jüdische Konferenzen in Berlin veranlaßt hatten, die A. I. K. O. in's Leben zu rufen. An diesen Konferenzen hatte sich Dr. Ben di euer als Vertreter der Prager Kultusgemeinde beteiligt. Trotz des augenblicklichen Nachlassens blutiger Pogrome ist die Lage der jüdischen Massen in Rußland eine höchst kritische. Ein permanenter wirtschaftlicher Druck zwingt sie zur Auswanderung, der sich aber nun England und Amerika verschließen. Deshalb mußte ein neues Abstuß- und Ansiedlungsgebiet gesucht werden. Ein solches bot sich nur in den Ländern des Orients. Dieser zeitgemäßen, Humanitären Ausgabe, der Ansiedlung der Juden im Orient, dient die A. I. K. O. Nach dem Vorgänge auswärtiger jüdischer Großgemeinden und dem ermunternden Beispiele Wiens würde sicherlich auch die Prager Gemeinde, ihren Traditionen gemäß, dem förderungswürdigen Werke ihre volle Unterstützung angedeihen lassen. Der aus Berlin eingetroffene Vorsitzende des geschästsführenden Ausschusses der A. I. K. O.. Dr. Alfred N o s s i g sprach über die Vorzüge des Orients als Siedlungsgebiet für die Inden und über die Notwendigkeit der Beobachtung kommerzieller Prinzipien bei der Humanitären Förderung der Kolonisation. Herr Ernst L ö w e n b e r g Berlin berichtete über die von der A. I. K. O. bereits in die Wege geleiteten Kolonisations-Unternehmungen und die von ihr zum Teile geschaffenen, zum Teil vorbereiteten Finauzinstitme. Beide Referate fanden lebhaften Beifall. In einer Besprechung, die sich an die Versammlttng angliederte, beschloß der Kreis der Einberufer ans Antrag von Herrn Dr. W elisch ein größeres Komitee zu bilden, das aus zwei Sektionen bestehen wird. Die erste wird sich unter Heranziehung finanzkräftiger und finanzknndiger Persönlichkeiten, mit der Unterstützung der kommerziellen Institute der A. I. K> O. befassen, während die zweite die Propaganda für die A. I. K. O. als humanitäre Organisation in Prag und in anderen jüdischen Gemeinden Böhmens in die Hand nehmen wird.

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